The Intruder (2020)

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Inés hat kein gutes Händchen für Männer. Die Sängerin und Schauspielerin ist mit einem Mann zusammen, der sich als unerträglich herausstellt. Doch die Beziehung endet mit seinem tragischen Tod. Nur ist er immer noch irgendwie da. Ist er der Eindringling?

The Intruder (2020)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Der Klang des Anderen

„El Prófugo“, der Eindringling, so heißt Natalia Metas zweiter Langfilm. Eindringling. Was für ein doppeldeutiges Wort das doch ist. Und wie passend für das Problem der Hauptfigur Inés (Èrica Rivas). Sie Synchronsprecherin und Sängerin ist mit Leopoldo (Daniel Hendler) zusammen, der ein unerträglicher Kontrollfreak ist, dessen Ängste und Verklemmtheiten ganz schnell in ein Verhalten umschlagen, das an psychische Gewalt grenzt. Mit ihm fliegt Inés in den Urlaub, wo die Nähe bald unerträglich wird und sie ihn in einem Ausbruch der Leidenschaft sagt, dass er sie endlich in Ruhe lassen soll. Tut er auch. Für immer.

Denn Leopoldo wird als nächstes tot im Pool gefunden, in den er sich vom Balkon aus stürzte. Inés bleibt im Schock zurück. Ein paar Monate später ist sie wieder am Arbeiten, doch ihre Stimme will nicht mehr. Im Chor kann sie kaum einen Ton halten und auch beim Synchronsprechen wird ihre Arbeit immer wieder von komischen Geräuschen und Interferenzen gestört. Und dann sieht sie ihn wieder: Leopoldo. Oder seinen Geist. Verfolgt er sie? Oder dreht die Frau einfach langsam durch? 

Ganz clever changiert El Prófugo zwischen diversen Genres und ihren bekannten Tropen hin und her und bedient sich im Noir, im Giallo, im klassischen Psychothriller und im Horrorfilm. Das Ergebnis erinnert an Berberian Sound Studio (2012) in seinen besten Momenten, die stets zwischen Grusel und Humor oszillieren und mit den Erwartungen des Publikums spielen. Vor allem der Ton steht hier als wichtiges Element im Vordergrund. Inés‘ verzerrte Stimme, das Rauschen und Piepen, das Flüstern und Fiepen – der Geräuschteppich sorgt für Orientierungslosigkeit und Spannung, die sich immer wieder an der Frage aufhängt, ob Inés eine dieser Frauenfiguren ist, die paranoid, ja gar hysterisch verrückt werden, oder ob da mehr ist und man ihr und ihren Erfahrungen vertrauen soll.

So gesellt sich El Prófugo erstaunlich schnell in eine Reihe mit Andrzej Żuławskis Possession (1981), vor allem ob der starken psychosexuellen Komponente und eben jenem Eindringling, auf den der Film sich in seinem Titel bezieht. Da kommen dann nicht umsonst in einer schon klassisch Freudschen Wendung die Mutter und ein neuer Mann, Alberto (Nahuel Pérez Biscayart) daher, die der Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs noch mehr zusetzen. Und auch bei ihnen, schon wie bei Leopoldo, ist es wieder eine Frage von Nähe und Distanz, von nicht gezogenen Grenzen und der Frage danach, wer eigentlich die Macht über Inés‘ Körper und Geist hat. Nicht umsonst ist es die Stimme, die die Frau im Stich lässt und verrät. In ihren Träumen und alsbald auch im wachen Zustand trifft sie den Eindringling, der sie aber nicht nur ängstigt, sondern ihr auch eine Möglichkeit verschafft, sich zu befreien und Grenzen, vor allem Geschlechtergrenzen zu sprengen. 

Immer wieder mutiert El Prófugo als Film und erfindet sich von einem Genreversatzstück zum nächsten wieder neu. Dem zuzuschauen macht lange Zeit Spaß, vor allem wenn es darum geht Metaphern, Bilder und Ideen zu finden, die das Verlangen von Inés nach Körperlichkeit und Befreiung aus ihren Ängsten und Restriktionen befragen. Es ist eine nahezu produktive Paranoia, in die der Film eintaucht. Doch dieses Spielen und Mutieren bis zum Ende fruchtbar zu machen, das vermag er leider nicht. Dazu geht Natalia Metas letztendlich doch nicht weit genug. Nicht nur in der Erzählung an sich, sondern auch in ihrer Inszenierung. Das Setup ist so stark und verfügt über so viel Potential, dass es frustriert, dass letztendlich keine Konsequenzen gezogen werden. Vielmehr verharrt der Film irgendwann in seinem Changieren und Andeuten ohne sich nach Mehr zu bemühen. Welch hervorragendes Potential hier verloren geht, hätte man die Prämisse bis zum Ende genutzt und sie immer weiter nach oben geschraubt, bis Realität und Traum, Grenzen und Fantasien sich zu etwas Neuem formen, in dem die aufgeworfenen Fragen und Trennungen zu etwas Neuen verschmelzen, egal ob diese dann in der ultimativ zerstörenden Hysterie, im absoluten Horror oder in der Dekonstruktion enden. Das wäre fulminant und bewegend gewesen. Doch der Film nimmt lieber den sicheren Ausgang aus seiner Welt, die eben nichts Neues aufbricht und letztendlich enttäuscht und nicht bewegt.

The Intruder (2020)

Nach einer traumatischen Erfahrung leidet Inés unter Schlafstörungen und Albträumen, die sie peinigen. Wollen die Erscheinungen, die sie in ihren Träumen heimsuchen, Besitz von ihrem Körper ergreifen?

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Meinungen
Olaf · 22.02.2020

Heute auf der Berlinale gesehen. Vielversprechender und sehr unterhaltsamer Beginn, nach 40 min aber nur noch Langeweile pur. Von einem Thriller ganz weit entfernt. Und Arthouse geht auch um ein Vielfaches besser. Durchgefallen, leider.

Kommentare

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