Rewind - Die zweite Chance (2017)

Rewind - Die zweite Chance (2017)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Surfen auf Wahrscheinlichkeitswellen

Johannes F. Sievert ist zusammen mit Dominik Graf Regisseur der beiden Dokumentarfilme Verfluchte Liebe Deutscher Film und Offene Wunde Deutscher Film – Porträt von, Essay über und Propaganda für ein anderes deutsches Kino, eines, das im Genre verwurzelt ist, im Populären, mit Hang zum B-Picture, ohne seicht oder populistisch zu werden. Ein Kino, das in den 1970ern, zwischen Neuem Deutschem Film auf der einen, Schulmädchen auf der anderen Seite, eine kleine Nische von Action & Crime gefunden, es aber nie zu einem Großphänomen geschafft hat. Rewind ist Sieverts eigener Beitrag zu dieser Geschichte deutscher Genrefilme – Tatort goes Zeitreise.

Gleich in der ersten Sequenz ist wahnsinnig viel los. Eine Autofahrt. Ein Schmetterling. Kinder. Ein Radfahrer. Ein Rempler. Ein Unfall. Polizei. Ein Einsatz. Eine Geiselnahme. Ein Banküberfall. Eine Panikattacke. Ein Schuss. Ein furioser Auftakt, von dem man sich eigentlich erst einmal erholen müsste. Atempause gibt es aber keine, ein Zeitsprung um ein paar Monate zeigt Richard Lenders, Polizeikommissar, der mittendrin war in dem ganzen Schlamassel, wieder im Dienst, voll Trauer und Trauma. Und wir sehen einen Mann, den wir kennen, der am Anfang zu sehen war, mehrmals, und der nun ermordet wird. Lenders und sein Partner Gerbaulet nehmen sich des Falles an, sie sehen bald den Zusammenhang mit dem Überfall vom Anfang, es beginnt die übliche Spurensuche, das Hangeln von Indiz zu Indiz, das Grundgesetz, Grundrezept und Grundgerüst eines Polizei-Ermittlungskrimis ist. Ein Kompass. Ein Schlüsselbund. Zahlen, die Koordinaten sind. Im Wald vergraben: Eine Festplatte. Verschlüsselt. Und langsam gleitet der Film über in Gefilde, die wir nicht für möglich gehalten hätten.

Nicht schlagartig, sondern langsam und erstmal unmerklich kommen wir ins völlig Abgefahrene. Auf der Festplatte: Formeln der Quantenmechanik. Im Schädel des Toten: Ein Chip. An der Uni: Eine Doktorandin, die über Teleportation forscht, die experimentell die Quantenmechanik nachbaut, die die Formeln versteht. Und was harter Krimi war, wird zu einer Art Wissenschafts-Phantastik umgeformt, ohne die Detektivarbeit aufzugeben. Parallelwelten, Einsteins „spukhafte Fernwirkung“, Heisenbergs Unschärferelation, Wahrscheinlichkeitswellen und Selbstübereinstimmungsgebot: Quanten sind ein unglaublich reichhaltiges Thema, wenn man filmisch auf Mindfuck setzen will.

Vergangenheit verändern zu wollen führt zu Paradoxa, die Sievert mit wissenschaftlichem Jargon überbügelt, im Wissen, dass diese unbekannte Welt eine unheimliche Faszinationskraft ausübt, in der die kleinsten Teilchen mit ihren magischen Wirkungen die Realität umbiegen. Wenn man Quanten beobachtet, ändern sie ihr Verhalten; wenn man sie steuern kann, ist alles möglich.

Inmitten der Konventionen – der knurrige Vorgesetzte als bewusst eingesetzte Klischeefigur – inszeniert Sievert einerseits rasante Action und spannende Ermittlungsarbeit, andererseits baut er eine Science-Fiction-Ebene auf, die, genau besehen, in höheren Blödsinn führt – aber das mit solcher Chuzpe, mit solcher Unbekümmertheit, dass wir gerne folgen. Und irgendwann scheint sich tatsächlich so etwas wie ein Sinn dahinter einzustellen; weil die Trauer und Melancholie ohnehin den Film atmosphärisch bestimmt, bis man sie, vielleicht, mittels Quantenchip und genügend Volt wegpusten kann. Und weil am Ende sich offenbart, dass ein kleiner Schmetterling tatsächlich einen Wirbelsturm der Ereignisse verhindern kann.
 

Rewind - Die zweite Chance (2017)

Johannes F. Sievert ist zusammen mit Dominik Graf Regisseur der beiden Dokumentarfilme „Verfluchte Liebe Deutscher Film“ und „Offene Wunde Deutscher Film“ – Porträt von, Essay über und Propaganda für ein anderes deutsches Kino, eines, das im Genre verwurzelt ist, im Populären, mit Hang zum B-Picture, ohne seicht oder populistisch zu werden.

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Meinungen
Connie Draxel · 17.06.2019

Den Film gibt es auf DVD und im streaming on demand. Ins Kino ist der soweit ich weiß nicht gekommen, da hat sich kein Verleiher gefunden. Nicht ganz ohne Grund. Die erste Hälfte fühlt sich an wie ein mittelmäßiger Tatort, und dann rutscht es immer mehr in eine vermurkste Zeitreise Handlung ab, die in anderen Filmen schon viel besser und origineller inszeniert wurde. Es ist erstaunlich, dass die Schauspielerinnen Sylvia Hoeks und Antje Traue, die in dem Film auftreten, gar nicht in in der Besetzungsliste erwähnt werden, dabei spielt Sylvia Hoeks sogar eigentlich die weibliche Hauptrolle. Leider ist sie eine krasse Fehlbesetzung, denn sie soll eine Physik-Doktorandin spielen, und das nimmt man ihr so gar nicht ab. Die anderen Schauspieler, die als Wissenschaftler besetzt sind, machen auch keine gute Figur. Offenbar haben weder die Schauspieler noch die Filmmacher jemals Wissenschaftler in der Realität gesehen oder kennengelernt. Kein guter Film insgesamt, der auch schauspielerisch eher am unteren Ende anzusiedeln ist. Die Hauptrollen werden von Schauspielern der B-Kategorie verkörpert, und wie gesagt, Sylvia Hoeks ist völlig fehlbesetzt. Alex Brendemühl spielt noch ganz gut, aber an dem vermurksten Drehbuch kann er auch nichts retten. Schade eigentlich, dass ein deutscher Genrefilm hier wieder abstürzt. Die Serie "Dark" zeigt, dass es möglich ist, Zeitreise-Krimis filmisch gut zu erzählen. Aber das erfordert wahrscheinlich viel größeren Aufwand, wie eben eine Serie mit Netflix-Kapitalausstattung.

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