Pelikanblut (2019)

Pelikanblut (2019)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Die Mutter als Pelikan

Es gibt viele Gründe, ein Kind zu adoptieren. Hinter Wiebkes (Nina Hoss) kommt man erst zum Schluss von „Pelikanblut“, dem neuen Film von Katrin Gebbe, der die Nebenreihe Orizzonti in Venedig eröffnet hat. Wiebke ist alleinstehend, hat eine Pferderanch irgendwo auf dem Land und bereits eine Adoptivtochter im Grundschulalter, als sie beschließt, ein weiteres Mädchen bei sich aufzunehmen. Raya (Katerina Lipovska) ist fünf Jahre alt und macht zunächst den Eindruck eines braven blonden Engels. Dass die Ankunft des Kindes einen Schatten auf die kleine Familie wirft, wird spätestens dann klar, als Raya zum ersten Mal in den Armen der Mutter liegt. Dafür bleibt die Zeit im Film kurz stehen: In Slowmotion drückt Wiebke ihre beiden Töchter an sich, das Licht überblendet scharf ihre Konturen und zeichnet die Haare der Mutter fast weiß und auf der Tonebene hängt ein dumpfes Grollen über der Szene, die pures Glück für alle Beteiligten bedeuten sollte und doch das Unheil schon vorausahnen lässt.

Raya ist stark traumatisiert. Schon bald zeigen sich ihre psychischen Probleme im Umgang mit anderen Kindern — die Schwächsten unter ihnen quält sie. Sie hat Wutanfälle, spielt mit Feuer und Wiebke wird noch ungeheuerliche Entdeckungen im Zimmer der neuen Tochter machen. So gut sie es bei ihren Pferden schafft, den Traumatisierten die Angst zu nehmen und sie zurück in die Gesellschaft zu integrieren, so sehr versagen all ihre Versuche beim eigenen Kind. Doch die Frau geht immer weiter. Im bulgarischen Waisenhaus, aus dem sie Raya geholt hat, stand sie lange vor dem Holzschnitt eines Pelikans, der sich die Brust aufreißt, um mit seinem Blut die eigenen Kinder wiederzubeleben. Diese Legende ist im Mittelalter zur Symbolik für Christus am Kreuz geworden. Auch Wiebke muss einen langen Weg voller Prüfungen zurücklegen, die ihr immer größere, auch körperliche Bürden zu tragen aufgeben. Sie nimmt all das mit stoischer Miene in Kauf, lässt sich in ihrem Glauben, das Kind durch ihre Mutterliebe heilen zu können, auch dann nicht beirren, als es ihr Haus in Brand setzt.

Sie trägt dabei im Gesicht eine Narbe, die man lange für eine alte Verletzung, vielleicht durch einen Reitunfall, hält. Erst gegen Ende, wenn Wiebke sich an den letzten Strohhalm klammert, der ihr geboten wird und sich schwarzer Magie anvertraut, bemerkt die Schamanin, die sie aufsucht, dass es nicht nur bei ihrer Adoptivtochter, sondern auch bei ihr eine „seelische Lücke“ gibt, die nicht gefüllt wurde und gefährlich ist. So gefährlich, dass die Frau für ihren Glauben ihre Familie, die Ranch, den Beruf und ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt.

Pelikanblut könnte fast ein Gegenstück zu Nora Fingscheidts Systemsprenger sein. Beide handeln von Kindern, denen als Babys so schwere Misshandlungen widerfahren sind, dass sie sich der Aggressionen nur erwehren konnten, indem sie sie selbst übernommen haben und nun weitergeben, keine Bindungen aufbauen können und sich selbst und andere gefährden. Doch da hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Wo Fingscheidt die Grenzen und das Versagen des Systems aufzeigt, da taucht Gebbe ins Mystische ab. Ganz langsam erhöht sie den Druck auf ihre Figuren, treibt sie immer weiter in die Enge und lässt rechtzeitig eine Deutung zu, die weg vom rein Psychologischen hin zum Übernatürlichen geht, ohne dabei in plumpen „Das-Kind-ist-besessen“-Horror zu verfallen. Mit den Elementen des Horrorgenres spielt Gebbe jedoch recht deutlich. Dass ihre Idee aufgeht, liegt nicht nur an Gebbes Drehbuch und Regie. Auch die Besetzung der jungen Katerina Lipovksa, die Raya verstörend gut spielt, ist ein Glücksfall. Und Nina Hoss in der Rolle der kämpfenden Mutter sowieso.

Pelikanblut (2019)

Nina Hoss spielt die alleinerziehende Mutter und Pferdetrainerin Wiebke, die ein fünfjähriges Mädchen (Katerina Lipovska) aus Bulgarien adoptiert. Bald merkt sie jedoch, dass das Mädchen Bindungsstörungen hat und sich und ihr Umfeld durch ihr Verhalten in Gefahr bringt. Wiebke wird derweil immer besessener davon, das Kind heilen zu wollen.

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