Ohne Gnade

Ohne Gnade

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Niveaulimbo in Willich-Schiefbahn

Vielleicht liegt es ja am Namen des Ortes, dass man hier fast zwangsläufig auf die schiefe Bahn geraten muss, vielleicht auch an der Lage am Rande des Ruhrgebiets, wo die Welt irgendwann in den 1990er Jahren stehengeblieben zu sein scheint. Oder vielleicht auch an der Phantasie der Drehbuchautorin und Regisseurin Birgit Stein, die bislang als Darstellerin bei Filmgrößen wie Doris Dörrie, Ralf Huettner und Oskar Roehler, hauptsächlich aber bei Uwe Boll und Peter Thorwarth in Erscheinung getreten ist. Vor allem am Oeuvre der beiden letztgenannten hat sich die Filmemacherin offensichtlich orientiert bei ihrem Spielfilmdebüt, das zwischen Megatrash, peinlichen Sexzoten, Kirmestechno und gewollter Coolness taumelt. Das Ergebnis, so lässt es das Presseheft Jürgen Prochnow verlauten, solle womöglich Kultstatus erreichen und orientiere sich an US-amerikanischen Komödien wie Hangover und an den Filmen Judd Apatows. Sollte es noch eines Beweises bedürfen, dass schlichtes Kopieren vermeintlicher Erfolgsrezepte nicht ohne weiteres in Deutschland funktioniert, ist spätestens Ohne Gnade der endgültige Beweis dafür.
Die Story ist so hanebüchen wie das Personal eindimensional: Biene (Sylta Fee Wegmann) und Püppi (Sina Tkotsch) sind die beiden Töchter von Hilde Busch (Catrin Striebeck), die einfach immer wieder an die falschen Männer gerät und deshalb auch finanziell nicht auf die Beine kommt. Aus diesem Grund hausen die drei Frauen gemeinsam in einer Schrebergartenkolonie in Willich-Schiefbahn. Als Bienes Hochzeit scheitert und Hildes neuer Lover Ronzo (Gedeon Burkhardt) die Finger nicht von der 15-jährigen Püppi lassen kann, beschließen die beiden Schwestern, dass sie der Männerwelt einen gehörigen Denkzettel verpassen und nebenbei noch das große Geld machen wollen. Der Plan ist denkbar einfach – weil es die Männer in dem Städtchen auch sind: Wenn sich bei den Herren der Schöpfung sowieso alles um Sex dreht, stellen die beiden Schwestern ihnen eine Sexfalle nach der anderen und erpressen ihre „Opfer“ danach mit den Fotos und Videoaufnahmen. Obwohl sich Biene und Püppi anfangs mindestens ebenso dämlich anstellen wie die Männer, fließt bald schon das schnelle Geld. Dann aber geraten die Erpresserinnen an die Falschen, die ihnen mit Hilfe eines gedungenen Mörders an den Kragen wollen.

Was sich auf dem Papier zumindest flott liest, ist in Wirklichkeit derart übertrieben, hektisch und vollkommen unglaubwürdig zusammengeschustert, dass man binnen kurzer Zeit die Augen und Ohren auf Durchzug stellt und den Rest des Filmes (sofern keine Fluchtmöglichkeit besteht) gottergeben und zunehmend genervt durchleidet. Mit ungläubigem Staunen verfolgt man den Aufmarsch deutscher B- bis C-Schauspielprominenz (von Thomas Heinze über Jan Fedder, Ralf Richter, Christoph M. Ohrt und Tom Gerhardt bis hin zu Helge Schneider reicht die Riege) und schämt sich permanent fremd aufgrund übelster Sexwitzchen und unsäglich dummer Dialoge. Die bestehen vor allem aus einer Aneinanderreihung vermeintlicher flotter Wendungen wie „Tschö mit Ö“, „volle Kanne“, „geiler Hirsch in Dauerbrunft“, „bei dem dreht sich im Leben tatsächlich alles nur ums Moos und ums Möschen“, die man längst auf dem Friedhof des Dummdeutsch wähnte, nur um dann festzustellen, dass hier nahezu jede sprachliche Verirrung seit Liebesgrüße aus der Lederhose fröhlich recycelt wurde.

Allerdings geht es auch in diesem Falle immer noch ein wenig schlimmer: Weil so viel Niveaulimbo an einigen Stellen selbst der Drehbuchautorin die Sprache zu verschlagen scheint, begnügt sie sich bisweilen mit Tierlauten, um ihr Kuriositätenkabinett zu charakterisieren — so meckert beispielsweise die „Emanze“ Elvira wie eine Ziege, während der dauergeile Nachbar Tarzan beim Liebesakt wie ein verwundeter Schimpanse brüllt. Immerhin, so denkt man sich in Momenten wie diesen, entgeht man auf diese Weise weiterer Verbalgülle aus dem Munde des knallchangierenden Leinwandpersonals.

Angetrieben wird die zotig-peinliche Nummernrevue von Kirmestechno, Pseudocountry, dadaistischen Rock ‚n‘ Roll-Nummern, dem enervierenden Dauergeplapper Bienes und visuellen Billigtricks aus der Grabbelkiste des Kintopp wie Fast-Forward-Passagen und Vorwärts-Rückwarts-Loops, die die hysterischen Handlungen wohl aufpeppen sollen.

Wer nun allerdings glaubt, damit sei die Liste der Ärgernisse zu Ende, für den hält Ohne Gnade noch ein besonderes Schmankerl der Geschmacklosigkeit bereit: Wie Rolf Zacher als pädophiler Stadtrat Alfons durch die Story irrlichtert, erfüllt beinahe schon den Tatbestand der Verharmlosung und verspielt auch noch den letzten Rest an mühsam aufgebrachter Sympathie gegenüber diesem Film, von dem man sich am Ende nur noch eines wünscht – zu vergessen, dass man ihn jemals gesehen hat.

Ohne Gnade

Vielleicht liegt es ja am Namen des Ortes, dass man hier fast zwangsläufig auf die schiefe Bahn geraten muss, vielleicht auch an der Lage am Rande des Ruhrgebiets, wo die Welt irgendwann in den 1990er Jahren stehengeblieben zu sein scheint. Oder vielleicht auch an der Phantasie der Drehbuchautorin und Regisseurin Birgit Stein, die bislang als Darstellerin bei Filmgrößen wie Doris Dörrie, Ralf Huettner und Oskar Roehler, hauptsächlich aber bei Uwe Boll und Peter Thorwarth in Erscheinung getreten ist. Vor allem am Oeuvre der beiden letztgenannten hat sich die Filmemacherin offensichtlich orientiert bei ihrem Spielfilmdebüt, das zwischen Megatrash, peinlichen Sexzoten, Kirmestechno und gewollter Coolness taumelt.
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Meinungen
GegenSatz · 01.05.2013

Danke, Herr Mietgeist, für diese exzellent geschriebene Besprechung, der man das Herzblut des wundwaiden Filmkritikers noch bis ins letzte Ausrufezeichen anmerkt. Zur Vereinfachung: Ich schlage eine neue Bewertungsskala für Filme vor: Wieviele Sixpacks muß ich einkaufen, um diesen Film zu überstehen? Und nebenbei, könnte ich eine Kopie der Sichtungsdisk haben? Natürlich nur für Forschungszwecke! ;-))

Kommentare

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