Lemon Tree

Lemon Tree

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine Parabel auf den Nahost-Konflikt

Seit Jahrzehnten schon befindet sich der Zitronenhain im Besitz der Familie Zidane im Westjordanland, und nach dem Tod ihres Mannes sichert er der Witwe Salma (Hiam Abbas) ein bescheidenes Einkommen. Doch als der israelische Verteidigungsminister (Doron Tavory) und dessen Frau Mira (Rona Lipaz-Michael) in unmittelbarer Nähe ihr neues Domizil beziehen wollen, sind die Bäume dem israelischen Geheimdienst Mossad ein Dorn im Auge – schließlich könnten sich hinter den Bäumen palästinensische Terroristen verbergen und das Leben des Politikers bedrohen. Salma allerdings lehnt die angebotene Entschädigungszahlung ab und beharrt darauf, den Hain zu behalten. Als ihr die Bäume weggenommen werden sollen, nimmt sich die streitbare Witwe den Anwalt Ziad Daud (Ali Suliman) und geht schließlich bis vor den Obersten Israelischen Gerichtshof. Dabei erhält sie schließlich sogar Unterstützung von der Frau des Ministers und verliebt sich in ihren smarten Anwalt. Doch Gerechtigkeit erfährt sie nicht, der Kampf gegen die Ansprüche des Politikers und damit gegen israelische Sicherheitsinteressen – so absurd sie auch sein mögen – erweist sich als ungleicher Kampf, den Salma nur verlieren kann...
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Eran Riklis auf seine persönliche und erstaunlich private Weise mit dem Nahost-Konflikt und dessen Folgen für die „kleinen Leute“ auseinander setzt. Waren es in Die syrische Braut die Golanhöhen, so ist die Geschichte in Lemon Tree im ebenfalls von Israel besetzten Westjordanland angesiedelt. Hier wie dort interessiert sich Riklis vor allem für die Folgen, die der verhärtete Konflikt für die Frauen hat. Sie sind diejenigen Personen, von denen – wenn überhaupt – die Hoffnung auf eine längst überfällige Aussöhnung ausgehen kann. Und diese Aussöhnung ist zum Greifen nahe, wären da nicht die Männer auf beiden Seiten, die den Konflikt verschärfen, die nicht bereit sind, klein beizugeben.

Deutlich, zum Teil überdeutlich findet Eran Riklis immer wieder Metaphern für die verzwickte Lage, die vor allem in Bildern des Eingesperrtseins, der Mauern, Grenzen und Gitter bestehen. Alle Handelnden in diesem Film sind Gefangene: Sie unterwerfen sich der verfahrenen Situation, sind unfähig zur Kommunikation, hören immer wieder auf Ratschläge von außen, statt ihrem Herzen zu folgen und den Konflikt auf menschliche Weise beizulegen.

Hinter all dem ist deutlich die zweifelsohne gute Absicht zu spüren, doch bisweilen leidet die Story und mit ihr die Logik unter dem Bemühen: Warum der israelische Minister sich ausgerechnet ein Domizil in solch einer Gefährdungslage bauen muss, erscheint wie manches in diesem Film reichlich überkonstruiert. Ebenfalls wenig passend ist die Liebesgeschichte zwischen Salma und ihrem Anwalt, der immerhin wenigstens kein Happy End beschieden ist. Dies alles hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, und trotz einer sehenswerten Kameraarbeit, einer brillanten Hiam Abbas und einer ansprechenden Grundidee weiß Lemon Tree niemals ganz zu überzeugen. Mag sein, dass die Ansprüche durch Eran Riklis Überraschungserfolg mit Die syrische Braut an den neuen Film enorm waren, gemessen an seinem Vorgänger ist Lemon Tree eine kleine Enttäuschung, daran kann auch der Publikumspreis der Panorama-Reihe der Berlinale 2008 nichts ändern.

Lemon Tree

Seit Jahrzehnten schon befindet sich der Zitronenhain im Besitz der Familie Zidane im Westjordanland, und nach dem Tod ihres Mannes sichert er der Witwe Salma (Hiam Abbas) ein bescheidenes Einkommen.
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Meinungen
Tobi · 05.01.2009

Leider zur Zeit aktueller denn je...

Carla Rosendahl · 13.12.2008

Ein ausgezeichneter Film. Spitzenbesetzung, d.h. schauspielerische Leistungen hervorragend, feine Details, wunderbare Kameraführung. Wenn etwas zu kritisieren ist, dann evtl. das Drehbuch: warum der Verteidigungsminister ausgerechnet so dicht an der grenze angesiedelt werden soll.

loewenschreck · 11.11.2008

Enttäuschend!! Die verkorkste Ehe des Verteidigungsministers hatte wohl nicht viel der Geschichte zu tun! Kein Vergleich zur "Syrischen Braut" ... Schade um die verpaßte Gelegenheit!

Marabuschki · 10.11.2008

Die story wirkt konstruiert, an den Haaren herbei gezogen. Besonders die Liebesgeschichte; überzeugender wäre die Vorstellung, dass der Anwalt Liebe nur vortäuscht, um den Fall durchziehen zu können - damit er hinterher beruflich profitiert. - Die Verteilung von Gut und Böse duldet im Film offenbar keine Grau- bzw. Zwischentöne.

Johann Gauter · 08.10.2008

Der Film transportiert symbolisch ( und das meint mit Metaphern, mit Beispielen, mit Andeutungen etc.) die Beschreibung der (anti-)menschenrechtlichen Situation zwischen Israel und Palästina ins internationale Kino:Strassensperren, Land-Enteignung,Baumrodungen, Hauszerstörungen, vergebliche Proteste bei der isr. Justiz und in der Öffentlichkeit und noch mehr.Das Kino,in dem ich sass,war voll, die Menschen waren nach dem Film still.Meine Gratulation den Herstellern(innen).

R. Otterbach · 09.06.2008

Ein kluger Film, der nicht nur als eine politischer Film verstanden werden darf.

Kommentare

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