House of Boys

House of Boys

Eine Filmkritik von Paul Collmar

Das Leben vor dem Tod in Amsterdam

In manchem Film liegen Coming-out und Coming-of-age nahe beinander – und zwar nicht nur sprachlich. Für Jean-Claude Schlims luxemburgische Produktion House of Boys ist das ohne Zweifel der Fall. Seine in den Achtzigern angesiedelte Geschichte erzählt von dem aus spießbürgerlichen Verhältnissen stammenden Frank, der in Amsterdam zuerst das süße schwule Leben, dann die Liebe seines Lebens und am Ende den Tod durch die „Schwulenseuche“ AIDS findet.
In den Achtzigern im behaglich-spießigen Luxemburg aufzuwachsen, ist nicht gerade das reinste Vergüngen – schon gar nicht, wenn man eben erst 17 Jahre alt ist und seine (homo)sexuellen Bedürfnisse ausleben will. Frank (Layke Anderson), der sich in den Discos Luxemburgs einen (in den Augen Anderer zweifelhaften) Ruf als „König der Tanzfläche“ erworben hat, hat bald schon die Nase voll von seinen Eltern und Freunden. Gemeinsam mit seiner besten Freundin bricht Frank nach Amsterdam auf, wo er die neu gewonnene Freiheit in vollen Zügen genießt. Discos, Drogen und jede Menge Sex – der Junge aus der Provinz lässt nichts aus und ist deswegen schon bald pleite. Durch einen Zufall landet er im „House of Boys“, einem schwulen Strip-Club und Bordell, das von der exzentrischen Drag-Queen „Madame“ (wunderbar schräg: Udo Kier) geleitet wird. Der Club ist einer der Szene-Treffpunkte des hedonistischen Nachtlebens der niederländischen Metropole. Hier fühlt sich Frank schon bald so wohl wie ein Fisch im Wasser und taucht voller Enthusiasmus ein in die homosexuelle Subkultur der Stadt. Weil Frank sich gut bewegen kann und leidenschaftlich gerne tanzt, wird er zum Stripper und zum Mitglied der Kleinfamilie rund um Madame. Und er verliebt sich (ausgerechnet) in Jake (Benn Northover), der als einziger der Jungs vom „House of Boys“ nicht schwul, sondern bisexuell ist. Das Glück der beiden ist nur von kurzer Dauer, denn Jake hat sich bei einem amerikanischen Kunden mit einer Krankheit angesteckt, die gerade dabei ist, zu trauriger weltweiter Berühmtheit zu gelangen – AIDS. So wird aus der wilden und sehr campigen Komödie unversehens eine Tragödie, denn in den Achtzigern kommt die Diagnose einem sicheren Todesurteil gleich.

Jean-Claude Schlims Spielfilmdebüt House of Boys ist ein wilder Genre-Mix, der grelle Szene-Komödie, Tragödie, warmherziges Melodram, Experimental- und schwuler Liebesfilm auf einmal sein will und sich zudem als Märchen versteht – was Frank an einer Stelle des Films auch explizit so äußert. Wenn so viele Elemente in einen Film gepackt werden, ist es beinahe zwangsläufig, dass manches recht dicht (und dick aufgetragen) wirkt. Was vor allem am Ende des Films augenfällig wird, wenn neben der HIV-Erkrankung Jakes noch jede Menge Rührseliges, Kitschiges und schockierende Enthüllungen aus der Vergangenheit zusammenkommen. Hier fühlt man sich fast ein wenig erschlagen von der Fülle der Themen und Probleme, die wie an einer Perlenschnur aufgereiht abgearbeitet werden, als sei das Elend des recht drastisch geschilderten Krankheitsverlaufs nicht schon heftig genug.

Selbst wenn sich in den letzten Jahren beinahe so etwas wie eine queere Filmsubkultur herausgebildet hat, das Thema HIV findet (abgesehen von der Hollywood-Schmonzette Philadelphia) nach wie vor im Kino äußerst selten statt. Fast scheint es, als werde es ebenso wie generell in der Gesellschaft an den Rand gedrängt bzw. bewusst verdrängt. Dies ist bei House of Boys definitiv anders. Und zwar auf eine Weise, die besonders am Ende manchem zartbesaiteten Zuschauer an die Nieren gehen dürfte.

Das ist zugegebenermaßen harter Tobak und gerade aus heutiger Sicht, in der sich die fatale und trügerische Sicherheit in den Köpfen festgesetzt hat, HIV sei keine wirkliche Bedrohung mehr, ein beinahe schon sexualpädagogisch immens wichtiger Film. Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember passt House of Boys wie die Faust aufs Auge – was wiederum impliziert, dass der Film in manchen Momenten auch ganz schön weh tut.

House of Boys

In manchem Film liegen Coming-out und Coming-of-age nahe beinander – und zwar nicht nur sprachlich. Für Jean-Claude Schlims luxemburgische Produktion „House of Boys“ ist das ohne Zweifel der Fall.
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Meinungen
Gerdy · 27.02.2011

wtwas 80er like, aber UDO KIER ist tol!

Kommentare

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