Hölle Afghanistan

Hölle Afghanistan

Eine Filmkritik von Stefan Dabrock

Die Rätsel des Krieges

Hölle Afghanistan ist nicht gerade ein guter Titel für eine Mischung aus Kriegssatire und Drama, gaukelt er doch das große Leiden vor, das im Film gar nicht enthalten ist. Der englische Originaltitel Afghan Luke klingt demgegenüber luftiger und passt damit besser zum fertigen Film.
Der kanadische Kriegsreporter Luke (Nick Stahl) kommt mit der Nachricht nach Hause zurück, innerhalb der eigenen Afghanistantruppen gäbe es einen Scharfschützen, der getöteten Feinden die Finger abschneidet. Da sein geplanter Bericht über das Kriegsverbrechen abgelehnt wird, fliegt er auf eigene Rechnung mit seinem Kumpel Tom Holiday (Nicolas Wright) in das Land am Hindukusch, um der Sache vollständig auf den Grund zu gehen. Während Tom mithilfe maßstabsgetreuer Panzermodelle eine Dokumentation über afghanische Panzerschlachten drehen will, versucht Luke seine Kontaktleute dazuzubewegen, ihn an den Ort des Kriegsverbrechens zu bringen. Aber die Lage in Afghanistan ist unübersichtlich und so führt der Einheimische Mateen (Stephen Lobo) seine Begleiter Luke und Tom auf verschlungenen Wegen durch das Land.

Die kennzeichnen auch den inszenatorischen Stil innerhalb des Films, denn Regisseur Mike Clattenburg nähert sich der Situation in Afghanistan mit den Mitteln der absurden Realitätskonstruktion. Die Figuren, die gezeigten Lebensumstände der Einheimischen oder auch die Art des Reisens in Afghanistan sollen kein dokumentarisch akkurates Bild abliefern, sondern die Unmöglichkeit widerspiegeln, die Übersicht zu behalten.

Als Tom einem unglaublich schlechten Möchtegernrapper für ein Treffen mit einem angeblichen Haschischbaron verspricht, er könne ihm einen Plattenvertrag besorgen, werden sie zu Assad (Emmanuel Shirinian) gebracht. Der produziert sich mit Anzug und Sonnenbrille als lässiger, mächtiger Gangster, mit dem man sich nicht anlegt. Er übergibt Luke und Tom einen Haufen CDs mit Demoaufnahmen afghanischer Rapper, die unbedingt groß rauskommen sollen. So grotesk das Treffen schon ist, weil eigentlich keine der beiden Parteien das Geschwätz der jeweils anderen glauben kann, so absurd wird die Konstellation im weiteren Verlauf des Films. Als Assad herausfindet, dass er belogen wurde, rast er mit einem Wagen, auf dem sich ein Maschinengewehr befindet, hinter Luke und Tom her, wird aber von zwei harmlos scheinenden Afghanen in traditioneller Kleidung gedemütigt und fortgejagt. In solchen Szenen mischt Clattenburg satirischen Humor über afghanische Großmannsambitionen mit der Tragik, die dem gnadenlosen Scheitern innewohnt. Gleichzeitig verwirrt das Nebeneinander aus Karikaturgestalten und deutlich realistischer wirkenden Einheimischen.

In einem Land mit einer so komplexen sozialen Lage wie Afghanistan, in dem ausländische Truppen versuchen, ihre Vorstellung einer Ordnung durchzusetzen, in dem Drogenanbau den Lebensunterhalt harmloser Bauern ohne andere Perspektiven sichert, in dem die meisten Menschen einfach nur ein ruhiges Leben führen wollen, kann niemand genau verstehen, was passiert. So erscheint die Wahrheitssuche der Journalisten, die Rolle der Soldaten, privater Sicherheitsunternehmen und anderer Akteure in einem zunehmend spöttischeren Licht. Die Dynamik der Unübersichtlichkeit ist Teil der Erzählung selbst. Das ist die Stärke von Clattenburgs Film.

Die fehlenden Ausschläge ins Extreme sind die Schwäche. Nur selten reizt er die Groteske wirklich aus. Das Gleiche gilt für die Dramatik, die angesichts der verfahrenen Lage für die Menschen in Afghanistan gilt. Zwischen beiden Polen richtet sich Clattenburg auf einer Mittellinie ein, sodass der Film zwischendurch immer wieder ein wenig versandet.

Die Blu-ray wartet mit lohnenswertem Bonusmaterial auf, das ein paar Hintergründe vermittelt. So geht Regisseur Mike Clattenburg im Audiokommentar auf wichtige Punkte der Filmproduktion ein. Er äußert sich über die Drehorte, hat Details zur visuellen Ausstattung parat und vermittelt, wie man mit einem kleinen Budget einen möglichst guten optischen Eindruck erzielen kann.

Hölle Afghanistan basiert lose auf Erlebnissen des Kriegsberichterstatters Patrick Graham. Seine Informationen über die realen Hintergründe einiger Filmszenen sind das Beste am rund 8-minütigen Making Of, das sonst zumeist die Filmhandlung nacherzählt.

15 Minuten an „Deleted Scenes“ geben einen amüsanten Einblick in die Kreativität der Drehbuchautoren, deren Einfälle sich eben nicht immer harmonisch in die Dramaturgie des fertigen Films einfügen lassen.

Hölle Afghanistan

„Hölle Afghanistan“ ist nicht gerade ein guter Titel für eine Mischung aus Kriegssatire und Drama, gaukelt er doch das große Leiden vor, das im Film gar nicht enthalten ist. Der englische Originaltitel „Afghan Luke“ klingt demgegenüber luftiger und passt damit besser zum fertigen Film.
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