Happiness

Happiness

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Reise ins Herz der suburbanen Finsternis

Denkt man über die wichtigsten US-Indies der 1990er Jahre nach, kommt man an Todd Solondz’ Film Happiness kaum vorbei. 1998 beim Festival von Cannes mit dem Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet und für einen Golden Globe nominiert, war Happiness der bis dato auch kommerziell erfolgreichste Film des Regisseurs und festigte den Ruf des Filmemachers als unerschrockener Analytiker der suburbanen Neurosen und Perversionen als Schattenseiten des „american dream“. Nun ist Happiness nach langer Zeit (immerhin mehr als zehn Jahre, in denen der Film nur als teurer Import zu haben war) endlich als DVD erschienen und wird wohl bei manchem Cineasten endlich eine nicht unerhebliche Lücke in der Sammlung füllen.
Im Zentrum des Films, aus dessen Titelgebung nichts anderes als bitterster Sarkasmus spricht, stehen die drei Schwestern Joy (Jane Adams), Helen (Lara Flynn Boyle) und Trish (Cynthia Stevenson), die trotz ihrer Abstammung denkbar unterschiedlich geraten sind. Die hippieske Joy beispielsweise ist ein labiles und depressives Geschöpf, das ständig am Rande eines Nervenzusammenbruchs entlang spaziert und nichts anderes möchte, als endlich den Mann ihrer Träume zu finden. Weil der aber auf sich warten lässt, beginnt sie eine Affäre mit ihrem Nachhilfeschüler Vlad (Jared Harris). Helen ist das genaue Gegenteil von Joy, die toughe und erfolgreiche Buchautorin ist extrovertiert, sexuell äußert herausfordernd und kaschiert doch mit ihrem Verhalten ihre Schwächen und Selbstzweifel, die sie permanent plagen. Verfolgt wird sie von ihrem Nachbarn Allen (Philip Seymour Hoffman), der sie immer wieder am Telefon sexuell belästigt. Trish, die dritte der Schwestern, wirkt auf den ersten Blick wie der Inbegriff einer treu sorgenden und ausgefüllten Hausfrau und Mutter, die mit Begeisterung für ihre Familie sorgt. Doch die Fassade der Wohlanständigkeit ist brüchig und verbirgt Abgründe, die schließlich die Familie auseinanderbrechen lassen, denn Trishs Mann (Dylan Baker), ein angesehener Psychiater, ist pädophil und betäubt einen Freund seines Sohnes, um sich an ihm sexuell zu vergehen.

In kunstvoll miteinander verwobenen Episoden, die den Einfluss von Robert Altmans Short Cuts deutlich werden lassen, erforscht Todd Solondz mit großer Unbarmherzigkeit all jene Aspekte des alltäglichen Lebens, die man normalerweise in US-amerikanischen Filmen niemals zu Gesicht bekommt. Mit beinahe schmerzhaftem Realismus seziert der Film die vielen Niederlagen, Schmähungen und Lebenslügen seiner Protagonisten, ohne diese aber vollständig bloßzustellen. Sie sind bedauernswert, armselig, verloren – und können doch meist einfach nicht anders, was gerade im Fall des Päderasten für einiges an Diskussionsstoff sorgte. Dennoch ist Happiness nicht frei von grimmigem Humor, der allerdings meist so beschaffen ist, dass man sich sofort ertappt fühlt, wenn man es angesichts dieser Ansammlung von Losern, Versagern, Neurotikern und Perversen einmal wagt zu lachen.

Vielleicht ist es gerade diese mit Humanismus gepaarte Radikalität, die Unerbittlichkeit des Blicks auf die menschliche Tragödie, durch die Happiness einen mittlerweile in Cineastenkreisen legendären Ruf erlangt hat, einen Kultstatus, der seitdem zur Blaupause für etliche Independent-Produktionen in den USA und Europa geworden ist.

Mit seinem neuen Film Life During Wartime (2009) hat Todd Solondz übrigens seinen Reigen der Besessenen und Verdammten gerade erst zu neuem Leben erweckt – mit den gleichen Filmfiguren, aber anderen Darstellern erzählt er davon, wie es weiterging. Und wenn man ehrlich ist: So richtig viel optimistischer ist sein Blick auf die Welt nicht gerade geworden. Dennoch dauert es dieses Mal hoffentlich nicht wieder mehr als zehn Jahre, bis das Publikum diese neuerliche Reise ins Herz der suburbanen Finsternis zu Gesicht bekommt – bislang war Life During Wartime nur auf Festivals zu sehen bzw. auf DVD über das Ausland erhältlich. Eine deutsche Veröffentlichung auf der großen Leinwand oder direkt auf DVD steht bislang noch in den Sternen.

Happiness

Denkt man über die wichtigsten US-Indies der 1990er Jahre nach, kommt man an Todd Solondz’ Film „Happiness“ kaum vorbei. 1998 beim Festival von Cannes mit dem Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet und für einen Golden Globe nominiert, war „Happiness“ der bis dato auch kommerziell erfolgreichste Film des Regisseurs und festigte den Ruf des Filmemachers als unerschrockener Analytiker der suburbanen Neurosen und Perversionen als Schattenseiten des „american dream“.
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