Hanna (TV-Serie, 2019)

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Mit „Hanna“ erhält der nächste Kinofilm einen Serienableger. Doch kann die Streamingvariante über eine brandgefährliche Jugendliche mit der Leinwandversion mithalten?

Hanna (TV-Serie, 2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Killermaschine aus dem Wald

Langsam aber sicher gehen dem allseits gelobten Qualitätsfernsehen die Ideen aus. Abseits der Umsetzung originärer Stoffe und literarischer Vorlagen nehmen die Serienadaptionen von Kinofilmen zu: Hannibal, „Bates Motel“, „Fargo“, „Scream“, „Lethal Weapon“, „Der Exorzist“, Nola Darling und und und – und nun also „Hanna“.

Joe Wrights vierter abendfüllender Spielfilm verblüffte. Bis dato war der britische Regisseur für (historische) Dramen, die Literaturverfilmungen Stolz & Vorurteil (2005) und Abbitte (2007) sowie das Biopic Der Solist (2009) bekannt. Mit Anna Karenina (2012), Pan (2015) und Die dunkelste Stunde (2017) kehrte er anschließend in vertraute Fahrwasser zurück. Dazwischen: ein Actionmärchen. Wer ist Hanna?, für den der Filmemacher Saoirse Ronan aus Abbitte als Titelheldin mitbrachte, war kühl, brutal, hoch stilisiert und wie immer bei Wright: opulent. Was fehlte, war Wärme, weil bei all dem Wegrennen und Morden zu wenig Zeit zur Entwicklung der Hauptfigur blieb. Die bringt die Serienvariante, wie das Original schlicht Hanna betitelt, mit acht Folgen und einer Gesamtlaufzeit von knapp sieben Stunden ausreichend mit.

Los geht es mit einer Flucht. Der abtrünnige deutsche CIA-Agent Erik Heller (Joel Kinnaman) stiehlt einen Säugling aus einer geheimen Einrichtung in Rumänien, um ihn seiner Mutter Johanna (Joanna Kulig) zurückzubringen. Hellers ehemalige Vorgesetzte Marissa Wiegler (Mireille Enos) heftet sich dem Paar an die Fersen, jagt sie mit einem Helikopter und ihrem Fluchtwagen gegen einen Baum. Johanna stirbt, die weit aufgerissenen Augen auf ihre Tochter gerichtet. Erik geht mit ihr tief in den Wald. Von jeglicher Zivilisation abgeschnitten zieht er das Mädchen zu einer multilingualen Killermaschine heran. 15 Jahre später obsiegt die Neugier über die ersatzväterlichen Regeln. Hanna (Esme Creed-Miles) verlässt den Schutz der Bäume, um sich Wiegler und ihrer Vergangenheit zu stellen, lernt dabei eine gute Freundin (Rhianne Barreto) und Eriks alte Weggefährten (Benno Fürmann u. a.) kennen. Inzwischen sieht sich auch Wiegler mit ihrer Vergangenheit und einem neuen Chef (Khalid Abdalla) konfrontiert. Ein Katz-und-Maus-Spiel quer durch Europa beginnt.

Sarah Adina Smith, die bei den ersten beiden Episoden auf dem Regiestuhl saß und damit Ton und Richtung vorgab, schwebte ein realistischerer, unverfälschterer und kantigerer Stil vor. Visuell ist ihr das gelungen. Sie verschiebt die Farbpalette von Orange-, Rot- und Gelbtönen hin zu Blau und Grau. Die Sets sehen mehr nach Thriller und weniger nach Märchenlandschaft aus. Die Musik ist ruhiger und melancholischer als die der Chemical Brothers, die den Film mit ihren Elektrobeats vorantrieben.

Der angestrebte Realismus geht selbstredend schon in der Prämisse flöten. Ein Geheimdienst, der in Osteuropa mit Säuglingen experimentiert und ein Ersatzvater, der ein gerettetes Mädchen nicht irgendwo unbemerkt in die Obhut einer Ersatzfamilie gibt, sondern einsam in den Wäldern zu einer Kampfmaschine heranzüchtet – das ist der Stoff, aus dem Agententhrillerträume sind. Eine feine kleine Verschwörungsfantasie.

All die Serienversionen von Kinofilmen – von Fargo bis What We Do in the Shadows, die in den USA zeitgleich mit Hanna startete – bieten im Idealfall einen Mehrwert. Im schlimmsten Fall sind sie reiner Abklatsch, um den Erfolg an den Kinokassen im Fernsehen und auf den Streaming-Plattformen zu verlängern. Hanna liegt irgendwo dazwischen.

Serienschöpfer David Farr (The Night Manager), der beim Spielfilm mit am Drehbuch schrieb und nun sechs der acht Episoden verfasst hat, legt mehr Augenmerk auf Hannas Entwicklung. Die 15-Jährige ist deutlich mehr Mensch als Roboter. Sie lernt Vertrauen, Freundschaft und ihren Körper kennen. Sie darf trinken, rauchen, tanzen und lieben, vor allem aber sich nicht um ihr Äußeres scheren. Eine starke junge Frau mit zerzauster Mähne und im schlabbrigen Jogginganzug, keine sexy Killerin in Stöckelschuhen, wie in so vielen vermeintlich feministischen Actionpornos. Hanna ist selbstbewusst, weil ihr die zivilisierte Welt ihr natürliches Selbstbewusstsein noch nicht ausgetrieben hat. Restlos überzeugt dieser Ansatz nicht, so vielfältig bunt sich die Serie vor und hinter der Kamera auch gibt. Hannas Entwicklung ist sprunghaft, ihre Reaktion auf eine ihr völlig unvertraute Welt zu reibungslos, um glaubwürdig zu sein.

Esme Creed-Miles stemmt die Hauptrolle mühelos. Mit der 2008, 2016 und 2018 bereits dreifach für einen Oscar nominierten Saoirse Ronan kann die Newcomerin aber nicht mithalten. Die Tochter der Schauspieler Samantha Morton und Charlie Creed-Miles, die ihrer Mutter in mancher Großaufnahme wie aus dem Gesicht geschnitten ist, legt ihre Rolle zu nah an Ronans Performance an, gewinnt ihr wenig Neues ab.

An ihrer Seite brilliert Mireille Enos abermals als kühl kalkulierende Analytikerin. In The Killing (2011-2014) spielte sie noch im gleichen Team wie Kollege Joel Kinnaman. Die beiden dieses Mal in opponierenden Lagern zu sehen, hat seinen Reiz. Doch Kinnamans Fähigen bleiben begrenzt. Der Hüne, der bislang eher auf dem kleinen Schirm (House of Cards, Altered Carbon) als auf der großen Leinwand überzeugte, liefert auch in Hanna eine solide Leistung ab, die mehr durch die für die Rolle erforderliche Mehrsprachigkeit denn durch tiefgründiges Spiel beeindruckt.

Als solide ließe sich auch der Gesamteindruck bezeichnen. Hanna ist gut gemachte Serienkost, die weder zu Jubelschreien noch zu Buhrufen verleitet. Wer auf Actionthriller steht, macht damit nicht viel falsch. Wer den Film kennt, kann sich die Serie sparen.

Hanna (TV-Serie, 2019)

Eine junge Frau wird von ihrem Vater, einem Ex-CIA-Agenten zu einer perfektem Killermaschine ausgebildet. TV-Version des Kinofilms Wer ist Hanna? mit Saoirse Ronan und Cate Blanchett aus dem Jahre 2011.

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