Glück ist was für Weicheier (2018)

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Die schulische Außenseiterin Jessica müsste sich eigentlich mit voller Kraft für die Prüfungen der Pubertät rüsten. Aber die Angst um ihre sterbenskranke Schwester treibt sie in eine Zwangsstörung. Dann taucht jedoch diese zündende Idee auf, wie sie dem Tod ein Schnippchen schlagen könnte.

Glück ist was für Weicheier (2018)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Heimelig schräges Abschiednehmen

Es gibt gute Zahlen und schlechte Zahlen in Jessicas (Ella Frey) Welt. Die schlechten muss die Zwölfjährige meiden, weil sie ihrer älteren Schwester Sabrina (Emilia Bernsdorf) Unglück bringen. Sabrina geht nicht mehr zur Schule, sie ist zu krank. Eine Besserung ist nicht in Sicht und Jessica, die vergeblich dagegen ankämpft, muss ihre verrutschenden Kniestrümpfe zwanghaft immer nach oben ziehen. Auch sonst hat das burschikose, etwas pummelige Mädchen mit der Kinder-Latzhose,
der Brille und dem unvorteilhaften Haarschnitt wenig Grund zur Freude. Die pubertierenden Jungs in ihrer Klasse machen sich lustig über Jessica, einer bezeichnet sie als „Neutrum“.

Ja, es kommt ganz dick für die arme Hauptfigur in diesem zweiten Langfilm der deutsch-rumänischen Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu (Die Reise mit Vater). Von allen Seiten prasselt das Unglück auf sie ein, so dass selbst der wohlmeinende Psychologe Dr. Teuter (Christian Friedel), zu dem sie bald geschickt wird, ziemlich aufgeschmissen ist. Das wirkt dann schon wieder lustig. Die Tragikomödie aus der Feder der Drehbuchautorin Silvia Wolkan, einer ehemaligen Studienkollegin Lăzărescus an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, setzt Zuspitzung und Übertreibung als stilistisches Mittel ein. Auch Jessicas Vater Stefan (Martin Wuttke) kann ein Lied davon singen: Dieser moderne Hiob hat seine Frau vor elf Jahren durch einen Unfall verloren, jetzt muss er dem Siechtum seiner älteren Tochter zusehen. Neben seinem Job als Bademeister engagiert sich der gerädert aussehende, schlecht gekämmte Mann auch noch ehrenamtlich als Sterbebegleiter im Krankenhaus.

In der Form eines Running Gags verweigern sich die Sterbenden, die er besucht, regelmäßig seinen Ratschlägen, sich doch mit philosophischer Akribie und emotionaler Wahrhaftigkeit vom Leben zu verabschieden. Stefan reagiert verständnislos, als einer noch einen Multifunktionsmixer bei einem Homeshopping-Sender bestellt. Einmal will ein Hausnachbar Stefan ein wenig aufmuntern und lässt ihn ans Steuer seines schicken Wagens. Gerade als Stefan auf der Straße am Waldrand jubelt, das Leben sei schön, meldet sich der Tod mit Wucht zurück: Ein Hirsch ist ihm vors Auto gesprungen und verendet vor seinen Augen.

Der Humor ist schwarz und makaber in dieser Geschichte, die interessant wirkt, weil sie so sehr auf Schräges setzt. Jessica nimmt eine Behauptung aus einem okkultistischen Buch für bare Münze, dass sich eine Person ihres Leidens entledigen kann, indem sie es beim Sex an den Partner weiterreicht. Sabrina zeigt sich der Idee nicht abgeneigt und die Schwestern überlegen, dass für den rettenden Geschlechtsverkehr statt Sabrinas Freund lieber ein männliches Wesen herhalten soll, um das es nicht schade wäre …

Geschichten über den Tod und das Abschiednehmen wirken oft auf bittersüße Weise tröstlich. Jugendfilme im Stil von Das Schicksal ist ein mieser Verräter setzen dafür als Hilfsmittel Humor und Romantik ein. Das Drama von Jessica und ihrer kleinen Familie richtet sich hingegen heimelig im Schrägen ein. Die Personen wirken rasch sympathisch in ihrer verqueren Art und ihrer Verlorenheit. Und beinahe ebenso rasch werden sie unglaubwürdig, was auch daran liegt, dass sie
erkennbar gefallen sollen und zugleich cartoonhaft gezeichnet sind. Vater Stefan ist einfach zu gütig, zu lieb, zu bemüht, das Unglück durch pure Unschuld und naive Hoffnung zu meistern.

Jessica, die eigentliche Hauptperson, wird hinter ihrer Rolle der Kämpferin ebenfalls zu wenig als Mensch sichtbar, ihre eigentlich so zentrale Beziehung zur Schwester beispielsweise bleibt auf ein paar anekdotische Dialoge reduziert. Die Art und Weise, wie sich die Regisseurin in ihre Filmcharaktere hineinversetzt, das zeigte sich bereits in Die Reise mit Vater, ist gerne nostalgisch gefärbt und zielt auf deren schutzbedürftigen Optimismus ab. Dieser Blick kann einfühlsam und
realitätsnah sein – so widmet er sich in der vielleicht stärksten Szene von Glück ist was für Weicheier Jessicas selbstvergessenem Schwärmen als Zuschauerin einer Eistanz-Show, in welcher der junge Mann ihrer Träume auftritt.

Der Humor wirkt nicht aus einem Guss – zu den makabren, schwarzhumorigen Szenen kommen andere, in denen der Witz in Schönheit stirbt oder im Klischee versinkt. Warum muss die von Sophie Rois gespielte Hospizleiterin Renate den Mitarbeiter Stefan beim Abendessen regelrecht bespringen und sich dabei so blind für seine Gemütsverfassung geben? Wirklich rühren kann diese Tragikomödie nicht, sie kommt dem Tod lieber nicht zu nahe und hat folglich auch nichts
Weltbewegendes zu sagen. Aber in Erinnerung bleibt der frische Mut, Personen ihre individuellen Spleens und Abweichungen von der Norm zuzugestehen, also der Anspruch, sich den neugierigen Blick zu bewahren.

Glück ist was für Weicheier (2018)

Stefan Gabriel ist Bademeister, engagierter Vater und stets darum bemüht, das Leben positiv zu sehen. Während er versucht etwas an die Gesellschaft zurückzugeben und sich als Sterbebegleiter engagiert, kämpfen seine beiden Töchter, die 12-jährige Jessica und ihre drei Jahre ältere Schwester Sabrina  mit ihren ganz eigenen Problemen …

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