Gimme Shelter

Gimme Shelter

Eine Filmkritik von Rajko Burchardt

Möge Gott schwangeren Teenagern beistehen

Ex-Disney-Sternchen Vanessa Hudgens bemüht sich nach ihren Image erneuernden Lolita-Performances in Sucker Punch und Spring Breakers weiterhin eifrig darum, nicht mehr nur als trällernde Zac-Efron-Freundin aus High School Musical in Erinnerung zu bleiben. Man kann sich gut vorstellen, wie die junge Schauspielerin und Sängerin ihren Agenten mit der Suche nach einer „anspruchsvollen Rolle“ beauftragte, am besten irgendetwas in Richtung Precious, weil das bestimmt niemand von ihr erwarten würde. Eine soziale, wenigstens aber moralische Botschaft sollte der entsprechende Film schon auch haben. Und eine Geschichte based on a true story – wenn also das Kino sich übers Leben versichern muss – wäre als Zugabe sicherlich noch besonders willkommen. Denn dagegen lässt sich ja stets schwerlich argumentieren: So ist es halt wirklich passiert.
Den Freifahrtschein vermeintlich wahrer Begebenheiten nutzt Gimme Shelter dann auch für ein nur haarscharf am Armutsporno vorbeischlitterndes Teenagerdrama, das ganz auf seine theatral agierende Hauptdarstellerin zugeschnitten ist. Mit demonstrativ fettigem Haar und rebellischen Fake-Piercings spielt Hudgens die 16jährige Agnes, genannt Apple, der das ärmliche Milieu vom Film sicherheitshalber schon mal deutlich auf die Stirn gekritzelt steht. Es braucht nur wenige Bilder, ehe einem ihr angestrengt wehleidiges „Watch me, I’m acting“-Schauspiel auf die Nerven geht. Alles scheint sich hier lediglich um einen millionenschweren Kinderstar von einst zu drehen, der im Heroin chic mal zeigen soll, was er wirklich kann.

Gleich zu Beginn nimmt Apple Reißaus vor ihrer gewalttätigen Mutter June (Rosario Dawson) und wendet sich verzweifelt an Tom (Brendan Fraser), ihren leiblichen Vater, zu dem sie bislang keinerlei Kontakt hatte. Der wohlhabende Wall-Street-Broker und dessen neue Familie bereiten der heruntergekommenen und, wie sich herausstellt, schwangeren Tochter allerdings nicht den gewünschten Empfang, sodass sie auch von dort enttäuscht flieht. Nach einem Unfall erwacht das Mädchen im Krankenhaus, freundet sich zögerlich mit Father McCarthy (James Earl Jones) an und wird schließlich einer christlichen Einrichtung übergeben, die als betreutes Wohnen für schwangere Teenager ohne Dach über dem Kopf errichtet wurde. Denn bei einer Sache ist sich Apple ganz sicher: Sie möchte ihr Kind behalten und ein neues Leben beginnen.

Gimme Shelter ist unerträglich in seinem Kausalitätskitsch, der gegen die Notdürftigkeit dieser Figur dramaturgisch passend gemachten Erkenntnisgewinn einfordert. Vom Priester zur Bibel gebracht, wird Apple (und mit ihr der Zuschauer) ausdauernd über den Wert des Lebens belehrt. James Earl Jones tritt als wandelnder Kalenderspruch auf den Plan und muss einige der hochnotpeinlichsten Drehbuchsätze der jüngeren Filmgeschichte in die Handlung schießen („Jung und schwanger zu sein ist wie ein Windrädchen – wann auch immer das Wetter sich ändert, hat man keine Ahnung, welchen Weg das Leben einschlägt“). Die tolle Ann Dowd wiederum spielt jene weiße Samariterin schwarzer Mädchen aus prekären Verhältnissen, über deren verbürgte Erfahrungen diese Geschichte zusammengestaucht ist. Entsprechend hintersinnig führt der Film Apples neue Lebensqualität gegen die Dämonen ihrer Vergangenheit ins Feld: Ausgerechnet während eines Gottesdienstes erscheint die hysterische June, um ihre Tochter mit einer Rasierklinge zu attackieren. Der Herr mag Erbarmen mit schwangeren Teenagern haben, bei drogenabhängigen Müttern jedoch kennt er keine Gnade.

Natürlich trennt diesen Film so einiges von seiner behaupteten Realität. Im „wahren Leben“ ertönen sie glücklicherweise nicht, die auf plumpe emotionale Spitzen abzielenden Popsongs, wie sie die Handlung hier hemmungslos begleiten (zielgruppengerecht versammelt der Soundtrack Stücke von Lana Del Rey, Jessie J oder sogar Céline Dion…). Und jene „true events“ dürften ganz gewiss ohne derart läuternde An- und Aussprachen vonstatten gegangen sein, die in der kunstgewerblichen Indie-Inszenierung (mit unabhängigem Kino hat diese Parade ausgestellt auf arm geschminkter Stars sowieso nicht das Geringste zu tun) auch noch durch extra viel weinerliches Moralpathos aufgepeppt sind. Dass Gimme Shelter sich in den USA als von der Kritik in Grund und Boden gestampfter Kassenflop entpuppte und hierzulande lediglich auf DVD ausgewertet wird, rückt den Ärger über ihn allerdings zumindest ein klein wenig ins Verhältnis.

Gimme Shelter

Ex-Disney-Sternchen Vanessa Hudgens bemüht sich nach ihren Image erneuernden Lolita-Performances in „Sucker Punch“ und „Spring Breakers“ weiterhin eifrig darum, nicht mehr nur als trällernde Zac-Efron-Freundin aus „High School Musical“ in Erinnerung zu bleiben. Man kann sich gut vorstellen, wie die junge Schauspielerin und Sängerin ihren Agenten mit der Suche nach einer „anspruchsvollen Rolle“ beauftragte, am besten irgendetwas in Richtung „Precious“, weil das bestimmt niemand von ihr erwarten würde.
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