Ein andalusischer Hund / Das Goldene Zeitalter

Ein andalusischer Hund / Das Goldene Zeitalter

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der Urknall des surrealistischen Films

Als Luis Buñuels und Salvador Dalís Ein andalusischer Hund / Un chien andalou im Jahr 1929 in Paris uraufgeführt wurde, fielen die Reaktionen, die sowohl empörte Ablehnung wie auch begeisterte Zustimmung umfassten, recht heftig aus. Dalí selbst zeigte sich hochzufrieden mit dem Ergebnis: „Der Film erzielte die von mir erwarteten Resultate. Er machte an einem einzigen Abend zehn Jahre pseudointellektuellen Nachkriegsavantgardismus zunichte. Dieses schändliche Zeug, das man abstrakte Kunst nannte, fiel uns auf den Tod verwundet vor die Füße, um nie wieder aufzustehen, nachdem sie gesehen hatten, wie das Auge eines Mädchens von einer Rasierklinge durchschnitten wird. In Europa war kein Platz mehr für die manischen kleinen Rechtecke von Herrn Mondrian.“ Die Szene, auf die der surrealistische Maler anspielte, ist eine der berühmtesten Sequenzen der Filmgeschichte – und auch heute noch eine der schockierendsten. Und das obwohl man schnell ahnt, dass der Effekt vor allem durch einen geschickt gesetzte Montage erzielt wurde – in Wahrheit durchtrennt das Rasiermesser ein Kuhauge.
Die Idee zu diesem wohl stärksten Tabubruch der Filmgeschichte war den beiden Künstlern, die sich seit Mitte der 1920er Jahre kannte, ein Jahr zuvor gekommen. Der Maler hatte Buñuel dazu eingeladen, einige Tage bei ihm in Figueras zu verbringen. Kurz nach der Ankunft erzählte der Gast Dalí, dass er geträumt habe, wie eine lang gezogene Wolke den Mond durchschnitt und wie eine Rasierklinge ein Auge aufschlitzte. Woraufhin der Maler seinerseits von einem Traum mit einer Hand voller Ameisen berichtete und beiläufig hinzufügte: „Und wenn wir daraus einen Film machten?“ Eine Idee, die einschlug wie eine Bombe.

Binnen einer Woche stand das Drehbuch, das nach einer ganz einfachen Regel geschrieben wurde, wie Luis Buñuel in seiner Autobiographie Mein letzter Seufzer berichtet: Sie beschlossen, „keine Idee, kein Bild zuzulassen, zu dem es eine rationale, psychologische oder kulturelle Erklärung gäbe; die Tore des Irrationalen weit zu öffnen, nur Bilder zuzulassen, die sich aufdrängten, ohne in Erfahrung bringen zu wollen, warum.“

Das Ergebnis ist bekannt und noch heute für den ahnungslosen Neuling, der den Film noch nicht kennt, eine der verstörendsten Filmerfahrungen, die man machen kann. Der Erfolg des Films behagte den Surrealisten selbst übrigens überhaupt nicht, weshalb André Breton und Louis Aragon Buñuel regelrecht vorluden und einen Verhör unterzogen, das glimpflich mit der Aufnahme der beiden Angeklagten in die Gruppe der Surrealisten endete. Wobei laut Auskunft von Luis Buñuel die angebliche Intention des Films eigentlich eine ganz andere gewesen war: „Ein Erfolgsfilm‘, werden die meisten denken, die ihn gesehen haben. Doch was vermag ich gegen diejenigen, die geil sind auf alles Neue, selbst wenn es ihren tiefsten Überzeugungen ins Gesicht schlägt, gegen eine Presse, die unaufrichtig oder käuflich ist, gegen dieses stumpfsinnige Pack, das ‚schön‘ oder ‚poetisch‘ gefunden hat, was im Grunde nur ein verzweifelter, ein leidenschaftlicher Aufruf zum Mord ist.“

Beflügelt durch die Reputation (und wohl auch durch dessen pekuniäre Folgen) machten sich Buñuel und Dalí bereits ein Jahr später an ihren nächsten Film, der mit 60 Minuten Laufzeit ungleich länger ausfiel – Das Goldene Zeitalter / L’âge d’or. Noch radikaler als sein Vorgänger attackierten die beiden Künstler in diesem Film nahezu alle bürgerlichen Werte, was schließlich am 10. Dezember 1930 zu einem Aufführungsverbot führte, das bis ins Jahr 1981 Bestand hatte. „In Übereinstimmung mit der surrealistischen Ideologie ist nur die Liebe, die wilde, anarchistische, irrationale Liebe annehmbar. Alles andere wird dem Spott preisgegeben: die Reichen, die Kirche, der Staat, die Armee, genau wie die typisch bürgerlichen Laster, die da Sentimentalität und Romantik heißen und die Buñuel sein ganzes Leben lang verabscheut hat“, schrieb Amos Vogel über Das Goldene Zeitalter. Man ist noch heute geneigt, diesem Urteil bedingungslos beizupflichten.

Lange Zeit waren die beiden Hauptwerke des filmischen Realismus nicht auf DVD erhältlich. Die nun vom DVD-Label Pierrot Le Fou editierte Ausgabe schließt also eine Lücke, was nicht nur Filmhistoriker und Cineasten glücklich machen dürfte. Ergänzt durch den 99-minütigen Dokumentarfilm A propósito de Buñuel und mit einem Booklet versehen, das einige markante Passagen aus Luis Buñuels Autobiographie Mein letzter Seufzer enthält, sollte die DVD eigentlich in keiner anspruchsvollen DVD-Sammlung fehlen.

Ein andalusischer Hund / Das Goldene Zeitalter

Als Luis Buñuels und Salvador Dalís „Ein andalusischer Hund“ im Jahr 1929 in Paris uraufgeführt wurde, fielen die Reaktionen, die sowohl empörte Ablehnung wie auch begeisterte Zustimmung umfassten, recht heftig aus. Dalí selbst zeigte sich hochzufrieden mit dem Ergebnis:
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