Die Insel der besonderen Kinder

Die Insel der besonderen Kinder

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Besonders sein war auch schon mal spannender

Da hat Tim Burton schon ein Händchen für hervorragenden Stoff bewiesen, als er sich entschied, Ransom Riggs' Roman Miss Peregrine's Home for Peculiar Children zu verfilmen. Immerhin erzählt das Buch eine eigenartige und durchaus gruselige Geschichte, die es um eine Reihe originaler Vintage-Fotografien von Kindern strickt, die quasi aus einem Burton Film entsprungen sein könnten, so herrlich eigenartig und schaurig sind sie. Die Insel der besonderen Kinder hatte also großes Potential, ein hervorragend schräger Tim-Burton-Film zu werden, der nach einigen eher mauen Filmen wieder an seine großen gruselig-schönen Werke der 1990er Jahre anknüpft und dabei gleich noch mehr als nur Burton-Fans begeistern könnte. Denn Die Insel der besonderen Kinder bedient auch die inzwischen allseits bekannte Idee von Mutanten wie den X-Men und rennt hier, zumindest was Genregewohnheiten angeht, quasi offene Türen ein. Aber auch offene Türen muss man grundsätzlich erst einmal treffen um hindurchzulaufen. Doch leider ist das alte Mojo irgendwie verschwunden und Burton läuft hier eher gegen die Wand.
Es ist schon ein Meisterstück, einen Film zu machen, der sich in der ersten Stunde sehr penetrant und redundant selbst erklärt und der es trotzdem schafft, das Publikum am Ende mit der Frage zu entlassen "Worum ging es eigentlich in diesem Film?". Jake (Asa Butterfield) ist ein Junge mit ignoranten Eltern und einem Großvater, der aus Polen stammt und den Holocaust überlebt hat, weil er nach Wales in ein Heim geschickt wurde. Von diesem Heim erzählt er Jake immer und immer wieder, denn es war ein besonderer Ort. Ein Ort, an dem besondere Kinder leben. So wie Emma (Ella Purnell), die Luft manipulieren kann und ohne ihre Bleistiefel davonfliegen würde. Oder Olive (Lauren McCrostie), die Feuer entfachen kann. Andere Kinder sind unsichtbar oder superstark oder können Pflanzen wachsen lassen. Doch je älter Jake wird, desto klarer scheint ihm, dass all dies nur Hirngespinste waren, mit denen sich der Großvater die Gräuel des Zweiten Weltkrieges erklärt hat. Dann stirbt sein Opa einen gewalttätigen Tod. Jake findet ihn im Wald ohne Augen und sieht ein Monster mit langen Krakenarmen. Von da an leidet er unter einem posttraumatischen Stresssyndrom – sagt zumindest seine Psychotherapeutin, die ihn ermuntert, in Wales nach dem Heim zu suchen, um dort vielleicht zu heilen. Also fahren Jake und sein läppischer Vater nach Wales, und in der Tat findet Jake das Heim, welches von außen zerstört und verwaist aussieht. Doch eigentlich ist es in einer Zeitschleife im Jahr 1943 versteckt, um die Kinder zu schützen. Jake gelingt es, in diese versteckte Welt einzutreten und dort lernt er Miss Peregrine (Eva Green) kennen, die sich in einen Falken verwandeln kann und die Gabe hat, Zeit zu manipulieren. Doch es gibt auch Widersacher, die die besonderen Kinder jagen.

Noch bevor man diese besonderen Kinder trifft, weiß man von ihnen. Der Trailer erzählt es uns. Jakes Großvater am Anfang des Filmes. Und Jake selbst noch einmal. Dann ist schon eine Stunde vergangen und man trifft endlich auf die ewig Eingeführten, die noch einmal von Miss Peregrine eingeführt werden. Burtons Credo ist eindeutig: unbedingt darauf hinweisen, dass diese Kinder besonders sind! Ganz besonders besonders! Auf einzelne Figuren geht der Film indes nicht weiter ein, niemand darf hier über die Besonderheit hinauswachsen und eine mehrdimensionale Figur werden. Denn das ist das Prinzip Burtons, welches sich in den vorigen Jahren etabliert hat. Seine Phantasmagorien enthalten immer noch die gleichen Bestandteile: es sind deliriös entrückte Welten wie Kuriositätenkabinette, stets in der Vergangenheit oder in ganz und gar ausgedachten Universen verortet, hochgestylt und aufgepumpt mit wahnwitzigen Spielereien und Übertreibungen, in denen sich kindlicher Spaß und dunkle Gefahr vereinen. Es sind Orte, an denen Figuren leben, die stets "das Andere" sind, die nicht der Norm entsprechen, nicht hineinpassen. Doch es scheint, als würde Burton nur noch die Geste dieser Figuren erfassen können. Während die Oberfläche weiter schwarz-grau-bunt glitzert und sie allerlei verrückt-geniale Einfälle enthält, sind ihre Bewohner fahl geworden. Sie sind nur noch die Stellvertreter einstiger fleischig-echter Figuren wie Edward mit den Scherenhänden. Es sind die Geister von Beetlejuice, oberflächliche Beschwörungen, die aber längst keine emotionale Füllung mehr haben. Das Besondere ist ausgelutscht. Die Figuren schweben davon wie Emma, die von Jake an einer Leine gehalten wird als wäre sie ein Ballon.

Wieso ist Die Insel der besonderen Kinder eine ewig redundante Einführung, die faktisch keine rechte Geschichte erzählt, sondern einfach nur ein knappes und aufgeblähtes letztes Kapitel mit einem komplizierten Endkampf gegen den Widersacher anhängt und sich dann hinfort schleicht? Es scheint, als wäre Burtons Kreativität dem Kommerzgedanken gewichen, der sich die Gesten und Eigenheiten des einstigen Meisters des gruselig Kuriosen zu eigen macht und sich überstülpt wie eine Hülle. Doch darunter sind hier ganz eindeutig die Konventionen und der Drehbucheinheitsbrei des momentanen Hollywoodkinos zu sehen, die Die Insel der besonderen Kinder zu einem zombiehaften Film machen, der wie Burton aussieht, aber keineswegs wie Burton schmeckt, riecht und atmet.

Die Insel der besonderen Kinder

Da hat Tim Burton schon ein Händchen für hervorragenden Stoff bewiesen, als er sich entschied, Ransom Riggs' Roman "Miss Peregrine's Home for Peculiar Children" zu verfilmen. Immerhin erzählt das Buch eine eigenartige und durchaus gruselige Geschichte, die es um eine Reihe originaler Vintage-Fotografien von Kindern strickt, die quasi aus einem Burton Film entsprungen sein könnten, so herrlich eigenartig und schaurig sind sie..
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