Deep in the Woods - Verschleppt und geschändet

Deep in the Woods - Verschleppt und geschändet

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Verführung und Ohnmacht

Frankreich im späten 19 Jahrhundert: Als der mildtätige und philanthropische Dorfarzt Dr. Hughes (Bernard Rouquette) den abgerissenen Herumtreiber Timothée Castellan (Nahuel Pérez Biscayart) bei sich aufnimmt, ahnt er nicht, was ihm und seiner Tochter Joséphine (Isild Le Besco) in Folge der Begegnung widerfahren wird. Denn kaum ist der Doktor aus dem Haus, bringt Timothée die junge Frau mittels einer einfachen Handbewegung, die Joséphine anscheinend in Trance versetzt, in seine Gewalt und vergewaltigt sie. Und später, als der Streuner das Haus verlässt, um seine Wanderung fortzusetzen, folgt sie ihm einfach, so als sei sie gar nicht sie selbst, wie sie es später zu Protokoll geben wird.
Dann aber, im weiteren Verlauf der Reise, wird sich das Verhältnis zwischen Joséphine und ihrem Peiniger kaum merklich verschieben und verändern. Denn während sich Timothée zunehmend passiver verhält, scheint ihr die neue Situation gut zu tun. Was bislang vollkommen klar war, wird nun zunehmend uneindeutig und lässt die Grenzen zwischen Realität und Wahn verschwimmen und ineinander übergehen. Die einseitige Abhängigkeit, von der wir als Zuschauer anfangs völlig überzeugt waren, ist vielleicht in Wirklichkeit eine gegenseitige Anziehung, die Entführung möglicherweise für Joséphine eine Möglichkeit, der Enge des Dorfes zu entfliehen. Am Ende wird sie ihre Freiheit erlangen, doch um welchen Preis dies geschieht, ist fraglich.

Obwohl Benoît Jacquots Film Deep in the woods / Au fond des bois im Jahre 2010 das Filmfestival von Locarno eröffnete, reichte diese Aufmerksamkeit nicht dazu aus, dem Film einen regulären deutschen Kinostart zu bescheren. Überhaupt tut man sich in Deutschland mit den Werken des 1947 geborenen Jacquot hierzulande oft schwer: Obwohl der Filmemacher in seiner Heimat einen exzellenten Ruf genießt, sind seine Filme in Deutschland allenfalls intimen Kennern des französischen Kinos bekannt und kommen – wenn überhaupt – nur für kurze Zeit und in verschwindend kleiner Kopienzahl ins Kino. Möglicherweise wird sich daran zumindest ein klein wenig ändern in nächster Zeit: Sein neuestes, abermals historisches Werk Les adieux à la reine eröffnet demnächst die 62. Berlinale und ist zudem mit Diane Kruger als Marie Antoinette überaus prominent besetzt.

Immerhin ist Deep in the Woods / Au fond des bois nun mit etwas Verspätung auf dem deutschen DVD-Markt erhältlich, wenngleich die Einordnung als „Erotikthriller“ und der reißerische deutsche Untertitel dem Film nicht wirklich gerecht werden. Die Erwartungen, die sich mit dieser Kategorisierung und Einordnung verbinden, unterläuft der Film nämlich samt und sonders. Mit ruhiger Hand inszeniert und engagiert gespielt ist der Film dem Arthouse-Kino wesentlich näher als den Filmen der neuen harten Welle, die in den letzten Jahren mit Filmen wie Irreversible, Haute Tension, Baisse-moi und Matryrs als „new french extremity“ bekannt wurden – auch wenn wie gesagt der deutsche Subtitel eine Nähe zu diesem transgressiven Subgenre durchaus impliziert.

So sehr aber viele Szenen — vor allem die im Wald — gelungen sind und so dunkel-romantisch, beinahe schon schwelgerisch die Kamera dem Paar auch folgt – das, woran es dem Film mangelt, ist stets präsent und unübersehbar. Und das ist vor allem eine klare Linie, ein eindeutiger Fokus, eine Konzentration auf all die Fragen, die Jacquot mit seiner Geschichte aufwirft. Hier belässt es der Film zu häufig dabei, auf einer rein deskriptiven Ebene zu verharren, statt den emotionalen Mechanismen nachzuspüren. So wirkt der Film insgesamt recht ziellos, wechselt unvermutet den Fokus und plätschert im letzten Drittel mit der unnötig in die Länge gezogenen Gerichtsverhandlung recht unbefriedigend aus, weil hier zwar die rechtlichen Sachverhalte, niemals aber dieses seltsame zwischenmenschliche Band der gegenseitigen fatalen Abhängigkeiten geklärt werden. Das mag zwar dem historischen Ablauf des Falles entsprechen, der sich tatsächlich im Jahr 1865 in Frankreich ereignete, den Zuschauer lässt dies aber mit einem diffusen Gefühl zurück, dass man diese Verbindung selbst am Ende nicht so recht einzuordnen weiß.

Deep in the Woods - Verschleppt und geschändet

Frankreich im späten 19 Jahrhundert: Als der mildtätige und philanthropische Dorfarzt Dr. Hughes (Bernard Rouquette) den abgerissenen Herumtreiber Timothée Castellan (Nahuel Pérez Biscayart) bei sich aufnimmt, ahnt er nicht, was ihm und seiner Tochter Joséphine (Isild Le Besco) in Folge der Begegnung widerfahren wird.
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