A Gschicht über d’Lieb (2019)

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Selbst in einem kleinen Kaff irgendwo in Baden-Württemberg bricht zu Beginn der 1950er Jahre eine neue Zeit an. Der Fortschritt nähert sich unaufhaltsam, nur die Dorfgemeinschaft ist noch nicht so weit. Erst recht nicht, wenn es um eine „schuldfreie Liebe“ zwischen Bruder und Schwester geht.

A Gschicht über d’Lieb (2019)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Es waren zwei Königskinder

„All you need is love“, schreibt Regisseur Peter Evers hinsichtlich seines Langfilmdebüts A Gschicht über d’Lieb im Katalog des 40. Filmfestivals Max Ophüls Preis. Und auch im Publikumsgespräch nach der Weltpremiere seines Debütfilms im Saarbrücker Spielfilm-Wettbewerb wurde er nicht müde zu betonen, wie wichtig die größte aller Emotionen für ihn persönlich wie für seine Arbeit als Regisseur und Fotograf ist. Denn „immer wenn ich die Nachrichten einschalte, halte ich es nicht mehr aus: Da heißt es schließlich jeden Abend, dass wieder so und so viele Menschen ums Leben gekommen sind.“ Dem möchte er künstlerisch-kreativ etwas entgegensetzen.

Und mit seinem ausgesprochen sensuellen Neo-Heimatfilm im Schwarzwaldmilieu, der glücklicherweise weder ästhetisch noch inhaltlich Parallelen zu Hans Deppes Nachkriegsschinken oder noch Schlimmerem aus der Mottenkiste des deutschen Heimatfilms nach 1945 aufweist, ist ihm dies auch größtenteils gelungen. Das liegt weniger am insgesamt kaum fintenreichen Drehbuch, das Peter Evers selbst schrieb und für das er 2014 den renommierten „Thomas Strittmatter-Preis“ erhalten hatte, sondern en gros am überzeugenden Leinwandensemble, aus dem die beiden Jungdarsteller Svenja Jung (Die Mitte der Welt, Beat) als Maria und Merlin Rose in der Rolle des Gregors hervorragen.

Trotz partiell etwas zu viel Nebelschwaden vor der Kameralinse und dick aufgetragener Weichzeichneroptik, was die titelgebende Liebesgeschichte zwischen einem Geschwisterpaar in den 1950ern Jahren gelegentlich in die Nähe bieder-handelsüblicher Heimat-Fernsehfilmproduktionen aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk rückt, wird die früh gesetzte Inzestthematik überwiegend glaubhaft ins Szene gesetzt – und bleibt lange Zeit überaus ansehnlich im Wortsinn. Denn die beiden Hauptdarsteller wandeln sich in Pascal Schmitts gelungener Kamerasprache und akzentuiert durch einen angenehm zurückhaltenden Score von Bob Gutdeutsch gerade in den ersten dreißig Minuten zu regelrechten Königskindern: Bildhübsch und von vornherein für einander bestimmt. Wenn da nur nicht die zynischen Dorfpatriarchen wären. Oder eine Hand voll zurückgewiesener Liebschaften aus völlig unterschiedlichen Gründen sowie die Spuren des Krieges in der Ukraine oder die Familiengeheimnisse des eigenen Bauernhofes…

Im Grunde gebiert sich dieser ambitionierte Erstling als ein weiterer Vertreter einer „Neuen Deutschen Sinnlichkeit“ im deutschsprachigen Nachwuchskino: Mehrfach preisgekrönten Spielfilmen also, die sich wie Jonathan oder Schau mich nicht so an als Speerspitze eines neuen sensitiv-triebhaften Körperkinos verstehen. Einst gesellschaftlich besonders sperrige Themen wie Inzest, gleichgeschlechtliche Liebe, die Frage nach neuen Rollenmustern oder überkommene Geschlechterverhältnisse werden konfliktreich und mit viel inszenatorischer Verve in spannungsreiche Bilder übersetzt, die zugleich beides sein können: schön und widerspenstig, wuchtig und diffizil.

Was sie wie Peter Evers Figurenzeichnung in A Gschicht über d’Lieb eint, ist nicht alleine ihre ausgesprochen prächtige Optik, ihre Detailfreude in puncto Kostüm und Maske und jede Menge Herzeleid im Drehbuch; sondern größer gefasst ihr spürbar schwelgerisch-sensueller Zugang zu ihren Protagonisten, ohne dass man sich als Zuschauer unfreiwillig schnell in einem billigen Bauerntheatereinakter wiederfindet oder 90 Minuten lang in blutarmer Werbefilmästhetik für das vergreiste ZDF-Stammpublikum ausharren muss.

In den besten Szenen von Peter Evers gelungenem Spielfilmerstling, der nur selten dramaturgisch all zu glatt daherkommt, entfaltet sich darin ansprechendes Gefühlskino: Sicherlich immer am Rande des Kitsches tappend, aber erfreulicherweise nie weit darüber. Mit gutem Gespür für sensuelle Leinwandmomente, die immer wieder kurz zwischen Schlafstube und Waldstück auftauchen dürfen, mehr in Blicken als in nackten Posen, verpasst Evers Film dem oftmals angestaubten Heimatfilmgenre eine positive Frischzellenkur. Hier trifft Melodram auf Heimatfilm – und über allem steht die Liebe. Es könnte schlimmer sein. Aber eben auch selten schöner.

A Gschicht über d’Lieb (2019)

Sankt Peter ist ein kleines Dorf im Baden-Württemberg der frühen Fünfzigerjahre. Gregor und Maria sind die herangewachsenen Kinder des dort ansässigen Bacherbauern. Den alten Traditionen entsprechend soll Gregor als ältester Sohn einmal den Hof übernehmen. Doch Gregor hat einen ganz anderen Plan, der zum steten Konfliktpunkt zwischen ihm und dem in Traditionen verhafteten Vater geworden ist. Er möchte an der künftig am Dorf vorbeiführenden Bundesstraße eine Tankstelle errichten …

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Meinungen
Sabine Fray · 28.07.2019

Auf dem Max-Ophüls-Festival gesehen...ein hinreissender Film, in den man komplett eintauchen kann und in dem man mit den Personen mitfühlt...unbedingt anschauen!

Kommentare

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