Y: The Last Man (TV-Serie, 2021)

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Von jetzt auf gleich sterben alle Lebewesen mit einem Y-Chromosom und die Frauen müssen plötzlich die Postapokalypse verwalten. Trotz einiger bekannter Zutaten und kleiner erzählerischer Holprigkeiten malt die auf einer Comicreihe basierende Serie ein spannendes Endzeitszenario an die Wand.

Y: The Last Man (TV-Serie, 2021)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Untergang des Patriarchats

Wie sähe unsere Welt aus, wenn einzig und allein Frauen das Sagen hätten? Wäre sie womöglich ein viel besserer Ort? Diese Fragen schwingen in der Serie Y: The Last Man ständig mit, die, basierend auf Brian K. Vaughans gleichnamiger Comicreihe, ein fruchtbares Untergangsszenario beschreibt. Dass die Gesellschaft, wie wir sie kennen, nicht mehr existiert, verdeutlichen schon die ersten Bilder: Tote Tiere liegen achtlos in der Landschaft herum. Zu sehen sind menschenleere Straßen und beschädigte Fahrzeuge. Die aus vielen anderen Dystopie-Werken vertraute Ästhetik der Trostlosigkeit schlägt auch in diesem Fall voll durch. Vor drei Wochen, so verrät es ein Texthinweis, hat ein gravierendes Ereignis die alte Ordnung weggefegt und Chaos hinterlassen.

Nur wenig später springt die von Eliza Clark (Animal Kingdom) entwickelte Adaption in der Zeit zurück und führt uns zum Tag vor der großen Katastrophe. Yorick Brown (Ben Schnetzer) begegnet uns hier als verplanter Entfesselungskünstler, dessen Durchbruch auf sich warten lässt. Weil ihn noch keine berufliche Verpflichtung wirklich bindet, ist es für ihn selbstverständlich, dass er seine Freundin Beth (Juliana Canfield), eine Dozentin, nach Australien begleiten wird. Sein linkisch vorgebrachter Verlobungsantrag endet jedoch eher desaströs. Als am nächsten Morgen auf wundersame Weise alle Lebewesen mit einem Y-Chromosom unter starkem Nasenbluten tot umkippen, bleibt ausgerechnet Yorick verschont und macht sich, permanent Videos seiner Angebeteten konsumierend, in der plötzlich von Männern entvölkerten Welt auf die Suche nach Beth. Stets an seiner Seite: sein Haustier, das ebenfalls nicht verstorbene Kapuzineräffchen Ampersand.

Suggeriert der Titel, Yorick sei der Dreh- und Angelpunkt der Handlung, ist es durchaus überraschend, dass sich die zehnteilige Serie, zumindest in den für diesen Text gesichteten Folgen eins bis sechs, stärker als die Comics auch anderen Figuren zuwendet. Der Last Man mag in der neuen, von Y-Chromosom-Trägern befreiten Realität, eine Besonderheit, ein gejagtes Objekt der Begierde sein (Stichwort: Fortpflanzung). Immer wieder verlässt die Showrunnerin aber seinen Weg, um das Schicksal anderer Betroffener in den Blick zu nehmen. Menschen wie Yoricks Mutter Jennifer (Diane Lane), eine Abgeordnete, die sich nach dem Tod des US-Machthabers (Paul Gross) und aller übrigen Männer in der Amtsreihenfolge auf einmal an erster Stelle wiederfindet und aus dem verbarrikadierten Pentagon heraus als neue Präsidentin versucht, mit ihren Helferinnen die unübersichtliche, durch aufgebrachte Proteste und Verschwörungsnarrative verkomplizierte Lage in den Griff zu kriegen. „Wiederaufbau“ ist das Zauberwort, das die mit der notwendigen Entschlossenheit auftretende Diane Lane mehrfach in den Mund nimmt. Der Kultur misst sie dabei – diese Randnotiz sticht im Wissen um die Corona-Wirklichkeit ins Auge – fürs Erste keine große Bedeutung zu, wie ihre Ansage: „Scheiß auf die Kunst!“ verrät.

Einen Konflikt im Pentagon schürt vor allem Kimberly Campbell Cunningham (Amber Tamblyn), die Tochter des Amtsvorgängers, der es ganz und gar nicht schmeckt, dass Jennifer ihre Rolle beherzt annimmt und die durch das Ableben ihres Mannes gezeichnete ehemalige First Lady (Paris Jefferson) komplett außen vor lässt. Zusätzliche Brisanz erhält das zunächst nicht offen ausgetragene Kräftemessen dadurch, dass sich zwei unterschiedliche Frauenbilder gegenüberstehen. Jennifer verkörpert, so erfahren wir, eine feministische, liberale Sichtweise, will erst einmal die Krise der Gegenwart bewältigen, anstatt das Morgen durchzuplanen, während die konservative Kimberly den patriarchalen Strukturen nachtrauert. „Ohne Männer gibt es keine Zukunft“, kommentiert sie an einer Stelle und bringt damit ihre Haltung plakativ zum Ausdruck. Wie sehr Frauen von manchen Berufsfeldern abgeschnitten sind, was nach dem rätselhaften Unglück für handfeste Probleme sorgt, klingt mehrfach an. Der kritische Blick auf die Ungerechtigkeiten des alten Systems hätte aber sicher noch etwas bissiger und tieferbohrender ausfallen können.

Heimlicher Star der ersten sechs Episoden ist die Energie, Unberechenbarkeit und Charisma verströmende Agentin 355 (eine Wucht: Ashley Romans), deren Hintergrundgeschichte nach der sechsten Folge noch im produktiven Sinne nebulös bleibt. Im Auftrag einer ominösen Organisation gelangt sie im Auftaktkapitel als Secret-Service-Kraft ins Pentagon, entwickelt sich fortan zu einer engen Vertrauten Jennifers und nimmt irgendwann mit dem zu seiner Mutter geholten Yorick eine riskante Rettungsmission in Angriff. Mehr als einmal muss sich 355 über die Naivität und Verantwortungslosigkeit ihres Begleiters ärgern, der einem Kleinkind gleich ständig seinen Platz verlässt, wenn er sich eigentlich nicht regen soll. Die Scharmützel der beiden impfen der größtenteils ernsten, bedrückenden Atmosphäre, vor allem dank Romans‘ entgeisterter Reaktionen, etwas von der Komik ein, die in den Vorlagen deutlich ausgeprägter ist. Durchaus zum Schmunzeln, allerdings ein wenig forciert, sind die lässig-ironischen Sprüche, mit denen der Last Man mitunter der Endzeit und seiner Rolle darin begegnet.

Ein weiterer Strang dreht sich um Yoricks Schwester Hero (Olivia Thirlby), die auf ihre Weise mit dem Leben hadert und kurz vor dem geheimnisvollen Massensterben etwas tut, was ihr Gewissen schwer belastet. Einen besonderen Reiz bekommt ihre Reise nicht zuletzt, weil Serienschöpferin Eliza Clark hier den in den Comics noch weitgehend unter den Tisch gekehrten Gedanken der Diversität aufgreift. Wie es in einer Welt, in der es alle Lebewesen mit Y-Chromosom dahinrafft, Transgender-Personen ergeht, wird am Bespiel Sam Jordans (gespielt von trans Mann Elliot Fletcher), dem Weggefährten Heros gezeigt. Den Weg der beiden kreuzen ab einem gewissen Punkt die für die frühere Regierung als Presseberaterin arbeitende Nora Brady (Marin Ireland) und deren Tochter Mackenzie (Quincy Kirkwood).

Die Gewalt, psychischer und physischer Natur, unter der nicht wenige Frauen zu leiden haben, ist Thema, wenn das Quartett auf eine verschworene, sektenartige Gemeinschaft trifft, die von einer Ex-Polizistin (Missi Pyle) angeführt wird und entfernt Erinnerungen an den Kommunenalbtraum Midsommar heraufbeschwört. Manche Passagen mit Angehörigen der Schwesternschaft zehren ordentlich an den Nerven und zeichnen sich durch eine irritierende Ambivalenz aus. Einerseits imponieren das Gefühl der Zusammengehörigkeit und das in einer Nacktszene zum Vorschein kommende Credo „Alle sollen sich so lieben, wie sie sind“. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass hier alte Gewaltformen durch neue ersetzt werden.

Die Grundkonstellation von Y: The Last Man ist spannend. Und die ohne Hektik entfalteten Story-Fäden halten trotz einiger bekannter Endzeitmotive das Interesse konstant aufrecht, sind bisweilen aber etwas eigenwillig arrangiert. Statt in jeder Folge allen Teilegeschichten Aufmerksamkeit zu schenken, lassen die Macher*innen manche Figuren vorübergehend fallen, um sie in späteren Episoden wieder in den Fokus zu rücken. Im Ergebnis wirkt die Erzählung nicht ganz flüssig – Anreize zum Weiterschauen setzt die konsequenterweise auch hinter der Kamera überproportional weiblich bestückte Serie dennoch reichlich.

Y: The Last Man (TV-Serie, 2021)

In einer postapokalyptischen Welt ist Yorick der einzig überlebende Mann in einer von Frauen regierten Welt. Die Serie basiert auf den erfolgreichen Comics von Brian K. Vaughan and Pia Guerra, welche über den Imprint DC Vertigo vertrieben werden. 

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Meinungen
Emilia · 22.09.2021

Klingt interessant, ist mir persönlich aber zu viel schwarz und weiß. Was passiert mit Transmännern oder mit ungeborenen männlichen Kindern oder mit diversen Personen? Selbst wenn die Vorlage ein älterer Comic ist, sollte man meiner Meinung nach in der heutigen Zeit an die Vielfalt (z. B. Trans) denken. Hätte man doch sicher noch umsetzen können.

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