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Claire Denis’ Meisterwerk über verzehrendes Begehren haucht dem Horrorfilm eine melancholische Schwerelosigkeit ein. 20 Jahre nach der Uraufführung in Cannes ist „Trouble Every Day“ in restaurierter Fassung zum ersten Mal in den deutschen Kinos zu sehen. 

Trouble Every Day (2001)

Eine Filmkritik von Sebastian Seidler

Die Traurigkeit der Monster

Claire Denis ist ohne Frage eine der kühnsten Filmemacher*innen der Gegenwart. Mit unvergleichlicher Leichtigkeit eignet sich die Französin die unterschiedlichsten Genres an, um sie aus dem Inneren heraus zu verwandeln, sie sich anzueignen als ein Werkzeug sinnlicher Erkundungen. In „Beau Travail“ (1999) benutzt sie Elemente aus dem modernen Tanz und lässt die Trainingseinheiten von Soldaten zu einer entrückten Choreografie männlichen, unterdrückt homosexuellen Begehrens werden. Jahre später arbeitet sie in „High Life“ (2018) vor dem Hintergrund eines Sci-Fi-Films die dunkle Rationalisierung von Fortpflanzung, Sexualität und Geschlecht heraus – mit den Regeln des Weltraumfilms hält sie sich dabei gar nicht erst auf. Vielmehr öffnet sie Bilder, variiert Motive und stellt ihre Geschichten in eine offene, gar schwebende Dramaturgie, die ihre Spannung aus den Leerstellen und unerwarteten Verbindungen zieht. Man kann gar sagen, dass Claire Denis gar keine Geschichten erzählt, sondern mit den Mitteln des Films denkt und Fragen stellt, vor denen wir uns nur allzu gern in die trügerische Sicherheit von Eindeutigkeiten flüchten. 

Nun bringt die Kölner Produktionsfirma rapid eye movies, die sich bereits für die Wiederaufführung von Paul Schraders Mishima verantwortlich zeigte, eine digitale, restaurierte 4K-Fassung von Trouble Every Day in die Kinos. Ganze 20 Jahre nach der Premiere in Cannes wird dieses bislang schwer zugängliche Meisterwerk des modernen Horrorfilms endlich auch auf deutschen Leinwänden zu sehen sein. Die Restauration wurde von der damaligen Kamerafrau und treuen Denis-Begleiterin Agnès Godard ausgeführt. Das Ergebnis von der Regisseurin selbst abgesegnet. 

Trouble Every Day beginnt, wie alles von Claire Denis, mit einer Frage, einer Offenheit, einem fragenden Bild: Zu den atmosphärischen Klängen der britischen Band Tindersticks sehen wir, wie sich ein Mann und eine Frau auf der Rückbank eines Autos leidenschaftlich Küssen. Stuart A. Staples, der immer klingt, als würde seine Stimme das Inwendige der Worte umwenden, singt: „Look into my eyes / You see trouble every day / It’s on the inside of me“. Aus diesem alltäglichen Austausch von Zärtlichkeit steigt in Verbindung mit der Musik eine düstere Bedrohung auf. Denis und ihrer Kamerafrau Agnès Godard gelingt es, auf subtile Weise ein Kippbild zu erzeugen, bei dem wir uns nicht mehr sicher sein können, ob es sich hier noch um einen Kuss handelt oder nicht vielmehr ein Raubtier über seine Beute herfällt. 

Um das Ausloten solcher Ambiguitäten und Ambivalenzen geht es in Trouble Every Day: Was ist, wenn wir den anderen und seinen Körper so sehr begehren, dass aus Lust ein verzehrend-zerstörerischer Drang wird? Denis nimmt sich unserer Sexualität an und geht bis ans Äußerste. Aus lustvollem Lecken, Beißen und Kratzen wird eine todbringende Wollust, die an blinde Tollwut grenzt. 

Die Geschichte, die Denis in ihrem Film erzählt, ist lediglich das Grundmotiv, über das sie ihre von Ruhe und Ellipsen getriebenen Körperstudien entfalten kann. Der amerikanische Mediziner Shane Brown (vampirisch entrückt: Vincent Gallo) reist mit seiner frisch angetrauten Frau June (Tricia Vessey) in die Stadt der Liebe. Während er seiner Frau vorgaukelt, dass es sich dabei lediglich um die Flitterwochen handelt, begibt er sich auf die Suche nach seinem ehemaligen Kollegen Léo (Alex Descas). Beide verbindet ein düsteres Geheimnis: Bei Experimenten in der Vergangenheit haben sich Shane und Léos Frau Coré (kannibalistisch getrieben: Béatrice Dalle) mit einer Krankheit angesteckt, die sie nach Blut dürsten lassen: Beim Sex beißen sie ihre Partner tot. 

In Bildern, die zunehmend abgründiger werden, entfaltet der Film eine schier unerträgliche Intimität, die auch dadurch entsteht, dass die Kamera so nah an die Körper heranfährt, dass sie einer Landschaft gleich die Leinwand erfüllen. Die Haut wird zu einem fiebrigen Gebirge, jede Falte zu einer Öffnung, die nach einer Erkundung verlangt. Immerzu droht diese erotische Sinnlichkeit in eine Gewalt zu kippen – eine Gewalt, die aus einem übermächtigen Begehren heraus entsteht und dabei selbst um ihre Schuld weiß. Immer wieder fließt die Seine in einer suizidalen Stille dahin, als würde sie die Figuren zum Sprung einladen wollen. Was verbirgt sich unter der Wasseroberfläche? Was liegt unterhalb der Haut? 

Im Wunsch, eins mit dem anderen zu werden, überblenden sich Liebe und Gewalt, Liebkosung und Verletzung. Darin liegt die ganze Tragik dieses großen und eigenwilligen Films, der konträre Gemütszustände in einer kaum aushaltbaren Gleichzeitigkeit verschaltet, was diesen Horrorfilm auf seltsame Art und Weise auch zu einem Liebesfilm macht: Denn Shane liebt seine Frau so sehr, dass er sich ihr aus Angst, sie womöglich zu töten, entziehen muss. Der Mensch ist eine tragische Bestie, ein trauriges Monster. Trouble Every Day endet mit gebrochenen Blicken, und Stuart A. Staples wird mysteriöse Zeilen singen: „You know that I love again / Please make it start again / There’s trouble every day“.

Trouble Every Day (2001)

Shane und June Brown sind ein amerikanisches Paar, das ihr neues gemeinsames Leben während ihrer Flitterwochen in Paris feiern möchte. Doch ihr Leben ist komplizierter als gedacht, denn Shane besucht regelmäßig eine Klinik, wo hochmoderne Studien über die menschliche Libido unternommen werden.

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