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Eines muss man dem schwedischen Filmemacher Ruben Östlund lassen — seine Filme polarisieren und sorgen regelmäßig für begeisterte Zustimmung oder wütende Ablehnung. Bei Triangle of Sadness ist das nicht anderes.

Triangle of Sadness (2022)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Das Narrenschiff

In Sebastian Brants 1494 gedrucktem Buch Das Narrenschiff (alternativ: Daß Narrenschyff ad Narragoniam), dem erfolgreichsten Buch der damals noch jungen Druckerkunst vor der Reformation, begibt sich eine Scharr von Narren mit all ihren Lastern und negativen Eigenschaften in das fiktive Land Narragonien. Ganz so viele Menschen sind es in Ruben Östlunds neuem Spielfilm „Triangle of Sadness“ nicht. Der Impetus der schonungslosen Offenlegung menschlicher Verfehlungen und Schwächen ist der gleiche, endet aber nicht in einem fiktiven Land, sondern der künstlichen Welt eines Luxusressorts auf einer einsamen Insel. Doch der Reihe nach.

Im Mittelpunkt des Films steht das männliche Model Carl (Harris Dickinson), der mit seinen 25 Jahren womöglich die goldenen Jahre des Business bereits hinter sich hat, und dessen Freundin, die modelnde Influencerin Yaya (Charlbi Dean Kriek). Im Prolog des Films sitzen die beiden in einem Luxusrestaurant und geraten aufgrund einiger Missverständnisse und Fehlinterpretationen in einen ebenso heftigen wie albernen Streit, der sich nur auf der oberflächlichsten Ebene darum dreht, wer denn nun die Rechnung bezahlt. In Wahrheit — und dabei geht es, wie im Folgenden auch, wenig subtil zu — stehen schnell andere Themen im Zentrum des Konflikts: Der Wert von Menschen und die daraus resultierenden himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die Verteilung von Geld, Macht, Schönheit und Einfluss und die Mechanismen, nach denen dies geschieht.

Szenenwechsel: Im Hauptteil von Triangle of Sadness verlagert sich das Geschehen auf eine Luxusjacht, an deren Bord neben Carl und Yaya,  einem marxistischen und trunksüchtigen Kapitän (Woody Harrelson) und der Crew, auch einige schwerreiche Menschen sind. Darunter befindet sich ein sehr lauter russischer Oligarch mit Gattin, ein hinreißendes britisches Ehepaar, die sich erst im Lauf der Geschichte als Waffenfabrikanten entlarven, die durch den Verkauf von Handgranaten und Landminen zu ihrem Vermögen gekommen sind, sowie andere Mitglieder der sogenannten „Eliten“.

Wegen eines schweren Unwetters auf hoher See gerät das „Captain’s Dinner“ vollkommen aus dem Runder, was in einer sehr langen, zentralen Szene mündet, in der ein Großteil der Passagiere derart von der Seekrankheit erfasst wird, dass es zu wahren Fontänen aus Scheiße und Kotze kommt. Schließlich explodiert die Jacht nach einem Piratenangriff und eine Gruppe landet auf einer einsamen Insel, auf der sich die Machtverhältnisse dramatisch auf den Kopf stellen.

Eines vorweg: Triangle of Sadness ist mit Sicherheit einer der unterhaltsamsten Filme des diesjährigen Wettbewerbs an der Croisette, der mit zahlreichen Lachern und unglaublichen Wendungen für lautstarke Vorführungen mit Szenenapplaus sorgte. Dennoch ist das Echo derart gespalten, wie wohl bei kaum einem anderen Film. Das liegt vor allem an dem wenig subtilen satirischen Furor, mit dem Ruben Östlund in seiner grellen Farce zu Werke geht: Da treffen marxistische Brandreden auf neoliberale Apologien, werden Witze auf Kosten einer durch einen Schlaganfall beeinträchtigten Frau (dargestellt von Iris Berben) gerissen, deren einzige Äußerungen in einem auf Deutsch gebrüllten „In den Wolken“ besteht.

Ausgerechnet die philippinische Reinigungskraft wird in der Schlussepisode aufgrund ihrer Überlebenstüchtigkeit zur Herrin der Insel und entwickelt dabei sexuellen Appetit auf den gestählten Model-Körper von Carl. Und so stellt sich schlussendlich die Frage, ob Ruben Östlund nicht letztendlich genau die von Gier, Geld, Lust und Macht geprägten Machtverhältnisse fortschreibt, deren Überwindung der Film anzuprangern vorgibt. Und beinahe unwillkürlich muss man an zwei andere Filme denken, die in letzter Zeit aus Schweden in die Kinos kamen und die Ähnliches versuchten — beide übrigens bezeichnenderweise von jungen Regisseurinnen: Isabella Eklöfs Holiday (2018) und Ninja Thybergs Pleasure erkunden ebenfalls die (Macht)Verhältnisse und Beziehungsgeflechte rund um Geld, Körperlichkeit und sozialen Abhängigkeiten, tun dies aber wesentlich fokussierter und subtiler als Triangle of Sadness.

Triangle of Sadness (2022)

Die Models Carl und Yaya sind zu einer Luxuskreuzfahrt eingeladen. Auf den ersten Blick scheint alles perfekt zu sein. Doch ein Sturm zieht auf und das Paar findet sich auf einer einsamen Insel wieder, zusammen mit einer Gruppe von Milliardären und einer der Reinigungskräfte des Schiffes. Die Hierarchie wird plötzlich auf den Kopf gestellt, denn die Haushälterin ist die Einzige, die fischen kann.

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