Sweat (2020)

Log Line

Die Fitness-Influencerin Sylwia hat 600.000 Follower – und einen Stalker. Magnus von Horn hätte aus dieser Konstellation oberflächliches Social-Media-Bashing machen können, aber Sweat ist viel ambivalenter als es zuerst den Anschein hat.

Sweat (2020)

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

Schweiß, Blut und Tränen

Rhythmisches Händeklatschen zu einem treibenden Beat, 50 Paar Sneaker, die auf den Boden stampfen und vorn auf der Bühne eine Frau, auf die alle Blicke gerichtet sind: Sylwia (Magdalena Kolesnik) hat es als Fitness-Influencerin in Polen zu einiger Berühmtheit gebracht. Etwa 600.000 Menschen folgen ihrem Social-Media-Profil, Firmen schicken ihr haufenweise kostenloses Zeugs und demnächst soll sie sogar im Frühstücksfernsehen auftreten. Aber erst einmal steht sie hier für ein öffentliches Workout mit Fans in einem Shoppingcenter. Unermüdlich feuert sie die Fitness-Begeisterten an, korrigiert ihre Übungen. „Deine Haltung ist jetzt perfekt, du könntest mich ersetzen,“ sagt sie zu einer Teilnehmerin. Und als sie sich hinterher aus der jubelnden Menge zurückzieht und allein im Umkleideraum zurückbleibt, ahnt man schon, dass der Satz nicht einfach so dahingesagt war.

Magnus von Horns Drama Sweat begleitet Sylwia über drei Tage hinweg, bei denen man zunehmend das Bedürfnis entwickelt, sie in den Arm zu nehmen. Denn auch wenn sie bei jeder Gelegenheit andeutet, dass sie ihr Leben als nicht so perfekt empfindet, wie sie mit den definierten Muskeln, ihrem langen blonden Haar und den makellos manikürten Fingernägeln den Eindruck macht: So richtig will das niemand hören. Als sie in einem öffentlichen Video weint, klingelt sofort der Sponsor durch. Man sorge sich, die eigenen Produkte in einem negativen Kontext zu sehen. Nur ein Fremder scheint sich etwas zu sehr für sie zu interessieren: Vor ihrer Wohnung sitzt ein Mann in seinem Auto und starrt sie jedes Mal aufdringlich an, sobald sie ihre Wohnung verlässt.

Sweat beginnt ein bisschen wie aus dem Handbuch der Paranoia-Thriller: Die Kamera filmt Sylwia in ihrer Wohnung wie aus der Perspektive eines Stalkers vom Nachbargebäude aus, folgt ihr in der Öffentlichkeit aus dem Verborgenen heraus oder fasst den Bildkader so eng, dass alles um sie herum auf potentielle Gefahren schließen lässt. Mit der Zeit findet Magnus von Horn aber auch ganz eigene Wege, um sich seiner Protagonistin zu nähern: Die schleifenden Geräusche der Geräte im Fitnessstudio zermürben die Nerven und als eine Frau Sylwia im Shoppingcenter anspricht, belassen ihre Worte und Gesten unangenehm lange im Ungefähren, ob die beiden Bekannte sind oder ob hier nur ein Fan seine Grenzen nicht kennt.

Überhaupt: Obwohl Sweat die meiste Zeit tagsüber spielt, ist der Film fast durchgängig in künstliches Licht getaucht: Shoppingcenter, Nagelstudios, Fitnessräume, Umkleiden, Autos, das tragbare Ringlicht an der Selfiekamera – als würde sich Sylwias Leben fast ausschließlich an Nicht-Orten abspielen. Es wäre für Magnus von Horn ein Leichtes, diese Konstellation für oberflächliches Social-Media-, oder Influencer-Bashing zu benutzen. Stattdessen entwickelt sich Sweat mit der Zeit in eine völlig andere Richtung, lässt moralische Ambivalenzen zu und konfrontiert seine Zuschauer mit Situationen, die so gar nichts mit dem generischen Genrestück zu tun haben, das der Trailer verspricht. Die stärkste Szene des ganzen Films ereignet sich etwa auf halber Strecke, als Sylwia zu einer Geburtstagsparty nach Hause fährt. Ausgehungert nach Zuneigung überschüttet sie ihre Mutter mit Liebe und Geschenken, doch die scheint das eher unter Druck zu setzen. Man versteht bald wieso: Als die Gäste ankommen, ist die kleinbürgerliche Wohnung in einer Plattenbausiedlung rammelvoll. Die Familie quetscht sich im Wohnzimmer an einen Tisch. Eine Handkamera folgt geduldig den Gesprächen: Die Cousine ist gerade schwanger, ihr Mann reißt Witze über Vegetarier und Homosexuelle. Alle sind freundlich zu Sylwia, aber sie beäugen sie eher wie eine Trophäe, aus gebührender Distanz. Mit ihrer neu erschienenen Fitness-DVD, dem engen Designerkleid und ihrer allgemeinen Instagrammability gehört sie in eine völlig andere Welt, löst bei ihrer Familie eine nur unzureichend verborgene Mischung aus Stolz und Minderwertigkeitskomplexen aus.

Solche Spannungsfelder sind viel eher Magnus von Horns Thema als irgendein Urteil über das Arbeitsmodell und die Authentizität von Influencern. Es geht darum, wie wir uns – mit einem zwischengeschalteten Smartphone oder nicht – ständig alle gegenseitig versichern, dass es uns toll geht. Und wenn nicht, dass wir hart daran arbeiten, das zu verbessern, uns zu verbessern, zur besten Version unserer selbst zu werden. Der einzige, den das wirklich freut, ist der Kapitalismus.

Sweat (2020)

 „Sweat” spielt während drei Tagen im Leben der Fitness-Motivatorin Sylwia Zając, deren Social Media Auftritt sie zu einer Berühmtheit gemacht hat. Doch obwohl sie Hunderttausende von Followern hat und fast schon kultisch verehrt wird, fehlt in ihrem Leben etwas ganz Entscheidendes: Vertrautheit.

  • Trailer
  • Bilder

Kommentare