Sun Children (2020)

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Sie klauen Autoreifen und suchen Schätze – Straßenjungs im Teheran der Gegenwart auf der Suche nach etwas Glück

Sun Children (2020)

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Kinder des Reifenhandels

Einen Schatz gebe es zu finden, erzählt ihm der alte Gauner, direkt unter dem Friedhof. Von oben komme man allerdings nicht heran, deshalb müsse Ali sich direkt nebenan in der Schule einschreiben. Aus deren Keller lasse sich dann ein Gang graben, direkt zum Schatz hin.

Als armer Halbwaise hat man es nicht leicht in Teheran; der 12-jährige Ali (Rouhollah Zamani) hält sich und seine drei besten Freunde mit allerlei Jobs über Wasser. Hauptsächlich arbeiten sie für einen Reifenhändler, gelegentlich klauen sie aber auch Reifen direkt von Luxuskarossen im Parkhaus. Jetzt also eine Schatzsuche – auch wenn die Anmeldung an der Schule für Straßenkinder eigentlich schon abgelaufen ist, mit Beharrlichkeit bekommen die Jungs doch noch einen Platz.

Sich unter falschen Voraussetzungen in einer Schule einschleichen, um im Keller nach einem fragwürdigen „Schatz“ zu graben – ein deutsches Publikum denkt da wohl rasch an Bora Dağtekins Fack Ju Göhte. Aber Sun Children sucht sich zwangsläufig ein ganz anderes Genre, kann und will vor allem soziale Verwerfungen und Unterschiede nicht in Humor auflösen.

Der iranische Regisseur Majid Majidi hat schon 1997 mit seinem kleinen Meisterwerk Kinder des Himmels die Armut in Teheran in den Blick genommen. Ungeschönt, aber auch ohne Larmoyanz und Dramatisierung. Echos dieses Films durchziehen nun auch Sun Children: in den Namen der Kinder (Ali und Zahra), aber auch visuell im Kontrast der hohen, sauberen Häuser in den wohlhabenden Vierteln zu den Häusern und Straßen der Armen – manchmal hat man fast das Gefühl, der Kamera wieder durch die Straßen von vor fünfundzwanzig Jahren zu folgen.

Ali steht im Mittelpunkt seiner Freundesclique; ein wenig selbstherrlich kommandiert er sie herum und bekommt dafür auch Gegenreaktionen zu spüren. Zugleich setzt er sich immer wieder für sie ein. Er ist ein wenig verliebt in Zahra, die Schwester seines Freundes Abofazl (Shamila und Abofazl Shirzad, auch im wahren Leben Geschwister). Die beiden sind Flüchtlinge aus Afghanistan und sind deshalb besonders bedroht, wenn die Kinder in Konflikte mit der Polizei geraten.

Für seine kindlichen Darsteller_innen hat Majidi vor allem mit Laiendarsteller_innen gearbeitet, die er in langen Casting-Wochen gesucht hat. Das zahlt sich aus; Zamani, der große Teile des Films auf seinen jungen Schultern trägt, gibt seinem Ali eine tiefsitzende Verzweiflung: Immer wirkt er unter Strom, gegenüber den Erwachsenen stets so verzweifelt und bittend wie misstrauisch, seiner Clique gegenüber mal herrisch und aufbrausend, mal zugewandt.

Wie nebenbei erzählt der Film mit den kleinen Geschichten dieser Kinder auch vom großen Ganzen. Nicht nur von Fluchterfahrungen, sondern auch von Alkoholismus, abwesenden Vätern, sich jovial gebender Kriminalität, rücksichtslosen Polizisten und Lehrern, die sich bis an den Rand der Erschöpfung und des Bankrotts für ihre Kinder engagieren.

Und in all dem Durcheinander versuchen alle, mehr oder minder mühsam um Orientierung und Halt ringend, zu überleben und für die ihren zu sorgen. Richtig entspannt und zärtlich wird Ali nur, wenn er zu seiner Mutter kommt, die nach einem Hausbrand und dem Tod ihrer Tochter in einer psychiatrischen Klinik lebt – nur ab und an bekommt der Junge sie zu Gesicht, nicht immer ist sie überhaupt ansprechbar. Von Vätern übrigens rundum keine Spur, die Lehrer mühen sich nach Kräften, da ein wenig Ersatz zu sein.

Die Schatzsuche ist spannend, auch dramatisch bis zum Schluss; ein Happy-End bekommt sie aber konsequenterweise nicht: Der Schatz entpuppt sich als Lügengebäude, für die Kinder als Rettung untauglich; andere Tragödien kommen sogar noch hinzu.

Dass Sun Children uns dennoch nicht in die Hoffnungslosigkeit entlässt, liegt an einem letzten Klingelton, einem Zeichen dafür, dass Ali, so hart seine Situation auch sein mag, lernt und wächst. Und dass dieses Lernen für die armen Straßenkinder, um die sich der Film dreht und denen er – all jenen, die zu Kinderarbeit gezwungen sind und gezwungen werden – auch gewidmet ist, immer eine Hoffnung bietet. Dafür aber, dass diese Hoffnung entstehen und erhalten bleiben kann, dafür muss jeden Tag aufs Neue gekämpft werden.

Im Teheran von Majid Majidi versprechen die Geschichten aus dem letzten Vierteljahrhundert nicht das Blaue vom Himmel herunter, aber sie finden die Schönheit und Menschlichkeit in jeder Nebenstraße.

Sun Children (2020)

Der 12-jährige Ali bildet gemeinsam mit drei Freunden eine Clique. Durch Gelegenheitsarbeiten in einer Autowerkstatt und kleinere, krumme Geschäfte versuchen sie an schnelles Geld zu gelangen, um auf der Straße zu überleben und ihre Familien zu unterstützen. Seine Mutter leidet aber unter psychischen Problemen und muss in ein Krankenhaus eingewiesen werden. Eines Tages wird Ali von einem alten Mann damit beauftragt, nach einem verborgenen Schatz im Untergrund eines Friedhofs zu suchen. Er weiht seine Freunde in das Vorhaben mit ein. Um Zugang zum Tunnel zu erhalten, in dem der Schatz vermutet wird, müssen sich Ali und seine Freunde offiziell bei der Sun School anmelden. Die gemeinnützunge Einrichtung versucht sich um Straßenkinder und Kinderarbeiter zu kümmern und ihnen eine Schulbildung zukommen zu lassen. Tatsächlich werden die Jungen aufgenommen und beginnen zwischen den Unterrichtsstunden heimlich nach dem Schatz zu graben

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