My Love: Sechs Geschichten wahrer Liebe (Dokuserie, 2021)

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Die dokumentarische Mini-Serie „My Love: Sechs Geschichten wahrer Liebe“ führt uns zu Paaren in sechs verschiedenen Ländern – und zeigt, was Zuneigung im Alter ausmacht.

My Love: Sechs Geschichten wahrer Liebe (Dokuserie, 2021)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

„Und jetzt sind wir hier…“

Das Kino liebt es, von der Liebe zu erzählen. Aber was hat das, was wir da sehen, eigentlich wirklich mit der Liebe zu tun? Das Necken zwischen Rosalind Russell und Cary Grant, das Schmachten zwischen Kate Winslet und Leonardo DiCaprio oder der Herzschmerz-Gesang zwischen Kajol und Shah Rukh Khan – zeigt uns all das tatsächlich, was es heißt, zu lieben?

Gewiss, es gibt auch einige wahrhaftige Liebesfilme – aber auf jeden guten kommen wohl etwa hundert klischeehafte. Die von Netflix produzierte Miniserie My Love: Sechs Geschichten wahrer Liebe vermag diese Bilanz ein bisschen aufzuwerten. In sechs circa einstündigen Episoden widmet sich die dokumentarische Reihe jeweils einem Paar und begleitet dieses für ein ganzes Jahr. Während sich die meisten (Spiel-)Filme in erster Linie für die Entstehung einer Liebe und die kleinen und großen Stolpersteine auf dem Weg zum Glück interessieren, geht es hier um die mehrere Dekaden andauernde Bindung zwischen zwei Menschen. Die porträtierten Paare leben in der USA, in Spanien, Japan, Korea, Brasilien und Indien; fünf von ihnen sind heterosexuell. Jede Folge wurde von einer anderen Person (beziehungsweise in einem Fall von einem Duo) in Szene gesetzt und lässt eigene Akzente erkennen. Dennoch gibt es klare wiederkehrende Elemente.

So wird zu Beginn jeder Episode neben dem Titel und dem Regie-Credit in der entsprechenden Landessprache jeweils die Dauer der Beziehung eingeblendet. Ginger und David aus den Vereinigten Staaten sind seit 59 Jahren zusammen, Nati und Augusto aus Spanien seit vollen sechs Dekaden, Kinuko und Haruhei aus Japan seit 49 Jahren, Saengja und Yeongsam aus Korea seit 47 Jahren, Nicinha und Jurema aus Brasilien seit 43 Jahren und Satyabhama und Satva aus Indien seit 42 Jahren.

In allen sechs Folgen findet eine intensive Beobachtung statt. Alte Fotografien ermöglichen stets einen Einblick in die Vergangenheit; eine chronologische Schilderung sämtlicher Beziehungsstationen wird indes nicht angestrebt. Die Geschichten wahrer Liebe konzentrieren sich vor allem auf das Jetzt, auf das Miteinander der Paare im Alltag des Alters. Und doch wird deutlich, dass dieses Jetzt niemals losgelöst von der Vergangenheit sein kann. Es gibt Wunden, es gibt mal lebhafte, mal dunkle Erinnerungen – und es fallen immer wieder Sätze, die mehr Eindruck hinterlassen als ein Großteil aller ausgeklügelten Drehbuchzeilen.

„Wir hatten genügend Gründe, um uns zu trennen. Aber wir konnten es nicht.“ Das ist so eine Aussage, die im Gedächtnis bleibt. Es geht um Nicinha und Jurema. Die beiden Frauen leben im Stadtviertel Rocinha in Rio de Janeiro. Die Regisseurin Carolina Sá ist dabei, wenn das Paar am Morgen erwacht – an Juremas 65. Geburtstag. Das Haus der beiden ist immer voll: Jurema brachte Kinder in die Beziehung mit hinein, die inzwischen selbst Kinder haben. Und Nicinha wurde mehrmals schwanger, während sie bereits mit Jurema zusammen war. Immer wenn sie sich gestritten hätten, sei Nicinha tanzen gegangen, hätte Sex mit Fremden gehabt – und dann wieder ein Kind erwartet. In einem klassischen Liebesfilm haben wir einen solchen Plot noch nicht gesehen. Aber hier erleben wir zwei Menschen, die lange „nach einem friedlichen Ort“ gesucht haben, wie es an einer Stelle heißt. Und sie haben ihn gefunden: Jurema in Nicinha – und Nicinha in Jurema.

Wenn Ginger und David in der beschaulichen Stadt Williston in Vermont Hand in Hand über ihre Farm laufen, während die andere Hand sich jeweils auf einen Spazierstock stützt, ist dieses Bild fast ein wenig zu süß – wie der Ahornsirup, den die Isham-Familie auf jener Farm seit 1871 herstellt. Doch auch die Regisseurin Elaine McMillion Sheldon gelangt im Laufe der Episode tiefer in das Leben des Paares. Zum einen wird hier, wie in allen Teilen der Reihe, auch die Geschichte des Landes mitgedacht, wenn wir etwa erfahren, dass die Isham-Farm die einzige ist, die in der Umgebung inzwischen noch existiert. Und zum anderen kommen auch hier Momente, die nichts von einer geschönten Vorstellung von Liebe haben. Medikamente einnehmen, einen Finanzierungsplan für die eigene Bestattung machen – das sparen filmische Darstellungen der Liebe gerne mal aus; für Ginger und David gehören diese Dinge hingegen ebenso zum Zusammensein wie die Spaziergänge und das Bettgeflüster.

Auch Chico Pereiras Beitrag über Nati und Augusto lebt von solchen Details. „Solange du die Straße siehst, kannst du fahren“, meint Nati ganz pragmatisch, als es um die Verlängerung von Augustos Führerschein geht. Wenig später stehen die beiden allerdings ohne Auto da, weil der 83-jährige Augusto den Sehtest nicht bestanden hat. Mal sagen die beiden unfassbar lustige Sachen („Sie wollte mich abfüllen, um mich rumzukriegen!“), mal herrlich kitschige („Ich bekam den besten Mann der Welt!“). Und auch hier gibt es Sätze, die einerseits sehr schlicht und andererseits wunderschön sind. „Es gibt noch viel zu tun“ ist so ein Satz.

In allen Episoden beeindrucken die Augenblicke der Nähe. Etwa wenn Kinuko ihren Mann Haruhei in der kleinen Stadtwohnung rasiert. Oder wenn Satyabhama ihrem Mann Satva auf dem Feld zwischen der Arbeit eine Kopfmassage gibt. In besonderer Erinnerung bleibt auch das Blättern im Familienalbum, zu dem sich Saengja und Yeongsam mit allen Angehörigen versammeln. Plötzlich fließen Tränen, als ein Verstorbener auf den Fotos zu sehen ist. Viele Tragödien liegen hinter diesen Menschen, an deren Dasein wir für eine Stunde teilhaben. „Lass uns glücklich sein für den Rest unseres Lebens!“, sagt Yeongsam zu seiner weinenden Frau, die an den gemeinsamen verstorbenen Sohn denken muss. Und diese Worte berühren mehr, als es eine mit fröhlicher Musik unterlegte „The End“-Einblendung tun könnte.

My Love: Sechs Geschichten wahrer Liebe (Dokuserie, 2021)

Die dokumentarische Mini-Serie „My Love: Sechs Geschichten wahrer Liebe“ führt uns zu Paaren in sechs verschiedenen Ländern – und zeigt, was Zuneigung im Alter ausmacht.

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