Louder Than Bombs (2015)

Louder Than Bombs (2015)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Trauerarbeit als Jonglageakt

Zwei Jahre ist es nun her, dass die Kriegsfotografin Isabelle Reed (Isabelle Huppert) bei einem Autounfall ums Leben kam. Nun ist ihr zu Ehren eine große Retrospektive ihres Schaffens geplant und zu dieser soll ein Artikel in der „New York Times“ erscheinen, bei dem es unter anderem um die wahren Umstände ihres Todes geht.

Für Isabelles Mann Gene (Gabriel Byrne) ist das ein Moment der Wahrheit, denn nun soll enthüllt werden, dass es sich mutmaßlich um einen Selbstmord handelte. Bislang hatte er gegenüber seinem pubertierenden Sohn Conrad (Devin Druid) zu den genauen Umständen geschwiegen, nun soll die Wahrheit auf den Tisch. Um ihn bei der schwierigen Aufgabe und den Vorbereitungen zu der Ausstellung zu unterstützen, ist auch Genes älterer Sohn Jonah (Jesse Eisenberg) nach Hause zurückgekehrt, obwohl er gerade erst Vater eines Kindes geworden ist.

Es gibt beinahe magische Momente in Louder Than Bombs: Wenn beispielsweise der Unfall gezeigt wird, geschieht das nicht nur in Superzeitlupe, sondern auch teilweise aus „God’s perspective“ – wie ein außer Kontrolle geratener Satellit schwebt Isabelles Wagen dann durch den Nachthimmel und obwohl in genau diesem Moment jemand stirbt, ist dies ein Moment, den wir als „schön“ empfinden. Immer wieder versteht es Joachim Trier, solche Momente auf die Leinwand zu zaubern, doch es gibt auch andere Szenen, die das Gegenteil bewirken.

So wirkt rückblickend der Beginn des Films sowie dessen Fortsetzung, bei dem Jonah mit seiner Ex-Freundin schläft, wie ein Fremdkörper, weil dies keine sichtbaren Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der Figur hat. Auch Isabelle bleibt als Person ungreifbar, obwohl sie als eigentlich Abwesende in diesem Film enorm viel Raum einnimmt. Ihre Depressionen, die als Grund (und letztendlich als einziger Beweis) für die Enthüllung des Selbstmordes herhalten müssen, wirklich lediglich behauptet. Ihr Vorhaben, das selbstzerstörerische Leben, das sie zwischen den globalen Krisenherden und der Familie zuhause führt, zu beenden, entbehrt jeglicher Planung und Vorbereitung.

Was stört an dem ambitionierten Familiendrama, dessen kühle Analyse einer familiären Tragödie entfernt an Ang Lees Der Eissturm erinnert, ist das Gefühl, dass Joachim Trier mit den zahlreichen Versatzstücken unbedingt eine Jonglage mit möglichst vielen Bällen vorführen will und nicht bemerkt, wie es ihm ein ums andere Mal nicht gelingt, alle Objekte im Spiel zu halten.

Louder Than Bombs ist sicherlich kein schlechter Film und möglicherweise einer der ambitionierteren Filme im diesjährigen Cannes-Wettbewerb. Im Vergleich zu Auf Anfang (…Reprise und Oslo, 31. August aber fühlt sich sein neues Werk eher wie ein Rückschritt an, weil Triers Ambitionen, einen kunstvoll vertrackten Film zu machen, leider die Emotionen überdecken und so manche Episode ins Leere laufen lassen. Irgendwo zwischen den Bildern und auf den verschlungenen narrativen Pfaden steckt ein Meisterwerk verborgen, es überwiegen jedoch die Zweifel, es fehlt die emotionale Anteilnahme an dieser Tragödie, die hier vor unseren Augen aufgefächert wird. Dennoch muss man sich um Triers weitere Karriere keine Sorgen machen, sein Talent für psychologisch komplexe Strukturen ist offensichtlich, seine Fähigkeiten als Regisseur beachtlich – nur dieses Mal hat er sich ein wenig an den eigenen Ambitionen verhoben.

(Festivalkritik Cannes 2015 von Joachim Kurz)

Louder Than Bombs (2015)

Zwei Jahre ist es nun her, dass die Kriegsfotografin Isabelle Reed (Isabelle Huppert) bei einem Autounfall ums Leben kam. Nun ist ihr zu Ehren eine große Retrospektive ihres Schaffens geplant und zu dieser soll ein Artikel in der „New York Times“ erscheinen, bei dem es unter anderem um die wahren Umstände ihres Todes geht.

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Meinungen
Martin Zopick · 22.11.2021

Durch den Tod der Mutter Isabelle Reed (Huppert), der vielleicht ein Suizid oder ein Unfall gewesen sein könnte, gerät die vierköpfige Familie ganz schön ins Schleudern. Isabelle war Kriegsfotografin und ständig im Auslandseinsatz. Zu Hause entwickeln die drei Zurückgebliebenen ein Eigenleben, in dem die Trauer um den Tod der Mutter und Ehefrau unterschiedlich gehandhabt wird. Auch wenn sie ständig kommunizieren, bleibt eine gewisse Distanz, die Regisseur Joachim Trier sehr sensibel und differenziert darstellt. Obwohl Isabelle schon lange tot ist, ist sie permanent präsent und agiert wie eine Lebende. Dabei werden Probleme sichtbar, die die Mutter zwar nicht lösen kann, aber sie geleitet ihre Familie in eine neue, selbstbestimmte Richtung, weil sie ständigen Kontakt hält.
Ehemann, Familienvater und von Beruf Lehrer Gene (Gabriel Byrne) ist im Gegensatz zu seiner Frau ständig zu Hause vor Ort und längt die Familiengeschicke mit ruhiger, verständnisvoller Hand. Kollegin Hannah (Amy Ryan) wärmt das Herz des Witwers. Die beiden Brüder Jonah (Jesse Eisenberg) ist verheiratet und gerade Vater geworden und Conrad (Devin Druid), der Sonderling, der zu spontanen Gewaltausbrüchen neigt, reden viel über sich und die Familie, machen erste bzw. weitere Erfahrungen in Sachen Liebe. Es ist wohl der Mangel an spektakulären Ereignissen, der diese mutterlose Familie so normal erscheinen lässt und ist für jeden offen, der sich drauf einlässt. Vater und Söhne erleben den ganz normalen Alltag mit Trauer, Heimkehr oder Coming Off Age.
Bekanntes lässt den Zuschauer ziemlich schnell heimisch werden, immer wieder angetrieben von der an sich toten Mutter, die hier aus Fleisch und Blut auftritt und ihrer Familie den Zusammenhalt bietet, den sie ohne sie nicht hätte. Die Mutter ist die Basis, egal ob sie anwesend oder abwesend ist. Ihre Immanenz übertönt jede Bombe.

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