Glück (2021)

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Sascha und Maria begegnen einander in dem Bordell in Berlin, in dem sie arbeiten. Sie verlieben sich ineinander, könnten glücklich sein. Aber ist in dieser Welt Glück überhaupt möglich?

Glück (2021)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Sascha und Maria – eine Liebesgeschichte

Sascha (Katharina Behrens) ist am Anfang von Henrika Kulls „Glück“ in Berlin auf dem Weg zur Arbeit – in einem Wohnungsbordell. Schon seit einiger Zeit arbeitet sie dort, die Kolleginnen und Kunden kennen sie, sie ist beliebt, wirkt souverän in dem, was sie tut. Maria (Adam Hoya) ist die Neue im Bordell, sie will mit dieser Arbeit Geld verdienen, sie will frei und unabhängig sein – und sie ist anders, unangepasster. Sofort fühlen sich Sascha und Maria voneinander angezogen: Maria ist fasziniert von Saschas Ausstrahlung und Stellung im Bordell; Sascha von Marias Unabhängigkeit und charismatischen Ausstrahlung.

Also beginnen sie, umeinander zu kreisen, einander verhalten zu umwerben. Und mit ihnen die Kamera von Carolina Steinbrecher, die immer ganz nah bei den Protagonist*innen bleibt. So nah, dass ihre Umgebung, ihr Umfeld in den Hintergrund verschwindet, oftmals gar nicht zu sehen ist. Es gibt nur diese beiden, aber natürlich haben sie eine Vergangenheit. Sascha kommt aus einem Dorf in Brandenburg, sie hat dort einen Sohn, der bei ihrem Ex-Mann lebt, den sie auch besucht, aber so richtig scheint sie sich in dieser Mutterrolle nicht wiederzufinden. Maria indes hinterlässt ihrem Vater Sprachnachrichten, in denen sie ihm von einem anderen Leben erzählt. 

Das Werben umeinander führt ans Ziel, sie verlieben sich ineinander – und gerade diese Liebe ist es, die beide beunruhigt. Sascha nimmt Maria schließlich mit zu einem Fest nach Brandenburg. Während sie sich an der demonstrativen Männlichkeit stört, die die Männer dort zur Schau stellen, reagiert Maria gelassener – sie ist eine distanzierte Beobachterin, während bei Sascha zu sehen ist, dass sie einst zu tief in diesen Strukturen steckte. Dadurch fühlt sich Sascha verraten, vielleicht aber ist sie auch zu verängstigt durch die Nähe, die sie zu Maria sucht. Nach einem kurzen Moment des Glücks endet diese Beziehung. Aber was bleibt danach?

Indem Henrika Kull sich auf ihre Hauptfiguren konzentriert, zeigt sich erst nach und nach, wieso sie tun, was sie tun. Die Sexarbeit ist für sie ein Weg Geld zu verdienen. Es ist eine Arbeit, der sie nachgehen, und zugleich will der Film Fragen nach Weiblichkeit verhandeln. Das gelingt insbesondere über das Gedicht, das Maria geschrieben hat und zweimal in diesem Film zu hören ist. Die Bilder alleine zeigen zwar die Alltäglichkeit, die Routine, die Selbstverständlichkeit der Abläufe, erst in Verbindung mit dem gesprochenen Wort aber entfalten sie eine weitere Bedeutungsebene: Wenn die Welt den Körper einer Frau zur Ware macht, ist es dann nicht auch richtig, dass sie daran verdient? 

Henrika Kull hat seit 2010 in Bordellen recherchiert, sie hat in einigen an der Bar gearbeitet oder den Hausdamen assistiert. Diese Erfahrung ist in dem Film alleine schon an der Perspektive zu spüren: Sie blickt in diese Welt, nicht auf sie herab. Dabei zeigt sich insbesondere in den Begegnungen mit den Männern, wie die Frauen gelernt haben, sich in potentiell gefährlichen Situationen zu verhalten. Besonders eindrucksvoll zu sehen, wenn ein Kunde von Maria droht, gewalttätig zu werden – in diesem Moment drückt das Gesicht von Adam Hoya (Searching Eva) ungeheuer viel bewusste Arglosigkeit aus. 

Am Ende dann müssen Sascha und Maria sich fragen, ob es nur diese kleinen Momente des Glücks sind, mit denen sie sich zufrieden geben werden. Oder ob sie vielleicht nicht doch den Schritt wagen und sich auf etwas einlassen, was sie bisher nicht gekannt haben. 

Glück (2021)

Warten im Pausenraum, Sex und Aufreihen für den nächsten Freier wechseln sich ab. Die selbstbewusste Italienerin Maria ist neu in dem Berliner Bordell, in dem Sascha schon lange arbeitet, und anders als die anderen hier. Sie ist Mitte 20, tätowiert und gepierct und schreibt in den Pausen Gedichte in ein Notizbuch. Die beiden Frauen fühlen sich sofort voneinander angezogen. Maria bewahrt ihr Geld in einem Schließfach in der Staatsbibliothek auf. Ihrem Vater versichert sie am Telefon regelmäßig, dass es ihr gut geht und sie viel Geld verdient. Sascha verbindet die Regionalbahn nicht nur mit ihrem alten Leben in der brandenburgischen Provinz, sondern auch mit ihrem 11-jährigen Sohn, der bei seinem Vater lebt. Als sie Maria auf ein Dorffest mitnimmt und als die Neue an ihrer Seite vorstellt, bringt sie auch ihr selbstbestimmtes, unangepasstes Stadtleben mit und versucht zum ersten Mal, sich wirklich zu zeigen.

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