Firebird (2021)

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Sie sind jung und draufgängerisch. Doch lieben können sich zwei im Jahr 1977 auf einer sowjetischen Militärbasis stationierte Männer nur heimlich. Das auf einer wahren Geschichte basierende Drama schildert, wie sie um eine Nische in einer Gesellschaft ringen, die Homosexualität ächtet und bestraft.

Firebird (2021)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Die verbotene Liebe zweier Soldaten

Auf dem Luftwaffenstützpunkt glauben alle, der Gefreite Sergey (Tom Prior) und die Sekretärin Luisa (Diana Pozharskaya) seien ineinander verliebt. Nach der Ankunft des neuen Kampfpiloten Roman (Oleg Zagordnii) aber geraten die Dinge in Bewegung. Bald scheinen Roman und Luisa füreinander bestimmt zu sein. Oft sieht man die Drei zusammen. Niemand darf erfahren, dass Sergey und Roman das wirkliche Liebespaar sind. Denn Homosexualität ist streng verboten in der Sowjetunion des Jahres 1977 und erst recht beim Militär, das im Kalten Krieg hier an der estnischen Küste stationiert ist. 

Der junge Sergey hat nur noch wenige Wochen Militärdienst zu absolvieren, als er dem attraktiven Leutnant Roman begegnet. Er fährt Roman auf dessen Wunsch mit dem Jeep in die Stadt und besucht mit ihm Strawinskys Ballett Der Feuervogel. Auf einmal bekommt Sergey leuchtende Augen, eine neue, verheißungsvolle Welt öffnet sich für ihn. Erinnerungen an seinen Kindheitsfreund werden wach, dessen tragisches Schicksal er Roman später erzählen wird. Roman fotografiert gerne und hört klassische Musik, seine Kunstaffinität verbindet ihn mit Sergey, der davon träumt, auf die Moskauer Schauspielschule zu gehen. Auf dem Rückweg machen sie Pause, setzen sich in den Wald, verstecken sich vor einer Patrouille des Grenzschutzes. Das abenteuerliche Gefühl, wie Kinder über die Stränge zu schlagen, mündet in einen spontanen Kuss.

Der aus Estland stammende Regisseur Peeter Rebane und sein britischer Co-Autor und Hauptdarsteller Tom Prior haben einen Stoff verfilmt, der ihnen besonders am Herzen liegt. In einem Text am Ende heißt es: „Bitte teilen Sie diese wahre Geschichte mit ihren Liebsten“. Der Text verweist auch darauf, dass es in Russland wieder Gesetze gibt, welche Homosexuelle diskriminieren. Das Drama ist der Erinnerung an Sergey Fetisov gewidmet, einem russischen Schauspieler, der 2017 starb. Auf dessen Leben, das er auch in seinem Buch The Story of Roman schilderte, basiert das Drehbuch für Rebanes Spielfilmdebüt. Es lebt vom Kontrast zwischen dem Freiheitsstreben der beiden lebenshungrigen Helden und dem repressiven System, an das sie gebunden sind. 

Der fröhliche, sympathisch unbekümmerte Sergey und der fesche, tollkühne Pilot Roman greifen nach dem Glück, lassen nicht immer doppelte und dreifache Vorsicht walten. Mit den Treffen aber ist es bald vorbei, denn Roman steht im Visier des Geheimdienstes KGB. Major Zverev (Margus Prangel) hat einen anonymen Hinweis erhalten, dass Roman mit einem anderen Mann gesehen worden sei. Er droht Roman offen mit dem Arbeitslager und dass er nie wieder fliegen werde, sollte es weitere Vorkommnisse geben. Sergey geht an die Moskauer Schauspielschule. In Zeitsprüngen von Monaten und Jahren wird der zweite Teil der Geschichte aufgeblättert: Luisa heiratet Roman, sie bekommen ein Kind. Roman zieht es schließlich doch wieder zu Sergey hin, er beginnt ein Doppelleben, dass nicht ewig gutgehen kann. Luisa weiß immer noch nicht, dass ihre Rolle von Anfang an die der Alibifrau war. 

Die Momente diebischer Freude oder einer vom Rest der Welt abgekoppelten Seligkeit, wenn Roman und Sergey allein sind, werden sehr treffsicher inszeniert. Im Wald, am Meer, in der Abgeschiedenheit eines Kasernenzimmers proben die beiden Schritte eines Aufbruchs, der erotisch und unschuldig zugleich wirkt. Was der auch in den Liebesszenen zärtlich und ungekünstelt geschilderten Zweisamkeit besondere Spannung verleiht, ist die ständige Gefahr des Entdecktwerdens. 

Von der Freudlosigkeit des sowjetischen Alltags künden die grauen Moskauer Blockviertel und vorher natürlich die militärische Strenge auf dem Luftwaffenstützpunkt, mit der nicht zu spaßen ist. Der argwöhnische Major kann einfach am Abend in Romans Zimmer kommen und es inspizieren. Auch die Gewalt und das Mobbing, denen Soldaten in der Truppe ausgesetzt sind, werden thematisiert. Aber der Film begnügt sich dabei weitgehend mit verbalen Andeutungen. Das Militär ist trotz allen Zwangs eine Gemeinschaft, auf Romans Hochzeit mit Luisa feiern auch die Befehlshaber des estnischen Stützpunkts mit – registrieren aber genau, wie sich Roman und Sergey benehmen. 

Auch später, in der größeren Anonymität Moskaus, gibt es für die beiden Männer kaum Möglichkeiten, aus ihren Rollen auszubrechen. Wie das Drama an verschiedenen Stellen betont, ist Homosexualität, abgesehen von der Strafbarkeit, sozial geächtet und gilt als Schande. Diese Einstellung scheint sich noch nicht grundlegend geändert zu haben: Auch zur russischen Premiere des Films auf dem Internationalen Filmfestival in Moskau habe es wütende Proteste gegeben, teilt der deutsche Verleih mit. Eine Liebe aber, zumal wenn sie so leidenschaftlich und so schön ist wie die von Roman und Sergey, sollte nicht im Verborgenen blühen müssen. Diese Botschaft, die wohl nicht zuletzt auch an ein russisches und osteuropäisches Publikum gerichtet ist, entfaltet sich auf der Leinwand wie ein knisterndes kleines Feuerwerk.

Firebird (2021)

 

Estland in den 1970ern, auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs. Der junge Soldat Sergey und seine Jugendfreundin Luisa dienen auf einem Luftwaffenstützpunkt der UdSSR. Als Roman auf die Basis versetzt wird, verfallen beide dem Charme des kühnen Kampfpiloten. Doch die aufkeimende Liebe zwischen den Männern muss um jeden Preis geheim bleiben – Roman steht bereits auf der Überwachungsliste des KGB. 

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