Bad Luck Banging or Loony Porn (2021)

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Ein selbstgedrehtes Video, das die angesehene Lehrerin Emi beim Sex mit ihrem Ehemann zeigt, wird bei Pornhub hochgeladen und löst an der Schule und bei den erbosten Eltern einen Skandal aus, in dessen Verlauf die ganze Heuchelei der rumänischen Gesellschaft entblößt wird. 

Bad Luck Banging or Loony Porn (2021)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Wahnsinn mit Methode

Selten begann ein Film bei der Berlinale, zumal im Wettbewerb, derart explizit wie Radu Judes neues Werk „Bad Luck Banging or Loony Porn“. Und umso mehr bedauert man es, diesen Film nicht in einer Pressevorführung oder einer Galapremiere am Potsdamer Platz gesehen zu haben — man hat das Gezische, die verschämten Lacher und Zwischenrufe, die der Film mit seiner Eröffnungssequenz provoziert, förmlich in den Ohren. 

Quasi als Epilog hat Radu Jude ein billiges, offensichtlich selbstgedrehtes Amateur-Handyvideo vorangestellt — den Stein des Anstoßes, der später die ganze Geschichte ins Rollen bringen wird. Das Filmchen zeigt ein Paar beim Sex — künstlerisch nicht gerade wertvoll, aber sehr explizit ficken Emi Cilibue (Katia Pascariu) und ihr Ehemann Eugen, spielen neckisch mit einer Peitsche, deklinieren die Abfolge von etwas unbeholfenem Vorspiel, Blowjob und Doggy durch, einmal kurz unterbrochen von der Stimme einer älteren Frau, die schnell abgewimmelt wird. Ein Amateuerporno, bestimmt für den Privatgebrauch, so hat es den Anschein. Doch dann gerät der Film in die falschen Hände, wird bei Pornhub hochgeladen und bringt Emi in ernsthafte Bedrängnis, weil sie erkannt wird und sich nun vor den Eltern der Schüler*innen verantworten muss. 

Dies ist die Ausgangslage des in drei Kapitel gegliederten Films, der sich am Ende immer weiter steigert zu einer grelle Farce über nicht viel weniger als den Zustand Rumäniens zur Jetztzeit während einer Pandemie. Denn obwohl Covid-19 nicht im Mittelpunkt steht, ist die Gegenwart des Virus doch auf ganz selbstverständliche Weise allgegenwärtig — zum Beispiel in den Masken, die im Straßenbild zu sehen sind, aber auch in der Anspannung und zum Teil sehr offenen und rüden Aggression, die bei Emis endlosen Gängen durch die Stadt zu spüren ist. Ein protziger Geländewagen, quer auf dem Bürgersteig geparkt, sodass kaum ein Vorbeikommen für die Pasant*innen ist, führt zu einer wüsten Schimpfkanonade. In einer andern Szene ist zu sehen, wie ein wütender Autofahrer einen aufgebrachten Fußgänger mit Absicht auf die Hörner nimmt und der Mann auf der Motorhaube landet. Es herrscht — und das vermutlich nicht allein durch die Corona-Pandemie, aber befeuert durch sie - ein Klima von Wut, Misstrauen und Niedertracht in Rumänien, eine explosive Mischung, die sich an der Supermarktkasse ebenso zeigt wie in einer Apotheke.

Zeigt das erste Kapitel mit dem Titel „One Way Street“ Emis labyrinthische Gänge durch eine laute und sehr kaputte Stadt voller Symbole und kleiner Miniaturen, löst sich der zweite Teil völlig aus der Narration und wird zu einem Kompendium der Polemiken gegen dies und jenes — oder wie Radu Jude es benennt: „A short dictionary of anecdotes, signs and wonders“. Kurze Miniaturen über Religion, und Revolution, Bücherregale und Geschlechtsteile, Faschismus und Kommunismus und vieles andere mehr — eine wilde Collage aus Found-Footage-Schnipseln und Inszeniertem, Internet-Resten und sonstigen Resten, die allesamt ein wenig an die lexikalischen Einschübe aus Lars von Triers Nymphomaniac erinnern. Allerdings mit dem nicht unerheblichen Unterschied, dass Radu Judes Collage weniger enzyklopädisch als vielmehr wild und frei assoziierend daherkommt und bei aller Verschiedenartigkeit vor allem eine Stoßrichtung aufweist: Es will ein Generalangriff auf die Gesellschaft und ihre Grundpfeiler sein, und zwar viel eher in Form einer wütend hingerotzten Skizze als eines ausgearbeiteten Pamphlets. 

Die Verheerungen des Neoliberalismus und Turbokapitalismus, das ist Judes nicht sehr neue, aber mit großer Verve vorgetragene Analyse (sofern man dies aufgrund der sprunghaften Montage so nennen mag), tragen längst überdeutlich die hässlichen Züge eines darwinistischen Überlebenskampfs, bei dem Armut und Verzweiflung keine Empathie mehr hervorrufen, sondern nur noch kaum kaschierte Verachtung. Wohin das Ganze eines Tages münden wird, daran lässt Radu Jude kaum einen Zweifel. Immer wieder beziehen sich seine Bilder und Tiraden explizit gegen die Allgegenwart von Populismus, Totalitarismus und Rechtsradikalismus als Urschleim eines politisch zutiefst verkommenen Systems und einer ebensolchen Gesellschaft. 

Im dritten Teil schließlich kommt es zu einem absurden Tribunal im idyllischen Innenhof der Schule, an der Emi als Lehrerin arbeitet. Vor der versammelten, zum Teil grotesk kostümierten Elternschaft wird das Video noch einmal abgespielt, von den Anwesenden betrachtet mit einer Mischung aus offensichtlichem Interesse und ostentativ zur Schau gestelltem Missfallen und anschließend lustvoll und scheinheilig durchgehechelt, bis wirklich jede Blödheit und jedes Ressentiment mindestens einmal gefallen ist. Das Ganze, man ahnt es schnell, endet im völligen Chaos und erinnert fatal an nahezu jeden öffentlichen Diskurs und dessen völliges Entgleiten, wie es in Talkshows ebenso vorzufinden ist wie bei nahezu jeder politischen Diskussion oder in Foren bekannter Medien. 

Bad Luck Banging or Loony Porn ist bestimmt kein perfekter Film — zu deutlich trägt er (nicht ohne Stolz) das Skizzenhafte und Improvisierte, das auch seinen Zeitpunkt des Entstehens im Sommer 2020 inmitten einer Pandemie nicht schamvoll verschweigt, sondern vielmehr geschickt mit einbaut, vor sich her und stellt es aus. Einen „Entwurf für einen populären Film“ nennt Radu Jude selbst diesen räudigen Bastard von einem Film — und trifft damit genau das Lebensgefühl vieler Menschen zu Zeiten einer Pandemie: Es ist gerade nicht die Zeit für das über alles erhabene Meisterwerk. Zu brüchig und fragil ist diese Welt gerade geworden, zu fragwürdig sind ihre Grundlagen, zu morsch ihre Pfeiler, auf denen sie eigentlich ruhen sollte. Und wenn diese Welt gerade in ihre Bestandteile zerfällt, dann sind Improvisation und Wut auf die bestehenden Verhältnisse sicherlich nicht die schlechtesten Begleiter in dem anstehenden Überlebenskampf. Denn wie anders lässt sich dem Wahnsinn der Welt da draußen sonst noch begegnen? Und vermutlich liegt gerade hierin die große Meisterschaft dieses wüsten Films — dies zu erkennen und so unverblümt, wild und frei auf die „Leinwand“ zu bringen. Selbst wenn diese wie im Falle der gerade stattfindenden Online-Berlinale nur aus einem kleinen Computerscreen besteht. Radu Judes Film besitzt jedenfalls die Kraft, dies für eine Stunde und 46 Minuten vergessen zu machen.

Bad Luck Banging or Loony Porn (2021)

Ein Video geht viral. Es zeigt einen Mann und eine Frau beim Sex. Sie tragen Masken, trotzdem wird die Frau erkannt. Dumm nur, dass sie als Lehrerin eigentlich ein Vorbild sein soll. Und das in einer Gesellschaft (der postsozialistischen, aber letztlich unser aller), welche drauf und dran ist, sich im Social-Network-Diskurs aus restaurativen Saubermannattitüden, pseudopolitischer Besserwisserei, scheinheiligem Chauvinismus und grotesken Verschwörungstheorien zu verlieren. Alle haben Meinung. Die Debatte wird zum Tribunal – über konsensualen Sex, Pornografie und mehr.

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