800 mal einsam - Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz (2019)

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Ein cinephiler Tag im Kinopalast „Lichtburg“ und am Essener Baldeneysee. Mittendrin: die 87-jährige Autorenfilmerlegende Edgar Reitz („Heimat-Zyklus) sowie die Nachwuchsregisseurin Anna Hepp. Welche Persona verbirgt sich hinter dem international bekannten Filmemacher? Ein Porträt und Kunstessay.

800 mal einsam - Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz (2019)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Heimatrauschen

Zwei Drehorte, zwei Regisseure und ein offen angelegter Filmdiskurs zwischen zwei Generationen anhand der Biografie des Münchner Filmemachers Edgar Reitz sowie vereinzelten Ausschnitten aus dessen voluminösem Oeuvre, das seit den späten 1950er Jahren entstanden und spätestens seit dem 50-stündigem „Heimat“-Zyklus (ab 1984) international bekannt ist.

Was sich die 1977 in Marl geborene Filmemacherin und Fotografin Anna Hepp für ihren losen zwischen Künstlerporträt und Kinoessay schwankenden Film 800 Mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz vorgenommen hat ist von Beginn an ambitioniert. Und entspricht formal wie ästhetisch erst einmal so gar nicht dem „modischen orientierten Mittelmaß“, das Edgar Reitz seit mittlerweile einem Jahrzehnt in großer Regelmäßigkeit in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft (wieder-)erkennt und wie zuletzt 2018 in den so genannten „Frankfurter Positionen zur Zukunft des Deutschen Films“ medienwirksam anprangert.

Kein Wunder: schließlich unterrichtete der rund um dem Globus rezipierte Heimat-Schöpfer und Mitunterzeichner des Oberhausener Manifests (1962) selbst jahrzehntelang Filmstudenten (z.B. in Ulm oder Karlsruhe) mit großem Engagement. Obendrein bemüht sich auch die 2007 gegründete Edgar Reitz Filmstiftung in ihren Statuten neben der primären Filmrestauration ebenso um die Förderung des Filmnachwuchses sowie der generellen Filmbildung in diesem Lande.

Als Interviewort hat sich Anna Hepp für die legendäre „Lichtburg“ im Essener Zentrum entschieden. Der 1928 erbaute und seit 1998 unter Denkmalschutz stehende Lichtspieltheatermonolith mit 1250 Sitzplätzen war parallel zu Reitz’ künstlerischer Initiationszeit in München die Premierenspielstätte der restaurativ-verlogenen „Adenauer Republik“. Während der Hunsrücker Filmemacher als junger Familienvater gerade im Nachkriegsmünchen erste experimentelle Industriefilme (wie Geschwindigkeit) drehte und aufsehenerregende Spielfilmstoffe (wie Mahlzeiten) ersann, kämpften sich dort damalige Jungstars wie Horst Buchholz, Sonja Ziemann, Romy Schneider oder Götz George durch tausende Schaulustige zu den oftmals pompösen Filmpremieren aus „Opas Kino“-Zeit.

Vom Angriffsgeist dieser Phalanx der „Jungfilmer“ und ersten Generation des „Neuen Deutschen Films“ um Edgar Reitz, Alexander Kluge, Hansjürgen Pohland oder Haro Senft ist zumindest im letzten und besten Drittel von 800 Mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz immer noch einiges zu spüren. Edgar Reitz ist schließlich auch als über 80-Jähriger ein passionierter (Film-)Mann im Unruhestand geblieben, wovon er in Anna Hepps insgesamt deutlich zu mühsam erdachten und überwiegend arg kunstgewerblich realisiertem Film ein weiteres Mal Zeugnis ablegt, wenn er sich vor der Kamera voller Groll beispielsweise an seine Negativerfahrungen mit einer besserwisserischen Jungredakteurin zurückerinnert, die ihm bei der Produktion von Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende vor die Nase gesetzt worden war.

Ansonsten ist dieses zwischen Schwarz-Weiß- und Coloreinstellungen mäandernde Filmemacherin-trifft-Filmemacher-Porträt leider en gros deutlich zu farblos geraten, was gefühlt keineswegs an der Unlust des namensgebenden Protagonisten liegt, sondern in erster Linie an der zwischen Schüchternheit und Ehrfrucht pendelnden Nachwuchsregisseurin (Rotkohl und Blaukraut / Ich möchte lieber nicht). Ohne wirklich Fragen mit Biss zu stellen oder aus ihrer befremdlichen Duckhaltung („Ich mag Ihr Lächeln“) konsequent auszubrechen gerät 800 Mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz so bereits nach den ersten 30 Minuten in dramaturgisch reichlich unruhiges Fahrwasser.

Und so nimmt jenes künstlerisch-kreative Missverhältnis auch in den weiteren knapp 60 Minuten unrühmlich seinen Lauf, was im Speziellen an aufdringlichen Mikrofonangeln in der Bildebene oder unsäglich nervenden Ton-Montagen liegt und cinephile Zuschauer unangenehm überraschen wird: Besonders diejenigen, die Edgar Reitz persönlich kennen oder ihm zumindest schon einmal bei Filmfestivals oder Podiumsdiskussionen länger begegnet sind.

Denn die Schwabinger Autorenfilmerlegende ist trotz aller Schärfe im Kinopolitischen wie filmästhetischen Diskurs im Grunde ein oftmals besonnen-ruhiger, fast schon in sich gekehrter Mann des Wortes, der sich etwa analog zu seinem Ex-Ulmer-Kompagnon Alexander Kluge problemlos druckreif äußern kann und dafür aus der Sicht des Interviewers „nur“ professionell angetriggert werden muss. Understatement und Spieltrieb schließen sich eben im realen Leben des Edgar R. keineswegs aus. Nur sieht und spürt man davon leider in Anna Hepps weitgehend emotionslosem Filmzwitter, der immerhin 2019 in Venedig seine Uraufführung feierte, in der Summe viel zu wenig. Und so bleibt es am Ende bei einem relativ marginalen Heimatrauschen über Seh(n)süchte und weitgehend bekannte Anekdoten aus der Reitz’schen Künstlervita.

800 mal einsam - Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz (2019)

Ein warmherziges, dennoch formal radikales Filmportrait in Schwarzweiß und Farbe über Edgar Reitz in der Begegnung mit einer jungen Filmemacherin.  Im Austausch der Generationen trifft der Mitunterzeichner des berühmten Oberhausener Manifestes und Wegbereiter des “Neuen Deutschen Films” auf eine Nachwuchsregisseurin. Der Film greift Fragen nach persönlicher Biografie bis zum Kinosterben auf und wird zur Liebeserklärung an das Filmemachen an sich. (Quelle: Verleih)

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