Tulpan

Tulpan

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Die Geburt der Lämmer

Was tun, wenn man abstehende Ohren hat und das einzige heiratsfähige Mädchen weit und breit solche "Segelflieger" abscheulich findet? Man könnte abhauen und sein Glück in der Stadt versuchen. Man könnte aber auch stur bleiben in dieser kasachischen Steppe, die mindestens so garstig ist wie die umworbene Schöne. Dann würde man das bekommen, was der Film auch dem Zuschauer bietet: einen humorvollen Mix aus Realismus und Poesie.
Der Kasache Sergey Dvortsevoy hat vier kurze und mittellange Dokumentarfilme gedreht, bevor er sich mit Tulpan zum ersten Mal der Fiktion widmete. Das merkt man seinem Spielfilmdebüt, das 2008 in Cannes den Preis der Reihe "Un Certain Regard" für den besten Film bekam, durchaus an, und zwar sehr zum Vorteil. Wie leicht hätten die Bilder der rauen, aber betörenden Steppe eine abgegriffene Sehnsucht nach dem einfachen Leben bedienen können. Dass sie es nicht tun, verdanken sie allein dem genauen, quasi-dokumentarischen Blick, der die Realität an keiner Stelle beschönigt. Und dennoch – das ist das Besondere an Dvortsevoys künstlerischer Handschrift – fängt die Kamera immer auch den Traum von einem besseren Leben mit ein. Das macht das Drama einer Nomadenfamilie zu einer universellen Geschichte über die erstaunliche Willenskraft, den Widrigkeiten des Alltags ein kleines Glück abzutrotzen.

Die Ohren sind nämlich längst nicht das Einzige, was Asa, dem Ex-Matrosen, zu schaffen macht. Einige Jahre ist er über die Weltmeere geschippert, jetzt zieht es ihn nach Hause. Aber wo ist das? Bei der Schwester, die mit ihrer Familie dem kargen Grün der Steppe hinterherzieht und in einer Jurte lebt, einem traditionellen Rundzelt mit Holzgerüst? In dieser von Sandstürmen heimgesuchten Ödnis, wo die nächste große Stadt 500 Kilometer weit weg ist? Asa hat eine genaue Vorstellung von seiner Heimat. Er hat sie in die Hinterseite seines ausladenden Uniformkragens gemalt: eine eigene Jurte plus eigener Schafherde und eigener Familie, eine Idylle wie aus dem Zeichenheft eines Erstklässlers. Nur: Um eine eigene Herde zu bekommen, braucht man eine Frau. Und so schlüpft Asa erstmal bei seiner Schwester unter. Deren Mann begegnet dem Kostgänger mit den geringen Chancen auf dem Heiratsmarkt allerdings mehr als skeptisch.

Es gibt nur wenig äußere Verwicklungen in dieser alltagsnahen Erzählung. Alles, was passiert, dreht sich um den Kampf gegen eine abweisende Natur und um die Regeln einer Gemeinschaft, in der (Selbst)Disziplin eine Frage von Leben oder Verhungern ist. Die stellt sich umso dringlicher, seit die Schafe nur noch tote Lämmer gebären. Die Tiere finden so wenig zum Fressen, dass sie zu entkräftet sind für eine erfolgreiche Vermehrung.

Zur Schlüsselszene wird daher die Episode, als Asa in der Steppe ein entlaufenes Schaf findet, das kurz vor der Geburt steht. Das ist nicht nur ein Wendepunkt im Leben des Helden. Am Beispiel dieser Entbindung lässt sich auch zeigen, wie der Regisseur seine Bilder mit der Kraft des realen Lebens auflädt. Hier wird nicht mit Tricks gearbeitet, die Geburt ist real so passiert und wurde in einer langen Einstellung gedreht. Zwar durfte das Kamerateam zuvor bei weiteren Geburten proben. Aber seinen Hauptdarsteller Askhat Kuchinchirekov hat der Regisseur diese Szene nicht proben lassen, und zwar ganz bewusst. So war der Schauspieler zum ersten Mal mit der Situation konfrontiert. Seine Angst, Anspannung und teilweise Hilfslosigkeit ist real, nicht gespielt. Ebenso wie die Glückseligkeit, mit der er sich anschließend rücklings auf die Erde legt, die Arme von sich streckt und über das ganze Gesicht strahlt. Wenn man so etwas Schönes erlebt – was macht es dann, wenn man abstehende Ohren hat?

Tulpan

Was tun, wenn man abstehende Ohren hat und das einzige heiratsfähige Mädchen weit und breit solche "Segelflieger" abscheulich findet? Man könnte abhauen und sein Glück in der Stadt versuchen. Man könnte aber auch stur bleiben in dieser kasachischen Steppe, die mindestens so garstig ist wie die umworbene Schöne. Dann würde man das bekommen, was der Film auch dem Zuschauer bietet: einen humorvollen Mix aus Realismus und Poesie.
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Meinungen
Jan Sanders · 08.12.2009

Sehr schöner Film. Ich weiß nicht, was mich mehr gepackt hat: die Steppe, die Menschen, die Tiere oder die Geschichte. Oder auf was für eine einmalige Art all das zu diesem Film zusammengefügt wurde. Zauberei, nein, Kino, wofür es erfunden wurde.

Goofy · 04.06.2009

Der "andere Film", lauft in den CH-Kinos.

Kommentare

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