The Neighbor

The Neighbor

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Der unheimliche Jäger von gegenüber

Was wäre das Horror- und Thrillergenre ohne die Provinz? In ihren unergründlichen Tiefen trifft man auf allerlei Dinge, die dem Zeitgeist längst peinlich geworden sind. Das Festhalten am Überkommenen mag auf den Betrachter trotzig wirken oder selbstbewusst, vielleicht sogar latent bedrohlich. In einer solchen Assoziationskette ist es dann nicht mehr weit bis zu der Wut, die irgendwo dort draußen schlummert, genährt aus dem Gefühl, abgehängt worden zu sein, vergessen vom Rest der Welt. Die sich aus gescheiterten Träumen, wirtschaftlichem Niedergang, der Ohnmacht eines Einzelnen gegenüber dem regionalen Machtgefüge speist. Der Vorspann zu The Neighbor gleicht einer schaurigen Warnung vor dem Betreten dieser Welt mit ihren eigenen Gesetzen. Nette Bilder wie das eines Weihnachtsbäumchens mit bunten Kugeln wechseln sich in schneller Folge ab mit Motiven von Gewalt und Verbrechen.
Im US-Bundesstaat Mississippi leben scheinbar unbescholtene Bürger, die ein Lokal betreiben oder eine Ranch besitzen, vom Drogenhandel oder noch Schlimmerem. John (Josh Stewart) ist einer von ihnen. Für seinen kriminellen Onkel spielt er den Kurier und lässt seine Freundin Rosie (Alex Essoe) oft alleine zurück in ihrem einsamen Haus auf dem Land. Und was macht sie, weil ihr langweilig ist wie einst Jeff in Das Fenster zum Hof? Sie richtet ihr Teleskop hinter den Jalousien auf das Haus gegenüber, wo der einzige Nachbar weit und breit wohnt. Troy (Bill Engvall) ist ihr unheimlich, sie glaubt nicht, dass er nur Hasen erlegt. John hat genug Geld gespart, um endlich mit Rosie den Absprung zu wagen, aber der muss heimlich erfolgen, weil der Onkel die lebenslange Macht der Familie auf deutliche Weise beschwört. Am Tag der geplanten Flucht aber schlägt der mysteriöse Nachbar zu. Auf der Suche nach Rosie dringt John in Troys Haus ein und macht eine schockierende Entdeckung.

Wie es die Kultserie Breaking Bad oder der Film Winter's Bone vormachten, schildert auch Marcus Dunstan (The Collector) in The Neighbor eine Provinz, in der das Verbrechen aus materieller Not und Chancenlosigkeit entsteht. John hat sich korrumpieren lassen und muss es weiter tun, um den Ausbruch zu schaffen. Der Ernst der Lage und die eigene Bedrückung stehen ihm ins Gesicht geschrieben, was auf einen im Grunde guten Charakter hinweist. Josh Stewart spielt diesen Filmhelden beeindruckend als traurige und zugleich hoch vitale Figur, als einen Mann, der lieber schweigt, und der weiß, was zu tun ist. Die von Alex Essoe gespielte Rosie bekommt erst spät ihren Auftritt, aber der hat es in sich, weil sie eine ungeahnte Entwicklung durchmachen darf. So bilden die zwei ein cooles Filmpaar, das in seltenen Momenten sogar sein unterschwelliges Humorpotenzial erkennen lässt.

Auch die hämmernd-pulsierende Filmmusik signalisiert eher Action und Abenteuerlust als eine gruselige Übermacht des Bösen. Sie klingt animierend und dynamisch und ergibt damit einen spannenden Kontrast zu den Schrecken dieser gottverlassenen Provinz, die sich auf der Bildebene entfalten. Als sich John dem Haus des Nachbarn nähert, beobachtet ihn die Kamera von innen, durch die Fenster heraus. Die Gefahr ist spürbar und der Feind wird sich bemerkbar machen, selbst wenn er im Moment nicht da sein sollte. Dramaturgisch sehr überzeugend sind auch die Minuten, in denen John langsam das Haus erkundet. Die halbdunklen Wohnräume mit dem gediegenen Mobiliar, den Tiertrophäen an den Wänden und dem bunt geschmückten Weihnachtsbäumchen machen stimmungsmäßig jeder Geisterbahn Konkurrenz, denn sie signalisieren durch das Hinauszögern des Schrecklichen, wie schlimm es gleich wird.

Manchmal geht es auch abstoßend blutig zu in dieser Geschichte, die sich aber in erster Linie als Thriller versteht. Marcus Dunstan erweist sich als geradliniger, effektiver Erzähler, der das Kinopublikum zu fesseln versteht. The Neighbor bietet einfach gut gemachte Unterhaltung, nicht mehr und nicht weniger.

The Neighbor

Was wäre das Horror- und Thrillergenre ohne die Provinz? In ihren unergründlichen Tiefen trifft man auf allerlei Dinge, die dem Zeitgeist längst peinlich geworden sind. Das Festhalten am Überkommenen mag auf den Betrachter trotzig wirken oder selbstbewusst, vielleicht sogar latent bedrohlich. In einer solchen Assoziationskette ist es dann nicht mehr weit bis zu der Wut, die irgendwo dort draußen schlummert, genährt aus dem Gefühl, abgehängt worden zu sein, vergessen vom Rest der Welt.
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