Summer Book

Summer Book

Eine Filmkritik von Silvy Pommerenke

Die Dramatik des Alltags

In der anatolischen Provinz beginnen die Schulferien, und in den Blickpunkt rücken die Ereignisse von drei Personen verschiedener Generationen: Dem kleinen Ali wird sein Schulbuch geklaut, das er unbedingt zurückbekommen muss, sein erwachsener Bruder Veysel beichtet den Eltern, dass er die Militärakademie vorzeitig beenden will und ihr Onkel Hasan will das Geheimnis der Geliebten ihres Vaters lüften. Kleine alltägliche Probleme, die vom Regisseur Seyfi Teoman mit subtiler Dramatik aufgeladen werden.
Dreh- und Angelpunkt von Summer Book ist der patriarchalische Vater Mustafa (Osman Inan), der in seiner Familie den Ton angibt und über deren Wünsche und Bedürfnisse hinweggeht. Sein neunjähriger Sohn Ali (Tayfun Günay) bekommt das insofern zu spüren, dass er seine Schulferien nicht wie andere Kinder spielend verbringen darf, sondern er soll die kaufmännischen Fähigkeiten seines Vaters erwerben. So wird ihm von Mustafa eine Großpackung Kaugummis in die Hand gedrückt, die er gewinnbringend verkaufen soll. Eine große Aufgabe für einen kleinen Jungen, der er nicht gewachsen ist. Seinem älteren Bruder Veysel (Harun Özüağ) geht es kaum besser, denn er hat sich endlich dazu durchgerungen, den Eltern die Stirn zu bieten und die Militärakademie zu verlassen, die er nur auf Wunsch des Vaters besucht. Das kommt für den aber gar nicht in Frage, denn er müsste eine hohe Ablösesumme bezahlen, zudem scheint ihm der Wunsch des Sohnes, eine Wirtschaftsstudium in Istanbul zu beginnen, nicht zukunftsträchtig. Als vermittelndes Element tritt immer wieder Onkel Hasan (Taner Birsel) auf, der aber nur wenig für seine Neffen ausrichten kann. Erst als Mustafa nach einer Gehirnblutung im Koma liegt, scheint sich die Situation für dessen Söhne zu bessern, aber nun ist es Onkel Hasan, der in die Fußstapfen seines Bruders tritt. Mustafas Frau Güler (Ayten Tökün) spielt bei allem nur eine untergeordnete Rolle, so wie im ganzen Film kaum Frauen in Erscheinung treten. Sie führt ein Leben im Schattendasein ihres Mannes und ist nur für die Versorgung der Kinder und den Haushalt zuständig, ohne Mitspracherecht. So ist Güler ständig dabei zu sehen, wie sie kocht, putzt oder Betten aufschlägt. Das Koma ihres Mannes bringt sie schließlich dazu, ihrem Schwager von ihrer seit langem bestehenden Vermutung zu erzählen, dass Mustafa eine Geliebte haben muss. Onkel Hasan macht sich auf die Suche nach dieser ominösen Geliebten, während Veysel immer noch mit der Militärakademie hadert und Ali sich mit dem Kaugummiverkauf schwer tut.

Das neue türkische Kino kommt mit nur wenigen Worten aus und lässt stattdessen die Bilder wirken und sprechen. Während dies in Herbst - Sonbahar, einem Film von Özcan Alper, fast unerträglich ist, gelingt es Seyfi Teoman mit seinem Langfilmdebüt außerordentlich gut, diese beiden Elemente miteinander zu verbinden. Das liegt vor allem an der Kameraarbeit, die immer in sicherer Distanz zu den Protagonisten ist, und dennoch eine persönliche Nähe aufbaut. Sie arbeitet fast dokumentarisch, beschönigt nicht den Augenblick sondern unterstreicht die Verlorenheit der Figuren. Wie der kleine Ali alleine durch die Straßen wandert und versucht, mit seinem lästigen Klassenkameraden fertig zu werden und seine Kaugummis verkaufen will oder wie Veysel schüchtern und nonverbal mit einer Frau flirtet, bis diese mit ihrem Ehemann davongeht, wird so tiefsinnig-emotional eingefangen, dass dafür sämtliche Worte unnötig sind und dennoch alles gesagt wird. Als riesiges Schauspieltalent erweist sich Tayfun Günay in der Rolle des Ali, der mit unglaublicher Authentizität und Ernsthaftigkeit die Figur des verlorenen und dennoch starken Jungen spielt, dass es atemberaubend ist. Schließlich präsentiert sich der Film noch als geschlossener Kreis, denn er hört genau so auf, wie er angefangen hat. Spiegelbildlich werden die Eingangsszenen wieder aufgenommen und unterstreichen damit den Kreislauf des alltäglichen Lebens. Summer Book ist kein Film, der sich mit lauten Tönen ins Gedächtnis einprägt, sondern der vom "dramatischen Potenzial der undramatischen Momente im Leben" berichtet.

Summer Book

In der anatolischen Provinz beginnen die Schulferien, und in den Blickpunkt rücken die Ereignisse von drei Personen verschiedener Generationen: Dem kleinen Ali wird sein Schulbuch geklaut, das er unbedingt zurückbekommen muss, sein erwachsener Bruder Veysel beichtet den Eltern, dass er die Militärakademie vorzeitig beenden will und ihr Onkel Hasan will das Geheimnis der Geliebten ihres Vaters lüften.
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