Side by Side

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Eine Filmkritik von Lida Bach

Parallelwelten

"Blut auf Zelluloid." So sei es gewesen, buchstäblich, berichtet ein Kameramann. Beim Schneiden des Films hätten einem die Schnittkanten der Rollen beim strapaziösen Trennen und Zusammenfügen die Finger zerschunden, bis über das Kunstblut auf den Kameraaufnahmen vom echten Blut des Cutters floss. Eine Ära, die Regisseur Chris Kenneally in Side by Side mit dem Aufkommen des digitalen Filmens an ihrem Ende sieht. "Wandel beginnt mit dem Angebot einer neuen Wahl, die schließlich die alte Wahl verdrängt", erklärt einer der Interviewpartner, die sich mit zahlreichen prominenten und sachkundigen Regisseuren, Technikern, Cuttern, Filmstudenten und Filmvorführern mit Produzent und Sprecher Keanu Reeves über die Chancen und Risiken mit einem besonderen Bilderstürmer auseinandersetzen: dem Digitalfilm.
Kameras waren schwer und sperrig und konnten nur mit großem Aufwand in komplizierte oder riskante Positionen gebracht werden. Zu den Problemen des Materials kamen noch pekuniäre hinzu: das Filmen auf Zelluloid ist eine kostspielige Angelegenheit. So kostspielig, dass manche Regisseure bei den Dreharbeiten Grauen beschleicht. "Das erste mal, als ich das Geräusch einer laufenden Kamera hörte, machte es mich nervös", erinnert sich Lena Dunham. Der Schauspielerin und Regisseurin kam es vor, als höre sie Geld verrinnen. Wer letzteres nicht hatte, dem bleibt das Filmemachen verschlossen.

Das Szenario klingt ähnlich gruselig wie der Gedanke an Nitrofilm, bei dem eine Funke genügte, um die ganze Dreharbeit in Flammen aufgehen. Die Revolution kam 1998 in Form einer dänischen Low-Budget-Produktion mit dem Titel Das Fest. Das in Cannés ausgezeichnete und für einen Oscar nominierte Drama faszinierte Filmkünstler und Zuschauer gleichermaßen durch Naturalismus und Intensität. Ein neuer Stil war entdeckt, Dogma, und mit ihm eine neue Art des Filmemachens: Digital. "Es brachte die Leute um der Kreativität willen zum Filmdrehen", sagt einer der Gesprächspartner, deren Eindrücke und Argumente Kenneally einander in offener Diskussion gegenüberstellt.

"Der Gedanke war, dass digitales Drehen billig war", erinnert sich ein Filmemacher. Auf einmal konnte jeder Filme machen, mit beliebig vielen Einstellungen, Wiederholungen, einer unendlich veränderbare Farbpalette und immer beeindruckenderen Effekten. "Man kann etwas einfangen, das man niemals mit dieser gigantischen Kamera erfasst hätte", sagt David Lynch. Er spricht neben David Fincher, Danny Boyle und anderen Filmkünstlern über die technische Neuerung, der andere Kollegen skeptisch gegenüberstehen: "Ich weiß nicht, ob eine jüngere Generation noch glaubt, das irgendetwas im Kino echt ist", überlegt Martin Scorsese, der im Artifiziellen einen emotionalen und ideellen Verlust sieht: den der Magie, dem Reiz des Außergewöhnlichen, den die bewegten Bilder hinter dem roten Vorhang einmal versprühten.

"Der Schnitt ist nur eine Technologie. Sie verändert nicht die Kunst des Filmemachens", sagt Robert Rodriguez. Diese Kunst sei die Manipulation von Bildern. Doch das Gespenst der verloren Filmschätze taucht plötzlich wieder auf in Form überholter Digitalaufnahmen, für die es keine Abspielgeräte mehr gibt. In einem der raren Augenblicke, in denen die pointierte Gegenüberstellung vom inszenatorischen Konzept der Frontalinterviews abweicht, streift die Kamera Regale voller Digitalaufnahmen von Videoclips und Werbespots, bei denen Filmemacher das neue Medium erprobten. Stehen so eines Tages all die Filme sorgfältig archiviert im Regal wie Hieroglyphen, unentzifferbar, es sei denn man stößt auf ein antiquiertes Abspielgerät?

Die pointierte Analogie der in ihrer Einschätzung der unterschiedlichen Medien widersprüchlichen und oft persönlichen Aussagen verleiht Side by Side trotz des uniformen Talking-Heads-Stils Spannung und Dynamik und einen beiläufigen Witz, der sich nicht nur Cineasten vorbehalten ist. Die Präferenz des Digitalfilm gegenüber dem photochemischen ist Side by Side besonders in der zweiten Hälfte anzumerken, doch der Titel bewahrheitet sich im Schlusswort: "Wenn man etwas mit dem Herzen schafft, ist es gleichgültig, auf welche Art." Blut steckt noch immer im Film und muss es auch: Herzblut.

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"Blut auf Zelluloid." So sei es gewesen, buchstäblich, berichtet ein Kameramann. Beim Schneiden des Films hätten einem die Schnittkanten der Rollen beim strapaziösen Trennen und Zusammenfügen die Finger zerschunden, bis über das Kunstblut auf den Kameraaufnahmen vom echten Blut des Cutters floss.
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99 Min
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