Lara (2019)

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Mit großer Spannung wurde „Lara“ erwartet, der neue Film von Jan-Ole Gerster, der sich vor einigen Jahren mit seiner Berliner Slacker-Ballade „Oh, Boy“ einen Namen gemacht hat. Kann sein neues Werk die hohen Erwartungen einlösen?

Lara (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Odyssee einer Frau

Geburtstage sind so eine Sache und runde erst recht: Lara Jenkins (Corinna Harfouch), die Titelheldin im neuen Film von Jan-Ole Gerster, hatte sich ihren Geburtstag zweifelsohne ruhiger vorgestellt. Die Frau, die nach längerer Erkrankung (woran genau sie litt, bleibt unklar) in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde, wird von zwei Polizisten (Alexander Khuon und Johann von Bülow) aus dem Bett geklingelt, um bei einer Hausdurchsuchung bei einem Nachbarn von ihr als Zeugin zu fungieren.

Und das ist erst der Auftakt zu einem Tag, an dem vieles einen unvorhergesehenen Verlauf nimmt. Was unter anderem daran liegt, dass Lara eine ganze Menge Baustellen abzuarbeiten hat. Da ist beispielsweise das schwierige Verhältnis zu ihrem jüngst ausgezogenen Sohn Viktor (Tom Schilling), einem erfolgreichen Pianisten und Komponisten, der am Abend einem großen Publikum seine erste eigene Komposition vorstellen wird. Das Verhältnis von Mutter und Sohn dürfte, so erfährt man mit der Zeit, auch an den Erwartungen Laras an ihren Sohn zerbrochen sein — schließlich hatte sie früher einmal selbst eine Karriere als Pianistin vor sich, bevor sie den Traum aufgeben musste. Dass ihr Sohn nun den Weg gegangen ist, der ihr verwehrt blieb, hat sie aber nicht froh und stolz gemacht, sondern sie vielmehr verbittert — und zwar so sehr, dass Viktor das Zusammenleben mit seiner Mutter nicht mehr aushielt und stattdessen zu seiner Großmutter gezogen ist. Und so ist es kein Wunder, dass Lara ausgerechnet an ihrem Geburtstag nicht zum Konzert des eigenen Sohnes eingeladen ist. Seine Abwesenheit wird deutlich markiert von einer Leerstelle in der Wohnung, wo — man ahnt dies später eher als man es erfährt — bis vor kurzem Viktors Klavier stand.

Lara will an diesem Tag aufräumen mit den Fehlern ihres Lebens und gleich zu Beginn sieht man sie am offenen Fenster ihrer Wohnung in einem Hochhaus stehen und vermutet, dass diese Frau gleich springen könnte. Zwar kommt es anders, aber dass sie wenig später all ihr Erspartes bei der Bank abhebt, ist ein weiteres Indiz dafür, dass Lara diesen Tag als etwas ganz Besonderes begreift, an dem vielleicht etwas zu Ende gehen wird.

Von dem Geld kauft sie sich unter anderem ein Cocktailkleid für den Abend, erwirbt alle übrig gebliebenen Konzertkarten für den Auftritt ihres Sohnes (es sind 22 Stück) und verteilt diese an Verwandte, Freunde und Zufallsbekanntschaften — gerade so, als brauche sie möglichst viel Beistand für das Ereignis.

Jan-Ole Gerster zeichnet den Weg Laras durch den Tag ganz ähnlich wie Oh, Boy als Tragikomödie, die aus einzelnen Episoden besteht. Es ist ein herbstliches Flanieren, bei dem sich absurde Komik und Traurigkeit, böser Witz und zarte Melancholie munter abwechseln. Seine Titelheldin ist keine Sympathieträgerin, sondern eine zynisch gewordene Frau voller Fehler und Schwächen, die mal eben einem Klavierschüler in einem Konservatorium eine Extrastunde erteilt und ihn dabei so sehr frustriert, dass dieser danach vermutlich alle Hoffnung fahren lässt und nie wieder ein Piano auch nur anfassen möchte.

Und doch ist man als Zuschauer niemals angewidert von dieser Frau, die mit Brachialität und einer gehörigen Portion Ich-Bezogenheit durchs Leben pflügt und dabei jede Menge verbrannte Erde hinterlassen hat. Bei einem Besuch an ihrer ehemaligen Arbeitsstelle erfahren wir, dass sie als Chefin eines Amtes bei vielen Mitarbeitern regelrecht verhasst war. Zugleich aber spürt man bei all diesen Begegnungen auch die Verletzlichkeit Laras, ihre schonungslose Ehrlichkeit, mit der sie ihre Mitmenschen malträtiert, die autistischen Züge, die sie wiederkehrend zu durchbrechen versucht. Immer wieder gibt es kleine Hoffnungsschimmer, dass sich vielleicht doch noch etwas zum Guten oder zumindest zum Besseren wenden könnte. Und dem folgt mit schöner Regelmäßigkeit der nächste Tiefschlag. Fast genau wie im richtigen Leben.

Lara (2019)

Jan Ole Gerster („Old Boy“) hat sich erneut mit Tom Schilling zusammen getan. In „Lara“ spielt Schilling Victor, einen Pianisten, der seine Mutter (Corinna Harfouch) nicht zu seinem bisher wichtigsten Klavierkonzert eingeladen hat — und das kommt gar nicht gut bei ihr an.

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Meinungen
Helmut Teichmann · 08.11.2019

Ein Film der viele Impulse zum Nachdenken und anschließende tiefe Gespräche liefert 👍

Kommentare

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