Idioten der Familie (2018)

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Bislang kümmerte sich Heli um ihre geistig behinderte Schwester Ginnie, doch nun soll sie in ein Heim gehen. Die drei Brüder kommen zu Besuch, um Abschied zu nehmen, können aber mit Ginnie wenig anfangen. Die lange vermiedene Nähe will sich nicht mal schnell für ein paar Stunden einstellen.

Idioten der Familie (2018)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Isolierendes Geplänkel

Wer sind denn die titelgebenden Idioten in dieser Familie? Die geistig behinderte Ginnie (Lilith Stangenberg) kann mit dieser abfälligen Bezeichnung nicht gemeint sein, oder zumindest nicht sie allein. Denn es ist ja von mehreren Idioten die Rede, also bezieht sich dieses Etikett auch auf den einen oder anderen ihrer vier nichtbehinderten Geschwister oder gar nur auf diese.

Die drei Brüder Frederick (Kai Scheve), Tommy (Hanno Koffler) und Bruno (Florian Stetter) sind für ein gemeinsames Wochenende zu Besuch im Haus der verstorbenen Eltern. Dort wohnt die 40-jährige Schwester Heli (Jördis Triebel) mit Ginnie, aber nun soll die 26-Jährige in ein Heim kommen, denn Heli sehnt sich nach einem eigenen Leben.

Die drei Brüder haben sich nie um Ginnie gekümmert und jetzt ist ihre Verunsicherung groß, als sie dieser Schwester gegenüberstehen, mit der sie Abschied feiern wollen. Denn Ginnie spricht kaum, reagiert auch nur spärlich auf sie. Aber kleine Abweichungen von der gewohnten Ordnung können sie massiv aufregen. Dann rufen die Brüder laut nach Heli, die gerade nicht im Raum oder gar bei der Nachbarin im Garten ist. Sofort wird deutlich, wie groß die Kluft ist, die Ginnie von den Brüdern trennt. Eine gelingende Kommunikation scheint nicht möglich zu sein. Die Brüder fühlen sich wohler, wenn sie gar nicht im Raum ist. Aber sie registrieren aufmerksam, dass Heli leicht die Geduld mit Ginnie verliert, dass sie deren Aggressionen grob beantworten kann und dass an Ginnies Bett Bänder zum Fixieren der Arme angebracht sind. 

Regisseur Michael Klier (Farland, Heidi M.), der das Drehbuch gemeinsam mit Karin Aström geschrieben hat, lässt die Handlung beinahe vollständig im Haus spielen. In diesem Kammerspiel geht es auch um die geschwisterlichen Rivalitäten und schwelenden Konflikte aus der Kindheit. Sie drapieren sich aber um die zentrale, gesellschaftskritische Frage des Films, ob der individualistische Lebensstil unserer Tage einem Miteinander mit den Schwachen und Hilfsbedürftigen im Wege steht. Das aufgeklärte Gutmenschentum, das Bruno zur Schau trägt, haut ihm die Geschichte ganz schön um die Ohren. Er, der nach Afrika gehen will, um Bildungsprojekte zu verwirklichen, meint, dass Heli die Schwester nicht fachgerecht betreut und gefördert hat. Aber als Ginnie einmal wieder außer sich gerät, schlägt er selbst vor, sie im Bett festzubinden. 

Insgesamt sind einem diese Geschwister nicht sonderlich sympathisch. Menschlich sind sie, das ja, aber halt auch so unverbindlich in ihrem Geplänkel und immer bestrebt, nach kurzer Annäherung auch wieder Abstand zu gewinnen. Frederick, der Musiker mit klassischer Ausbildung, wirft Tommy, der Jazz macht und kaum Geld verdient, fehlenden beruflichen Ehrgeiz vor. Heli ist Malerin und will heiraten – beides kann sie nicht, solange sie Ginnie betreuen muss. Eher beiläufig und dabei umso verstörender passieren kleine Übergriffe Ginnie gegenüber. Bruno beschimpft sie plötzlich, Frederick belästigt sie körperlich, dabei wollten beide mit ihr über ihr Sexualleben sprechen. Womit offenbar niemand gerechnet hat – Ginnie hat die körperliche Liebe entdeckt, es kursieren Gerüchte, vor dem Fenster steht ein junger Mann. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum sie nun in ein Heim soll, zu unberechenbar erscheint. 

Vieles wird jedoch nur angedeutet, die Geschwister umkreisen sich alle unbeholfen und eher plump. Die lockere Atmosphäre zu wahren, scheint nicht nur ihr Wunsch, sondern auch derjenige des Films zu sein. Auf diese Weise wird nur wenig innere Spannung aufgebaut. Von Anfang an sind sich ihre Geschwister relativ einig, dass Ginnie ins Heim soll. Aber auch weil sie charakterlich so wenig konturiert oder gar langweilig wirken, kann ihre Zusammenkunft nicht viel dramatische Tiefe entwickeln. 

Nur die Figur der Ginnie schert aus dieser Linie aus, denn sie ist faszinierend und geheimnisvoll gezeichnet. Lilith Stangenberg, die schon in Wild eine wortkarge Person auf unvergesslich kraftvolle Weise spielte, verleiht ihr sensible Antennen. Ginnie registriert trotz ihres häufig gesenkten Blicks offenbar sehr viel. Ob sie nun ihr Gegenüber anspuckt oder auf andere Weise überrascht, ihr Verhalten und ihre Körpersprache lassen sich oft als komprimierte Antwort deuten, deren ganze Bedeutung den Geschwistern entgeht. Ginnie füllt die Funktion des Fremdkörpers in der Familie, die ihr die anderen – ja, warum eigentlich? - zuweisen, gewissenhaft aus. Leider wirkt die ganze Geschichte aber zu wenig stringent, um ihre These über Individualismus und Ausgrenzung konkret und vor allem bewegend am Miteinander dieser Personen zu demonstrieren.

Idioten der Familie (2018)

Die vierzigjährige Heli will ein neues Leben beginnen und ihre jüngere, geistig behinderte Schwester in ein Heim geben. Die drei egozentrischen Brüder sind damit einverstanden. Gemeinsam verbringen sie das letzte Wochenende mit ihr im Haus am Rande Berlins. Sie erleben das „Nesthäkchen“ als unberechenbares „Biest“, die Situation im Haus eskaliert. 

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marco mueller · 11.10.2018

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