I, Tonya (2017)

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Wer kennt sie nicht, die „Eishexe“ Tonya Harding, deren Ex-Ehemann vor den Olympischen Spielen 1994 ihrer größten Konkurrentin Nancy Kerrigan die Kniescheibe zertrümmern wollte? Craig Gillespies Film lässt sie nun selbst zu Wort kommen – fast jedenfalls ...

I, Tonya (2017)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Ein Leben auf Kufen

Von Eiskunstläuferinnen existiert eine sehr genaue Vorstellung: Sie sind grazile Frauen, die sich anmutig über das Eis bewegen und dabei die Illusion von Perfektion und Anmut, ja, einer Prinzessin erwecken. Mit dieser Vorstellung hatte und haben so manche Eiskunstläuferinnen zu kämpfen, allein schon, weil sie einen sportlichen Körper haben und deshalb rein optisch nicht in dieses Bild passen.

Auch Tonya Harding passte nicht: Sie war zu prollig mit ihrer Frisur, ihren Fingernägeln, ihrer Musikauswahl, ihren selbstgenähten Kostümen, den privaten Dramen. Sie bot zu wenig Illusion der Perfektion und heile Welt – und fast schon folgerichtig dreht sich I, Tonya auch wenig um das Training auf dem Eis als um die Frage, was damals passiert ist – und wie es passieren konnte.

Zunächst die Fakten: Am 6. Januar 1994 wurde Tonya Hardings Konkurrentin Nancy Kerrigan nach dem Training für die US-amerikanischen Meisterschaften von einem Attentäter mit einer Eisenstange auf das Knie geschlagen. Sie war so stark verletzt, dass sie ihre Karriere unterbrechen musste. Tonya Harding wurde US-Meisterin – aber schon bald wurde gegen sie ermittelt. Sie wurde verdächtigt, von dem Anschlag gewusst zu haben. Nach den Olympischen Spielen wurde ihr schließlich der Titel wieder aberkannt und sie wurde lebenslang gesperrt.

Craig Gillespie legt seinen Film nun wie eine Mockumentary an: Die Schauspieler*Innen der jeweiligen Figuren sprechen immer wieder direkt in die Kamera, wie in den Interviews, die Drehbuchautor Steven Rogers tatsächlich mit den Beteiligten geführt hat. Sie rahmen den Film, erlauben zudem Kommentare zu den inszenierten Sequenzen, sind durch die Widersprüche des Gesagten und Gezeigten oftmals komisch, bisweilen akzentuieren sie auch dessen Bitterkeit.

Mit diesen Szenen setzt Craig Gillespie den Fall und das Leben von Tonya Harding neu zusammen – und es hat wahrlich alles, was man von einem White-Trash-Drama erwartet: Eine unerbittlich ehrgeizige, kettenrauchende Mutter (furchteinflößend: Allison Janney) die Tonya konstant niedermacht. Einen Vater, der die junge Tonya im Stich lässt. Einen Ehemann, den Tonya viel zu früh heiratet, Liebe mit Kontrolle verwechselt und sie schlägt. Und natürlich Tonya selbst: polternd, laut, misshandelt, fordernd. Wenn Margot Robbie als Tonya in selbstgenähten Glitzerkostümen zu Rockmusik auf das Eis geht oder mit Dauerwelle und in Stonewashed-Jeans ihren Truck fährt, dann ist sie ein prolliger Bauerntrampel. Doch zugleich versteht sie es, dieser Figur eine Tiefe zu verleihen, die sie vor der Karikatur bewahrt. Sie fügt sich zu keinem Zeitpunkt in ihrem Leben in eine Rolle – egal welche es ist. Stattdessen begehrt sie auf, rebelliert – und rennt ebenso unermüdlich gegen die Vorurteile der Juroren an wie sie ihrem Mann immer wieder verzeiht.

Das ist die inhärente Tragik dieses Lebens: Tonya Harding wurde von ihrer Mutter und ihrem ersten Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stan) misshandelt, sie ist eine derjenigen, die Schläge mit Liebe verwechseln – und leider schleichen sich hier gelegentlich auch einige Misstöne in den Film ein. Misshandlungen und Gewalt sind nicht lustig und sollten nicht als Gaglieferanten genutzt werden, zumal allzu selten mit Tonya gelacht wird. Gelegentlich gelingt es Gillespie hier, die Grausamkeit zu betonen, aber leider macht er es sich bisweilen auch zu einfach.

Ähnlich ist es in der Inszenierung von Gilloolys Kumpel Shawn Eckhard (Paul Walter Hauser), einem dicken Mann, der glaubt, für Geheimdienste zu arbeiten. Er bietet an sich schon so viel Angriffsfläche, die Gillespie allzu einfach ausnutzt, indem er ihn stets essen lässt. Das ist ein billiger Lacher auf Kosten eines armseligen Mannes.

Insgesamt aber gelingt I, Tonya ein gutes Spiel aus verschiedenen Versionen der Wahrheit, in dem die Selbstinszenierung der Beteiligten und auch die Rolle der Medien stets mitverhandelt wird. Sie waren es, die Tonya Harding und Nancy Kerrigan mit den Rollen der Bösen und Guten, der Hexe und der Prinzessin versahen, ohne dass sie sich dazu äußern konnten. Sie waren es auch, die sich das Spektakel und Aufeinandertreffen bei den Olympischen Spielen nicht entgehen lassen wollten. Und dabei suggerierten sie stets etwas, was dieser Film niemals tut: zu wissen, wer gut und wer böse, wer schuldig und unschuldig ist. Vielmehr schwebt bei I, Tonya immer auch die Frage mit, wem man hier überhaupt noch glauben kann.

I, Tonya (2017)

Die Story der US-amerikanischen Eiskunstläuferin Tonya Harding schrieb damals Sportgeschichte und wurde zu einem handfesten Skandal, als bekannt wurde, dass Hardings damaliger Ehemann der Auftraggeber für ein Attentat auf Tonyas Konkurrentin Nancy Kerrigan war, die während der US-Meisterschaften mit einer Eisenstange schwer am Knie verletzt wurde.

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Meinungen
wignanek-hp · 29.05.2018

Ein toller Film, der endlich mal auch seine filmischen Mittel einsetzt, um eine Geschichte zu erzählen. Und das tut er wirklich auf hohem Niveau. Man wird immer wieder überrascht, obwohl man die Geschichte ja eigentlich kennt oder zumindest zu kennen glaubt. Mehr davon! Margot Robbie ist phänomenal.

Kommentare

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