Helmut Berger, meine Mutter und ich (2019)

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Von Viscontis Schoß bis ins Dschungelcamp hat er es gebracht: Helmut Berger, der ehedem größte Leinwandschönling der späten 1960er Jahre. Doch wie geht es ihm heute? Und wie wäre er als WG-Mitbewohner? Valesca Peters hat es monatelang selbst erfahren und ihn zum Zentrum ihres Filmdebüts gemacht.

Helmut Berger, meine Mutter und ich (2019)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Der Verschlampte

Alles begann mit einer spontanen Googlerecherche: Was macht eigentlich Helmut Berger? Bettina Vorndamme, die Mutter der Regisseurin Valesca Peters, surfte nach der Trennung von ihrem Partner eines Abends im Netz und war regelrecht schockiert, was sie da über den einst „schönsten Mann“ der 1960er und 1970er Jahre zu lesen bekam: Helmut Berger ist suchtkrank ... Helmut Berger ist pleite ... Helmut Berger ist abgestürzt. Wieder mal – und scheinbar noch heftiger als früher. Und ein weiterer Abstieg scheint nach seiner kurzzeitigen Teilnahme im RTL-Dschungelcamp und einer billig-trivialen Hochzeitsfarce inzwischen kaum noch möglich ...

„Diesem Mann muss doch irgendwie geholfen werden“, dachte sich Bettina Vorndamme. Und dann rief sie den längst verglühten Jetset-Beau einfach in seinem beengten Salzburger Domizil an: Dort haust die frühere Visconti-Muse nämlich seit einigen Jahren mehr schlecht als recht. Partiell noch unterstützt durch Salzburger Society-Spezln, aber prinzipiell eben auch weitgehend isoliert und vor allem: ohne Arbeit. Das ist vielleicht die eigentliche Urkatastrophe hinter Helmut Bergers jahrelangen Talfahrten. Was war er doch zweitweise für ein famoser Schauspieler: egal ob als dietrichhafter Todesengel in Luchino Viscontis Die Verdammten oder als kaltblütiger Mörder in Sergio Griecos Der Tollwütige; sein Leinwandgesicht konnte weit mehr sein als das eines ehemaligen Fotomodells.

So beginnt Bettina Vorndamme in ihrer resolut-nüchternen Art als Niedersächsin schließlich ihre konkrete Suche nach Helmut B. in Salzburgs Schneelandschaft. Und thematisch ganz ähnlich fängt dann auch der erste Langfilm ihrer Tochter Valesca Peters aus dem Off an, der nun im Dokumentarfilmwettbewerb des 40. Festivals Max Ophüls Preis in Saarbrücken mit großem Applaus uraufgeführt wurde. 

Der jetzige Filmtitel Helmut Berger, meine Mutter und ich, ursprünglich hieß dieses bemerkenswert eigensinnige Portrait lange Zeit „Der Verdammte“, ist von vornherein wörtlich zu nehmen. Denn ohne großartige Vorausplanung und im Grunde in einer Art persönlicher Rettungsmission lotst die wenig filmaffine Controllerin Betinna Vorndamme Helmut Berger zu sich nach Hause. Dort hält es der gestrauchelte Filmstar am Ende mit Unterbrechungen sogar über sechs Monate aus: Sozusagen als charmanter Familienclown und kotzbrockiger Querulant, als naturgemäß selbstverliebte Diva wie als alkoholgetränkter Ex-Darling der internationalen Bussi-Bussi-Gesellschaft.

Denn bei Helmut Berger scheint alles Spiel und Schein, Lug und Trug, Größenwahn – oder schlichtweg Wahnsinn sein. So ganz genau weiß man es aber nie bei ihm. Unabhängig davon, ob er für den katalanischen Film- und Theaterregisseur Albert Serra (Der Tod von Ludwig IV./Roi Soleil) gerade in der Berliner Volksbühne probt oder als seltsam aus der Zeit gefallener Modenarr in der niedersächsischen Provinz auf dem Marktplatz sitzt. Die Regiedebütantin Valesca Peters, die bisher vorwiegend als Editorin gearbeitet hatte, lässt dieser vielleicht größten männlichen Diva der letzten 50 Jahre genügend Raum für Selbstinszenierung. Gleichzeitig fungiert ihr Filmerstling jedoch ebenso als ein Stück Selbstregeneration für ihren mythenumrankten Protagonisten. „Ich wollte ihm seine Würde zurückgeben“, erläuterte Peters ihren Regieansatz.

Um wieder in Tritt zu kommen, versucht es Berger dann sowohl mit Hypnose wie mit Psychotherapie, aber auch mit radikalem Alkohol- und Tablettenentzug, wovon Peters’ durchgängig unterhaltsame Dokumentarfilmreise quasi oft nur im Nebenbei erzählt. Denn mehrmals dauert es lediglich wenige Sekunden, bis Helmut Berger erneut versucht, die Scheinwerfer auf sich zu richten: auch wenn weit und breit keine zu sehen sind. Trotzdem spürt man in dieser gleichfalls charmanten wie hintersinnigen Dokumentarfilmstudie über die Größe und das Leiden des Helmut B. einen durchwegs aufrichtig-ehrlichen Zugang der Filmemacherin zu ihrem Objekt der Begierde: in starkem Kontrast etwa zu Andreas Horvaths Venedig-Skandalon Helmut Berger, Actor (2015).

Dabei blendet Peters die offensichtlichen Schattenseiten Bergers keinesfalls aus: Er ist, wenig überraschend, ebenso zutraulich wie streitsüchtig und am Ende vollkommen unberechenbar. Für die bürgerlich-biedere Welt um ihn herum hat er naturgemäß wenig übrig. Schließlich kannte er sie (scheinbar) alle: Mick Jagger und Elizabeth Taylor, Helmut Newton und Romy Schneider ... Nur seinen eigenen Vater wie seine tatsächliche Persona hat er im Grunde nie wirklich kennengelernt. Wer ist also diese Kunst-, Trash- und (Ex-)Glamour-Figur Helmut Berger? Und wie viel Helmut Steinberger, so sein Geburtsname, steckt heute noch in ihm?

Der Helmut Berger in Valesca Peters’ Film möchte es jetzt – und mit über 70 – zumindest noch einmal wissen, selbst wenn er dafür täglich mit seinem sichtlich gealterten Körper wie seinen inneren Dämonen kämpfen muss. Da hilft auch kein schnelles Make-Up, kein teurer Kaschmirpullover und erst recht kein obligatorisches Helmut-Berger-Sonnenbrillengepose: so wie er bereits hunderte Male fotografiert worden ist. Die Drogen-, Schlaftabletten- und Alkoholexzesse haben eben im Gesicht jenes früher überirdisch schönen Mannes deutliche Spuren hinterlassen.

Valesca Peters begegnet ihm in Helmut Berger, meine Mutter und ich mit greifbarer Neugierde, reichlich Wortwitz und einer Prise Chuzpe, was ihren Dokumentarfilm insgesamt auch einem breiteren Publikum zugänglich macht, das den Namen Helmut Berger möglichweise gar nicht mehr kennt. Wenngleich er inhaltlich nicht mit großen Sensationen aufwarten kann und relativ abrupt endet, so bleibt er doch deutlich mehr als nur der Versuch, einen gefallenen Leinwandengel filmisch zu rehabilitieren.

Helmut Berger, meine Mutter und ich (2019)

Als die Mutter der Filmemacherin Valesca Peters im Sommer 2016 nach ihrem einstigen Idol, dem Schauspieler Helmut Berger googelt, ist sie entsetzt, was aus dem Star von einst geworden ist. Und sie entschließt sich dazu, den Ex-Star wieder auf die Beine zu bringen. Und als der tatsächlich auf das Angebot antwortet, begleitet die Tohter das Treffen und alles, was dem folgen wird, mit der Kamera.

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