Heilstätten (2018)

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The Blair Witch Project trifft YouTube: In seinem neuen Horrorthriller schickt Michael David Pate mehrere Videoblogger auf Geistersuche in eine verfallene Heilanstalt. Ein deutsches Horrorexperiment, das einen Blick auf die teilweise fragwürdigen Online-Auswüchse wirft.

Heilstätten (2018)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Krasse Challenge, Digger!

Da deutsche Horrorfilme eher selten gedreht werden, ist man jedes Mal gespannt, wenn plötzlich doch ein solches Werk den Weg auf die große Leinwand findet. Heilstätten heißt der Spukhausbeitrag, mit dem Produzent Till Schmerbeck und Regisseur Michael David Pate die Lust auf düstere Genrekost aus heimischen Gefilden wieder ankurbeln wollen. Ein lobenswerter Ansatz, dem sich gerne viele weitere Filmemacher verschreiben dürfen. Immerhin lässt sich nur mit regelmäßigen Grusel- und Thriller-Veröffentlichungen nachhaltige Aufmerksamkeit generieren und beim Publikum die Erkenntnis hervorrufen, dass sich endlich etwas tut im deutschen Genrekino.

Bei aller Freude über Schmerbecks und Pates Hinwendung zum abgründigen Filmschaffen machen sich in diesem Fall jedoch schon deshalb Zweifel breit, weil Heilstätten – wie so viele Horrorwerke seit dem Erfolg des Found-Footage-Schockers The Blair Witch Project – auf einen pseudodokumentarischen Ansatz vertraut. Vor 20 Jahren mag diese Gestaltungsart im Spukbereich bahnbrechend und hip gewesen sein. Inzwischen wirkt sie reichlich abgegriffen und wird nur äußerst selten vorteilhaft genutzt. Michael David Pate, der zuletzt die unterirdische Zombie-Komödie Kartoffelsalat in die Kinos brachte, verpasst seiner Schauergeschichte dennoch einen aktuellen Anstrich, indem er die Protagonisten zu YouTube-Stars auf der Suche nach dem nächsten großen Kick macht.

Um ihre Zuschauer und Follower aufs Neue zu begeistern, lassen sich die beiden Prank-Experten Charly (Emilio Sakraya) und Finn (Timmi Trinks), die Beauty-Spezialistin Betty (Nilam Farooq) und die ebenfalls onlinebegeisterte Emma (Lisa-Marie Koroll) auf eine besondere Challenge ein. 24 Stunden lang wollen sie sich, ausgestattet mit diversen Kameras, in einer verfallenen Heilanstalt vor der Toren Berlins einquartieren und schauen, wer es dort am längsten aushält. Die finstere Vergangenheit der Klinik und die Gerüchte über paranormale Erscheinungen lassen ein großes Abenteuer vermuten, bei dem der ortskundige Theo (Tim Oliver Schultz) als Führer und Mahner fungiert. Kurz nach der Ankunft in dem heruntergekommenen Komplex taucht auch noch Theos Ex-Freundin Marnie (Sonja Gerhardt) auf, die bei einem früheren Besuch der Heilstätten einen Geist gesehen haben will und daher ein äußerst mulmiges Gefühl mit sich herumschleppt. Erkunden die jungen Online-Größen anfangs noch recht ausgelassen die verwahrlosten Räumlichkeiten, müssen sie schon bald um ihr Leben fürchten.

Pates Drehbuch nach einer Vorlage von Ecki Ziedrich zeichnet die Hauptfiguren als unterschiedliche Ausprägungen des YouTube-Zeitalters und stellt die Aufmerksamkeitssucht und das unreflektierte Gebaren der Internet-Stars unverhohlen aus. Wer schon einmal in die Welt der Videoblogger eingetaucht ist, wird wissen, dass das aufgekratzte, geradezu hyperaktive Verhalten der Spaßkanonen Charly und Finn und ihre betont lässige Art zu reden, absolut realistisch sind. Heilstätten fängt das Phänomen der jugendlichen Selbstdarsteller recht überzeugend ein und nimmt dabei auch in Kauf, dass manche Protagonisten auf Dauer die Nerven des Betrachters strapazieren. Die Kritik an verantwortungslosen Mutproben und an der reißerischen Jagd nach neuen Likes und Followern ist sicherlich begrüßenswert, hätte in manchen Momenten aber etwas weniger thesenhaft vorgetragen werden können.

Obwohl der Schauplatz – spielen soll der Film in den Beelitz-Heilstätten, gedreht wurde allerdings in der ehemaligen Lungenklinik Grabowsee – allemal unbehaglich wirkt, will sich keine besonders ausgeprägte Gruselstimmung einstellen. Routinierte, teilweise aber arg vorhersehbare Schockeffekte lassen das Herz des Genrefans nicht unbedingt in Hochfrequenz schlagen. Und auch inhaltlich hangelt sich der Horrorthriller an bestens vertrauten Mustern entlang. Junge Menschen, die durch dunkle Gänge stolpern, sich gegenseitig auf den Arm nehmen, irgendwann in Streit ausbrechen und eine Reihe falscher Entscheidungen treffen, gehören zum Standardrepertoire und entfachen bestenfalls durchschnittliches Interesse. Überflüssig erscheint neben dem kleinen Techtelmechtel zwischen Betty und Finn nicht zuletzt die Figur der schüchternen Emma. Selbst wenn sie eine naive Mitläuferin verkörpern soll, hätte man ihr zumindest ein wenig Entfaltungsraum zugestehen können.

Während das Drehbuch dem Publikum lange Zeit wenig Spektakuläres auftischt, setzt Pate in puncto Optik immer mal wieder reizvolle Akzente. Etwa dann, wenn er die Sicht einer Wärmebildkamera einnimmt und auf diese Weise den typischen Videolook aufbricht. Durchaus überraschend ist, dass Heilstätten im dritten Akt plötzlich Tempo und Intensität spürbar steigert und im Zuge einer kleinen, fiesen Wendung einige Gemeinheiten serviert. Grandios-fesselnde Genreunterhaltung sollte man auch hier nicht erwarten. Sehr wohl gelingt es dem Gruselstreifen aber, sich etwas tiefer in das Gedächtnis des Zuschauers zu graben. Wie im Presseheft zu lesen ist, hat Produzent und Gänsehautenthusiast Till Schmerbeck bereits drei weitere Horrorstoffe in Entwicklung. Vielleicht gelingt ihm damit ja ein größerer Wurf.

Heilstätten (2018)

Im deutschen Horrorfilm Heilstätten geht eine Gruppe von YouTubern den Gerüchten um übernatürliche Begebenheiten in einer alten Heilanstalt nahe Berlin nach - mit blutigen Folgen.

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