Happy Lamento (2018)

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Alexander Kluge gewann vor 50 Jahren den Goldenen Löwen in Venedig. Nun kehrt er auf den Lido zurück. Kann sein Film „Happy Lamento“ an den Erfolg von damals anschließen?

Happy Lamento (2018)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Von Trump, Elefanten und einem blauen Mond

Kluges Film "Happy Lamento" hat mich beim „Interview mit der russischen Kommissarin zur Evakuierung eines Zirkus 1941“ verloren. Da sitzt Galina Antoschewskaja mit Kommissarinnenmütze vor einem Mikro und versucht, ihre Rolle mit russischem Akzent zu improvisieren und Alexander Kluge korrigiert ihre Aussagen mit seinen Fragen immer wieder. (Sie: „Wir brauchten drei Tage dafür.“, Er: „Also Sie brauchten eine Woche, und dann…“). In meinem Aufzeichnungen stehen daneben mehrere aggressive Fragezeichen.

Nach 50 Jahren kehrt Alexander Kluge an den Lido zurück. 1968 hatte er mit Die Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos bei den Filmfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen. In Happy Lamento knüpft er an einige Motive aus dem alten Erfolg an. Elefanten und Zirkus sind wieder ein Thema, fließen hier aber in seinen Collage-artigen Splitscreen-Arrangements mit anderen Gedanken zusammen. Die Tiere werden neben Artisten und den Besuch Donald Trumps beim G-20-Gipfel in Hamburg gestellt, davor springen Aufzieh-Clowns in die Luft, Aufzieh-Äffchen schlagen Schellen zusammen. Die Aussage ist klar, aber nicht viel mehr als ein schlechter Witz. Dann fließt der Klugesche stream of consciousness aber auch schon weiter. Der blaue Mond will besungen werden, in Songs von Elvis und spanischen Versionen über Bildern von Monden, der Mondlandung, des Blutmondes 2018. 

Später wird Florian Henckel von Donnersmarck während eines Gesprächs mit Kluge dessen Gedanken zitieren, dass die Qualle das Ideal eines Künstlers sei. „Kein Gehirn, das etwas verarbeitet, nur aufnehmen und nie urteilen.“ 

In das ungefilterte Aufnehmen grätscht dann aber doch etwas mit Substanz hinein. Eine Geschichte aus Manila. Eine Kinderbande aus den Slums plündert und mordet in der Hauptstadt der Philippinen. Das ist bunt, laut, blutig, brutal. Man sieht sie einen Supermarkt ausrauben, während alle Erwachsenen tot am Boden liegen. Man sieht Polizisten, die in einer Rotlicht-Karaoke-Bar, welche im hinteren Teil eines Schweinestalls eingerichtet ist (wie symbolisch!), mit Drogenbossen in Streit geraten - einer der Männer zieht eine Pistole, am Ende liegen alle, Männer wie Frauen, tot am Boden. Man sieht einen der Kinder-Banditen nach 20 Jahren aus dem Gefängnis kommen, Sex mit seiner hochschwangeren ehemaligen Geliebten haben, am Ende sterben auch sie alle blutigst. Verwüstung, Korruption, Morde. Die Sequenzen wurden von Khavn De La Cruz gedreht, einem philippinischen Avantgarde-Regisseur, der nach eigener Aussage seit 1994 bereits mehr als 50 Lang- und 200 Kurzfilme gemacht hat. Kluge nahm Parts aus Khavns Film Alipato: The Very Brief Life of an Ember, jenem bunten brutalen Fiebertraum aus dem Jahr 2016, und verwendete sie als Versatzstücke in seinem Film. 

Kapitalismuskritik, Dekadenz, die Welt am Abgrund - mit viel gutem Willen kann man sich das alles zusammenbasteln, es ist nicht schwer. Ein richtiger Gedanke ist es aber noch lange nicht. Alles ist nur Verweis, nur Bild, Eindruck, Ausschnitt einer Postkarte, eines Posters. Ein Wort verweist aufs nächste, die Gedanken jagen dahin, doch eine Idee entwickelt sich nicht aus ihnen. Kluges Technik ist in den sechziger Jahren hängen geblieben, so wie seine serifenverschlungenen bunten Schriftarten der stummfilmhaften Zwischentitel irgendwo in den neunziger Jahren hängen. Was es heute bräuchte, um relevant zu sein, ist jedoch mehr als nur den Witz Trump neben einen Clown zu stellen oder Heiner Müller über den Mond reden zu lassen.

Happy Lamento (2018)

„Happy Lamento“ heißt übersetzt „glückliches Trauerlied“. Der Film entstand als Zusammenarbeit von Alexander Kluges Kairos Film mit den Filmemachern und „Perlentauchern“ von Rapid Eye Movies in Köln. Dabei eght es vor allem um den großartigen jungen Meisterregisseur Khavn de la Cruz aus Manila und sein Werk „Das flüchtige Leben eines Funken“. Alles zusammen ergibt einen Musikfilm der besonderen Art. Es geht um Zirkus, um Elektrizität, vor allem aber um den Song „Blue Moon“, dem Elvis Presley seine Stimme gab. „Blue Moon“ gibt es (so wie die Erfüllung der Sehnsucht in der Liebe) nur am St. Nimmerleinstag. Aber irgendwann gibt es das Wunder. Man sieht den „Zirkus“ um das Eintreffen von Präsident Trump auf dem G20-Gipfel in Hamburg. Außerdem Bandenkämpfe in Manila. Helge Schneider tritt auf als Lichtschlangenmensch. Heiner Müller philosophiert über den Mond. Man hört ein Lamento auf die am Samstag nach Kaufhausschluss liegengebliebenen Waren. Man verfolgt die dramatische Evakuierung eines Zirkus in Russland, der auf der Flucht vor den deutschen Panzern 1941 seine Elefanten rettet. Friedliche Körperpflege von Elefanten am Morgen.

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