Fortitude (Staffel 1)

Fortitude (Staffel 1)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Mord und Totschlag am sichersten Ort der Welt

Eine kleine norwegische Kolonie irgendwo am Nordpolarmeer, bei der die bislang einzigen Todesfälle nicht auf menschliche Niedertracht, sondern auf animalischen Hunger zurückzuführen waren, dazu die ewige Kälte, die bizarre Schönheit der am Himmel tanzenden Polarlichter und ein bunt zusammengewürfelter Menschenschlag: Eigentlich ist der Ort des Geschehens in der 800-Seelen-Gemeinde Fortitude – abgesehen von der Kälte und den dadurch bedingten Rahmenbedingungen – fast schon ein Paradies, das zeigt, wie sehr Menschen unter Extrembedingungen zusammengeschweißt werden.

Allerdings käme auf diese sozialutopische Weise niemals eine spannende Krimiserie mit Mystery-Einschlag zustande – und so muss schon bald der Wissenschaftler Charles Stoddard (Christopher Eccleston) dran glauben, der auf bestialische Weise umgebracht wird. Und wie sich zeigt, gab es bereits zuvor einen Vorfall mit Todesfolge, der bislang freilich einem hungrigen Eisbären zur Last gelegt worden war. Bei genauerer Betrachtung und aufgrund der Mithilfe eines zu Rate gezogenen britischen Forensik-Experten (Stanley Tucci) zeigt sich, dass es am Rande der Arktis auch nicht anders zugeht als überall sonst auf der Welt – mit ein paar Besonderheiten freilich, die hier den kleinen, aber feinen Unterschied ausmachen. Denn der Permafrost überdeckt zwar so manches Geheimnis aus der Vergangenheit, andererseits aber erweisen sich die Sünden der Vergangenheit als ebenso kältebeständig wie längst überwunden geglaubte Krankheiten, die hier urplötzlich wieder auftreten können. Und dann ist da noch die Gouverneurin (Sofie Gråbøl, bekannt aus der Serie Kommissarin Lund), die ihre ganz eigenen Pläne für die Zukunft von Fortitude hat sowie deren Polizeichef Dan Anderson, von dem niemand so wirklich sagen kann, ob er ein good cop oder ein bad cop ist, denn bislang hatte er nicht allzu viel zu tun in dem eigentlich recht friedlichen Ort. Doch das ändert sich schnell…

Über 12 Folgen erstreckt sich die von Sky und vom US-Bezahlsender Starz produzierte britische Serie, die auf Island realisiert wurde, aber auf dem norwegischen Archipel angesiedelt ist. Hinter den Kulissen zogen Simon Donald als Schöpfer und head writer sowie ein ausgesuchter Stamm von Regisseuren die Fäden, allen voran Sam Miller, der bei fünf Folgen Regie führte und der bereits für seine Arbeit an der Erfolgsserie Luther viel Lob geerntet hat.

Es sind vor allem die Besonderheiten des Ortes und des Lebens am Polarkreis, die Fortitude seinen besonderen Reiz verleihen: Die Allgegenwart tödlicher Raubtiere, die dafür sorgen, das hier kein Bewohner eine größere Wegstrecke ohne Gewehr zurücklegt, die Erhabenheit und Gnadenlosigkeit der Natur, die hier alles Handeln der Menschen in einem existenziellen Maße bestimmt, die Folgen des Klimawandels, die hier zwar selten ausgesprochen werden, aber doch immer mitschwingen, dazu ein plötzlich aus dem Eis auftau(ch)endes Mammut sowie die Eigenheit, dass es in Fortitude beispielsweise keinen Friedhof gibt, weil alle Verstorbenen hier aufs Festland und in wärmere Gefilde ausgeflogen werden, um vorschriftsmäßig zu verwesen – all dies erschafft eine ganz eigene und düstere Atmosphäre, wie man sie so noch selten gesehen hat in der Serienlandschaft. Dass der überaus freundliche und sympathische britische Ermittler DCI Morton (Tucci) mit seinem Wollmantel und den Lederschuhen ohne Profilsohle in diese raue Welt nicht so richtig hineinpassen mag, setzt einen erfreulichen Kontrast, der die manchmal arg erdenschwer und polardunkel daherkommende Tragödie mit etwas lichteren Tupfern versieht.

Etwas unübersichtlich und verwirrend (und leider nicht immer logisch) wird es bei den zahlreichen Nebenschauplätzen und -erzählsträngen, die vordergründig dazu dienen, den Kreis der Verdächtigen um einige Personen zu erweitern. Sie sorgen teilweise für erhebliche Längen, die so nicht hätten sein müssen. Insgesamt ist Fortitude sicher nicht der ganz große Wurf geworden, der mit US-amerikanischen Produktionen wie dem ebenfalls eiskalt servierten Highlight Fargo mithalten könnte. Die Serie, deren zweite Staffel sich bereits in Produktion befindet, zeigt aber, dass sich europäische Produktionen mittlerweile vor ihren transatlantischen Mitbewerbern keineswegs mehr verstecken müssen. Und wer weiß, vielleicht lernen ja die Macher aus den Fehlern der ersten Season etwas und werfen die eine oder andere Plotline oder Nebenfigur den Eisbären zum Fraß vor. Der Zuschauer würde es ihnen danken.
 

Fortitude (Staffel 1)

Eine kleine norwegische Kolonie irgendwo am Nordpolarmeer, bei der die bislang einzigen Todesfälle nicht auf menschliche Niedertracht, sondern auf animalischen Hunger zurückzuführen waren, dazu die ewige Kälte, die bizarre Schönheit der am Himmel tanzenden Polarlichter und ein bunt zusammengewürfelter Menschenschlag: Eigentlich ist der Ort des Geschehens in der 800-Seelen-Gemeinde Fortitude – abgesehen von der Kälte und den dadurch bedingten Rahmenbedingungen – fast schon ein Paradies, das zeigt, wie sehr Menschen unter Extrembedingungen zusammengeschweißt werden.

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