Films by Sheila McLaughlin and Lynne Tillman

Films by Sheila McLaughlin and Lynne Tillman

Eine Filmkritik von Falk Straub

Nicht gesellschaftsfähig

Es gibt Güter, über die mehr geschrieben wird, als dass sie konsumiert werden. Sheila McLaughlins Filme gehören dazu. Vor allem Texte der feministischen und der queer film theory befassen sich mit McLaughlins Werk, das eine Brücke vom Experimentalfilm zum narrativen Kino schlägt und Ende der 1970er Jahre als Teil der New Yorker Künstlergruppe „The Collective“ den Weg für das Independent-Kino ebnet.
War es für McLaughlin damals schwer, ihre Filme überhaupt zu finanzieren, so war es für Cinephile bisher beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, überhaupt an McLaughlins Filme heranzukommen. Selbst im Ausland liegen sie – wenn überhaupt – maximal auf VHS vor. Filmgalerie 451 ändert dies. In Zusammenarbeit mit Arsenal, dem Institut für Film und Videokunst, sind drei Filme McLaughlins auf einer DVD erschienen, die dank eines konsequent zweisprachigen Booklets (deutsch/englisch), Originalversionen der Filme und einer Freigabe für alle Regionen (Ländercode 0) auch für viele Kunden aus dem Ausland interessant sein dürfte.

Inside Out, 1976 und 1978 entstanden, ist noch ganz Experimentalfilm. In 25 Minuten zeigt McLaughlin drei aufeinanderfolgende Versuchsanordnungen: die Emotionen auf einem Mädchengesicht, Kinder, die mit verbundenen Augen nach einer Pinata schlagen, und zwei Läuferinnen kurz vor dem Start. Durch fortlaufende Wiederholungen und dem Spiel mit Beleuchtung und Schnitt (über-)dehnt McLaughlin den Moment, zögert die Anspannung ihrer Protagonisten hinaus. Da Inside Out komplett auf Ton verzichtet, kann sich der Zuschauer ganz auf die Bilder konzentrieren.

Der Verzicht auf Ton spielt auch in Committed (1980-1984) in entscheidenden Szenen eine Rolle und hat eine irritierende Wirkung. Als Frances Farmer (Sheila McLaughlin) einen Richter beschimpft, bleibt die Tonspur stumm, als hätte die Obrigkeit sie ein weiteres Mal mundtot gemacht. In Committed erzählen McLaughlin und Co-Regisseurin Lynne Tillman die Lebensgeschichte der Hollywood-Schauspielerin Frances Farmer, die nach Alkoholproblemen in die Obhut ihrer Mutter übergeben und von dieser schließlich in eine Nervenklinik eingewiesen wird. Der eigentliche Grund ist jedoch ein anderer: Politisch zu links, künstlerisch zu unangepasst, als Frau zu unkonventionell ist Farmer für ihre Zeit schlicht nicht gesellschaftsfähig. Ärzte erklären sie für verrückt, weil sie ihre Rolle als Frau nicht annehmen will. „Sie ist zu aggressiv … und ihre Sprache … mein Gott, für eine Frau! Wenn meine Frau so reden würde, würde ich sie einweisen“, urteilt ein Psychiater über Farmer.

Die Erzählung ist elliptisch, setzt immer wieder auf Selbstgespräche der Protagonisten, die nur scheinbar die Zuschauer adressieren, um ihnen Stationen aus Farmers Leben näherzubringen. Heinz Emigholz‘ Kamera nähert sich Farmer in langsamen Kreisbewegungen – in expressivem Schwarzweiß. Im Gegensatz zu Hollywood, das Farmers Geschichte 1982 im Film Frances mit Jessica Lange in der Hauptrolle auf die Leinwand brachte, setzen McLaughlin und Tillmann nicht auf Pathos und Empathie, sondern auf Didaktik. Dieser Kniff mag heute zwar etwas verstaubt erscheinen, verfehlt in entscheidenden Momenten, wenn (scheinbare) gesellschaftliche Autoritäten sich durch ihre Aussagen selbst entlarven, jedoch nicht seine Wirkung.

Welch unterschiedliche Wirkung She Must Be Seeing Things (1987) auf sein Publikum hatte, konnte sich selbst Sheila McLaughlin nicht ausmalen. Während der Film über die lesbische Low-Budget-Regisseurin Jo (Lois Weaver), deren Lebensgefährtin Agatha (Sheila Dabney) sich in eine krankhafte Eifersucht steigert, in San Francisco das International Lesbian and Gay Film Festival eröffnete, gab es in London Bombendrohungen. Für McLaughlin ein deutliches Zeichen, wie unterschiedlich Feministinnen auf der Welt mit den im Film verhandelten Themen homo- und heterosexuelle Liebe, Androgynität, Cross-Dressing und Transgender Mitte der 1980er umgingen. An Amerikas Westküste sei man damals wohl schon etwas weiter gewesen als in Europa, meint McLaughlin im Bonusmaterial der DVD.

Abseits aller Kontroversen, die heute kaum mehr nachvollziehbar sind, ist She Must Be Seeing Things vor allem ein enorm vielschichtiger Film, der seine Themen auf einer zweiten Ebene – als Film im Film – spiegelt. Technisch eindrucksvoll umgesetzt und mit einem enervierenden Soundtrack des Avantgardemusikers John Zorn bleibt She Must Be Seeing Things trotz aller Deutlichkeit im Hauptstrang der Erzählung in vielen Nebensträngen enigmatisch. Eigentlich eine Lovestory spielt She Must Be Seeing Things mit Versatzstücken des Thrillers und des Horrorfilms und hat auch ein Vierteljahrhundert nach seiner Entstehung nichts von seiner Vitalität verloren.

Films by Sheila McLaughlin and Lynne Tillman

Es gibt Güter, über die mehr geschrieben wird, als dass sie konsumiert werden. Sheila McLaughlins Filme gehören dazu. Vor allem Texte der feministischen und der queer film theory befassen sich mit McLaughlins Werk, das eine Brücke vom Experimentalfilm zum narrativen Kino schlägt und Ende der 1970er Jahre als Teil der New Yorker Künstlergruppe „The Collective“ den Weg für das Independent-Kino ebnet.
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