Ein Licht zwischen den Wolken (2018)

Log Line

Ein Heiligengemälde hinter dem Wandverputz einer Moschee: Das wühlt die muslimische wie die katholische Gemeinde in einem albanischen Bergdorf auf. Ein Konflikt, der sich in der multireligiösen Familie eines einfachen Hirten fortsetzt. Und in den Balkan-Konflikten. Und auf der ganzen Welt.

Ein Licht zwischen den Wolken (2018)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Katholische Moschee

Eine Bergidylle. Schneebedecktes Gebirge, im Tal ein Dorf. Ein Hirte führt seine Ziegen auf die Weide, er bimmelt mit einem Glöckchen, die Tiere folgen ihm – er treibt nicht, er lockt. Jungs spielen Fußball auf der Dorfwiese, der Hirte ist als einziger Erwachsener mit dabei. Der Hirte auf der Weide, er bettet seine Felljacke auf das Gras, kniet sich zum Gebet. Dann ist er verschwunden, wie plötzlich. In der Moschee – einer aus grob gehauenem Stein gemauerten Hütte – versammeln sich die Dorfbewohner zum Gottesdienst. Danach bleibt der Hirte im Gotteshaus. Schaut. Kratzt hinter dem Altar am Wandverputz.

In Ein Licht zwischen den Wolken schwelgt Robert Budina in wundervollen Bildern des albanischen Berglandes – und erzählt eine eindrückliche Parabel über die Wirrnisse unter den Religionen und den Menschen. Denn was Hirte Besnik in der Moschee findet, verborgen seit Jahrhunderten, ist eine alte katholische Heiligenabbildung. Das Gebäude war bis 1470 ein katholisches Gotteshaus. Und, noch krasser: In der Folgezeit der türkischen Herrschaft war es gar doppelt genutzt, von Moslems wie von Katholiken! Für die heutigen Gläubigen unglaublich, ein Skandal gar – und nicht nur für den Islam, auch für das Christentum in der Gegend.

Zwei Restauratorinnen aus der Stadt machen sich daran, den Kunstschatz an der Wand zu heben. Die eine von ihnen, jung, schön, rothaarig, lächelt Besnik offensiv an. Hier läuft Budinas Film beinahe Gefahr, in eine überzogene Liebesgeschichte zu rutschen – doch er weiß sehr genau, was er erzählen kann und wie viel davon. Denn mehr und mehr wird Besnik, der einfache Hirte, zum Handelnden, zum einzig Vernünftigen – und mehr und mehr wird der Film zu einem Psychogramm seiner Situation: In der Dorfgemeinschaft, in der Liebe, in der Familie.

Besnik, so stellt sich heraus, lebt multireligiös. Der Vater, alt und pflegebedürftig, ist glühender Kommunist, überm Krankenbett hängen sie alle, von Marx über Lenin bis Stalin. Die verstorbene Mutter war Katholikin gewesen, hat unterm kommunistischen, d. h. staatsatheistischen System heimlich gebetet. Und während die Schwester muslimisch ist, ist der nach Griechenland ausgewanderte Bruder für bessere dortige Arbeitschancen orthodox geworden. Die Szenen der Familie beim gemeinsamen Essen haben es in sich: Jedes Wort kann einen anderen verletzen, jeder Bissen den anderen ärgern. Der traditionelle Zusammenhalt in der Familie ist ausgehöhlt; nur Besnik scheint das ruhende Zentrum zu sein, er, der psychische Probleme hat, um den sich alle – widerwillig und schimpfend – kümmern, sie wissen von einem früheren Trauma, das der Film nur andeutet. Und so ist Besnik, der heilige Narr, in seinem auch familiären Außenseitertum eine Art Autorität: Er kann mit den Kindern umgehen, er sieht alles einfach und deshalb vielleicht wahrhaftig.

Was im Kleinen der Familie durchgespielt wird, entwickelt sich auch im Großen der dörflichen Gemeinschaft: Die Moslems diskutieren, ob sie ihr Gotteshaus wieder für katholische Messen öffnen sollen, und wissen: Die werden sich nie drauf einlassen. Zusammen mit der Restauratorin sehen wir Besnik in den Bergen wandern – es sieht aus wie erholsames Freizeitvergnügen, ist aber der Weg zur Kirche im anderen Tal. Der dortige Priester ist freundlich und abweisend zugleich: Gemeinsame Nutzung? Die als erstes aufschreien werden, das sind doch die Moslems! So ist von Grund auf jede Möglichkeit der Verständigung gekappt, man will nicht und weiß, dass die anderen auch nicht wollen, man lebt zusammen, aber nicht miteinander. Und natürlich ist auch die Verbindung Besniks zur Kunsthistorikerin ohne Zukunft.

Eine Parabel muss einfach sein. Robert Budina weiß das; er erzählt eine Geschichte von der Möglichkeit des Zusammenlebens, die nie zustande kommen wird. Was in der Familie geschieht, was im Dorf geschieht: Das geschieht auf dem ganzen Balkan, das geschieht auf der ganzen Welt. Ein Besnik kann das sehen (und wie Arben Bajkaktaraj in seiner Hirten-Rolle guckt: Er starrt in die Welt, verwundert und resigniert, hoffnungsvoll und unglücklich!); und er kann etwas tun; aber kann er etwas ändern? Die Konflikte der Menschheit bricht Budina herunter auf seine Erzählung aus den albanischen Bergen – und das ist berührend und angenehm und erbittert und aufrüttelnd.

Ein Licht zwischen den Wolken (2018)

Besnik ist ein einsamer Hirte und strenggläubiger Muslim, der sich vor unerwiderter Liebe Verzehrt. Seine Mutter ist eine fromme Katholikin, sein Vater war früher mal überzeugter Kommunist. Doch in dem kleinen Dorf in den Bergen Albaniens hat man nie viel drauf gegeben, wer welcher Religion zugehörig ist. Und selbst als man herausfindet, dass die Moschee früher einmal eine Kirche war, stört das das Zusammenleben nicht. Doch als Besniks Vater stirbt, droht die fragile Balance aus dem Gleichgewicht zu geraten … 

  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Weitere Filme von

Robert Budina

Weitere Filme mit

Osman Ahmeti

Arben Bajraktaraj

Suela Bako