Die letzte Lüge

Die letzte Lüge

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Ein turbulentes Osterfest

Jonas Groschs neuer Film möchte nicht mehr und nicht weniger sein als eine deutsche Screwball-Musicalkomödie. Ein gewagtes Unterfangen, wenn man bedenkt, wie schwierig es mitunter sein kann, schon eine ganz normale Komödie jenseits der erprobten Formel der Beziehungskomödie auf die Leinwand zu zaubern. Doch Grosch hat schon mit seinem Vorgängerfilm Résiste! - Aufstand der Praktikanten bewiesen, dass er durchaus ein Händchen für eher ungewöhnliche Komödien mit pfiffigen Ideen hat.
Es ist Ostern und Ole (Leander Lichti) und Lucy (Katharina Wackernagel) wollen endlich mal alleine feiern. Doch dann taucht Peter (Sebastian Schwarz) auf, Lucys heimliche Affäre, der fest davon überzeugt ist, seine Angebetete sei noch Single. Noch bevor es zum Unvermeidlichen kommt, steht Ina (Marie Buchard) ebenfalls auf der Matte; natürlich ist sie Oles Affäre und noch dazu - schwanger. Ein Tag voller Verstrickungen zwischen Lüge, Liebe, Wahrheit und Angst beginnt. Und damit nicht genug: Im Verlauf des Filmes gesellen sich noch Armin (Lenn Kudriawizki), Lucys gehörlose Schwester Nellie (Anja Knauer), ein Postbote sowie zwei existentialistische Klempner und eine ganze Rockabilly-Band hinzu. Kurzum: Das Haus ist bald proppenvoll und ebenso der Kopf des Zuschauers, denn das "Wer hat jetzt mit wem, wann und warum?" -Spiel wird alsbald recht anspruchsvoll.

Groschs Inszenierung ist eine Screwball-Komödie wie aus dem Lehrbuch. Zwar erscheint die Geschichte bei genauerer Betrachtung etwas an den Haaren herbeigezogen, doch das ist in diesem Genre ja nicht unüblich. Die moderne Version des alten "Krieg der Geschlechter"-Themas würzt der Regisseur, der zugleich für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, mit Figuren, die gegenwärtige Beziehungsmuster und das alte Thema "Beziehung oder Freiheit" gekonnt miteinander verbinden und im Hier und Jetzt verankern. Diese ganz eigene Mischung aus Alt und Neu macht sich auch stark in der Ausstattung und bei den Kostümen des Filmes bemerkbar, die vor allem mit den Rockabilly-Mädchen Lucy und Nellie Retro-Elemente in die sonst neue Inszenierung bringen und so starke Referenzpunkte setzen, die an die Wurzeln des Genres erinnern. Das Rockabilly-Thema vertieft sich im Soundtrack und auch bei den Musicalnummern. Das macht Spaß und gibt der Handlung zwar Tempo, allerdings sind fast alle Nummern in Englisch, was dem eigentlich handlungsverstärkenden Sinn einer Musicalnummer schadet.

Auch die für Screwball-Komödien übliche Dialoglastigkeit, das relativ schnelle Erzähltempo und stark konstruierte, detailgenau ineinander verwobene Beziehungskonstrukte bringt Grosch als Erbe des Ur-Genres in den Film mit ein. Die Verbeugung vor den immer noch wunderbar leicht wirkenden Hollywood-Komödien aus den 1930er und 1940er Jahren erweist sich aber als mit zunehmender Dauer des Films als schwere Hypothek. Denn sowohl den Dialogen als auch den Beziehungskonstrukten (und damit auch so mancher Figur) fehlt es an der nötigen Präzision und Stringenz. So schwankt der gesamte Film hin und her zwischen Szenen und Sequenzen, die bisweilen etwas hölzern und laienspielartig wirken und dann wieder Momente wunderbaren (zumeist visuellen) Humors enthalten.

Man möchte Die Letzte Lüge mögen und entspannt eine gute deutsche Komödie sehen, die sich abseits der bekannten und ausgetrampelten Pfade bewegt, doch die prinzipielle Sympathie, die man diesem Film entgegenbringt, wird einem nicht immer leicht gemacht. Das liegt vor allem daran, dass der Film an vielen Stellen einfach nicht zünden will, weil es ihm insgesamt an der Nonchalance und nötigen Lässigkeit fehlt.

Diese Verkrampftheit Groschs und seines Ensembles war auch in Résiste! - Aufstand der Praktikanten schon zu beobachten. So ist Die Letzte Lüge erneut ein Film geworden, der das enorme Potenzial andeutet, das in Jonas Grosch steckt. Auszunutzen vermag er es aber auch in diesem Film nicht - noch nicht.

Die letzte Lüge

Jonas Groschs neuer Film möchte nicht mehr und nicht weniger sein als eine deutsche Screwball-Musicalkomödie. Ein gewagtes Unterfangen, wenn man bedenkt, wie schwierig es mitunter sein kann, schon eine ganz normale Komödie jenseits der erprobten Formel der Beziehungskomödie auf die Leinwand zu zaubern. Doch Grosch hat schon mit seinem Vorgängerfilm "Résiste! - Aufstand der Praktikanten" bewiesen, dass er durchaus ein Händchen für eher ungewöhnliche Komödien mit pfiffigen Ideen hat.
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Meinungen
Bernd · 23.04.2011

Verkrampftheit der Schauspieler? Ich habe selten in Deutschland so unverkrampft aufspielende Schauspieler gesehen... Vielleicht ist es eher der etwas enge Horizont und die Verkrampftheit deutscher Kritiker, die solch einen Eindruck möglich machen?

Kommentare

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