Der Vater meiner Kinder

Der Vater meiner Kinder

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Hommage an einen Filmproduzenten

Das ist ein enorm schwieriges Thema: Wie geht eine Familie damit um, wenn sich der Vater plötzlich erschießt? Mia Hansen-Løve erzählt von diesem Schicksalsschlag mit einer bewundernswerten Zärtlichkeit. Sie schildert die unterschiedlichen Arten der Trauerarbeit mit einer emotionalen Dichte, die sehr leise und dadurch umso natürlicher ist. Auch wenn es merkwürdig klingen mag: Über weite Strecken ist dies ein lebensbejahender Film.
Grégoire Canvel (Louis-Do de Lencquesaing) liebt sein Leben: seinen Beruf als Filmproduzent ebenso wie seine Frau und die drei Töchter. Er sprüht vor Energie, geht keiner Schwierigkeit aus dem Weg und hat trotz hoher beruflicher Belastung immer ein großes Herz und ein offenes Ohr. Doch durch mehrere Missgeschicke gleichzeitig gerät seine Firma in die roten Zahlen. Grégoire setzt (zu) lange auf das Prinzip Hoffnung. Und als die Bank den Geldhahn endgültig zudreht, jagt er sich eine Kugel in den Kopf.

Es gibt eine Reihe schöner Szenen, die sich sehr einfühlsam auf die Gefühle der Trauer einlassen. In einer davon sehen wir fast nichts, denn der Strom ist ausgefallen an einem Abend, an dem die Familie mit einem guten Freund zusammen ist. Die überraschende Dunkelheit im ganzen Viertel lässt die Idee entstehen, auf die Straße zu gehen und zu den Sternen zu blicken. Die Stimmung ist gut, aber nicht ausgelassen, melancholisch und heiter zugleich. Ein magischer Moment, in dem das Gedenken an den Toten in der Bildsprache greifbar wird.

Regisseurin Mia Hansen-Løve findet eine Reihe solcher Einstellungen, in denen wir alles verstehen, ohne dass gesprochen wird. Sie erzählt unspektakulär, fast alltäglich, aber dadurch sehr intensiv. Besonders im Schnitt wird verständlich, welche emotionalen Entwicklungen die Hinterbliebenen durchmachen. Auf Momente stiller Verzweiflung folgen Szenen, die zeigen, dass das Leben weitergeht, auch wenn eine solche Phrase die damit gemeinten Gefühle nicht abbilden kann.

Vielleicht ist der Regisseurin und Autorin das Drehbuch deswegen so gut gelungen, weil sie nah dran wahr an diesem Schicksal. Die Filmfigur Canvel ist dem unabhängigen Pariser Produzenten Humbert Balsan nachempfunden, der im Februar 2005 den Freitod wählte. Mit ihm hat die Regisseurin bei ihrem Erstling Alles ist vergeben ein Jahr lang zusammengearbeitet. Die äußeren Fakten des Films stimmen daher weitgehend mit der Realität überein, die Psychologie der Familienbeziehungen ist dagegen frei entwickelt. Als das Drehbuch fertig war, hat es die Witwe Humbert Balsans zwar gelesen. Aber sie hat die Unabhängigkeit des fiktionalen Entwurfs komplett akzeptiert.

Mia Hansen-Løve sagt, sie habe Der Vater meiner Kinder / Le père de mes enfants nicht als Hommage an Humbert Balsan geplant. Aber in einem gewissen Sinn hat sie diesem Produzenten doch ein Denkmal gesetzt. Denn so feinfühlig und so warmherzig ist noch selten ein Produzent in einem Film beschrieben worden. Dieser Mann ist alles andere als ein Geldsack. Er wird gezeigt als ein Mann, der das Kino liebt und sich auch nach so vielen Jahren noch von einem guten Drehbuch begeistern lässt. Nicht weil es einen Knüller verspricht. Sondern einfach weil es gut und aus dem Leben gegriffen ist. So wie dieser Film.

Der Vater meiner Kinder

Das ist ein enorm schwieriges Thema: Wie geht eine Familie damit um, wenn sich der Vater plötzlich erschießt? Mia Hansen-Løve erzählt von diesem Schicksalsschlag mit einer bewundernswerten Zärtlichkeit. Sie schildert die unterschiedlichen Arten der Trauerarbeit mit einer emotionalen Dichte, die sehr leise und dadurch umso natürlicher ist. Auch wenn es merkwürdig klingen mag: Über weite Strecken ist dies ein lebensbejahender Film.
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Meinungen
bine · 25.05.2010

für wen sind die 4 Sterne? Bloß nicht reingehen, gäähn....

Kommentare

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