Der Spitzenkandidat (2018)

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Jason Reitmans neuer Film „Der Spitzenkandidat“ mit Hugh Jackman als Demokrat in der Präsidentschaftsvorwahl befasst sich mit der Verschmelzung von Politik- und Boulevard-Journalismus.

Der Spitzenkandidat (2018)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Von der Polit-Bühne auf den Boulevard

In Zeiten der Präsidentschaft von Donald Trump gehen politische Berichterstattung und Klatschjournalismus nicht selten Hand in Hand. Auch die Affäre des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton mit der Praktikantin Monica Lewinsky, die im Januar 1998 der Öffentlichkeit bekannt wurde, oder der folgenreiche Sexting-Skandal um den ehemaligen New Yorker Kongressabgeordneten Anthony Weiner im Jahre 2011 sind Beispiele dafür, wie das (Fehl-)Verhalten von Personen aus Politik-Kreisen der Boulevardpresse immer wieder Stoff liefert.

In seinem medienkritischen Sachbuch All the Truth Is Out: The Week Politics Went Tabloid identifiziert Matt Bai einen Vorfall aus dem Jahre 1988 um den Demokraten Gary Hart als Ausgangspunkt dieser medialen Entwicklung. Zusammen mit dem Regisseur Jason Reitman (Up in the Air) sowie dem Politikberater und Strategen Jay Carson hat der 1968 geborene US-Journalist und -Autor auf Basis seines Werks das Skript zu dem Spielfilm Der Spitzenkandidat verfasst, welcher besagtes Ereignis mit einer Vielzahl von Figuren schildert.

Nachdem es Gary Hart (Hugh Jackman) – einem Senator aus Colorado – im Jahre 1984 nicht gelang, sich bei der Präsidentschaftsvorwahl der Demokraten durchzusetzen, tritt er 1988 erneut an und gilt rasch als Favorit. Er wirkt aufrichtig-engagiert, lässt ein Gespür für die Probleme des Landes erkennen und mutet mit seiner Gattin Lee (Vera Farmiga) sowie den zwei gemeinsamen Kindern wie ein glücklicher Familienmensch an. Da es jedoch Gerüchte um Harts eheliche Untreue gibt, beschatten die Miami-Herald-Reporter Tom Fiedler (Steve Zissis) und Pete Murphy (Bill Burr) den Politiker – und sehen, wie sich das Model Donna Rice (Sara Paxton) in Harts Stadthaus aufhält. Sie machen den mutmaßlichen Seitensprung publik – woraufhin das Team um Wahlkampf-Leiter Bill Dixon (J.K. Simmons) erfolglos versucht, einen Skandal zu verhindern.

Der Spitzenkandidat erinnert in einigen Momenten an diverse Arbeiten der New-Hollywood-Ära, etwa an Bill McKay – Der Kandidat (1972). Wie in dem Werk von Michael Ritchie mit Robert Redford in der Titelrolle wirft Reitmans Film einen glaubhaften Blick hinter die glanzlosen Kulissen eines Wahlkampfs, mit einem charismatischen Politiker im Zentrum. Es wird deutlich, dass alle Beteiligten des Wahlkampf-Teams ihr Privatleben auf Eis gelegt haben, um Hart zu unterstützen – was die spätere Bestürzung, als die medialen Berichte über Harts angebliche Affäre einen Sieg zunichtezumachen drohen, umso greifbarer macht. Reitman kann dabei auf eine exzellente Besetzung des Nebenpersonals – etwa auf Alex Karpovsky (Girls) und Josh Brener (Silicon Valley) – zurückgreifen. In einer Plansequenz zu Beginn, die an die Methodik des Ensemble-Arrangeurs Robert Altman (Nashville, The Player) denken lässt, wird das Chaos, das einen Wahlkampf begleitet, überzeugend eingefangen. Überdies gelingt es dem Drehbuch, die Tatsache hervorzuheben, dass es in der Politik nicht zuletzt um Äußerlichkeiten geht; wiederholt wird Harts Attraktivität festgestellt („He’s got the hair!“).

Was Der Spitzenkandidat indes vermissen lässt, ist eine spürbare Haltung zu seinem Sujet. Wenn sich die Wahlkampf-Mitarbeiterin Irene Kelly (Molly Ephraim) um das Vertrauen der mutmaßlichen Geliebten von Hart bemüht und daraufhin zulässt, dass die junge Frau schutzlos der (Klatsch-)Presse ausgesetzt wird, erreicht der Film eine spannungsreiche moralische Ambivalenz, die an anderen Stellen fehlt. Die eher karikatureske Darstellung der Miami-Herald-Journalisten Fiedler und Murphy legt nahe, dass Reitman, Bai und Carson die Boulevardisierung der sogenannten Qualitätsmedien als fragwürdig einstufen; eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema wird allerdings nicht geboten. Auch der Strang um einen gewissenhafteren Journalisten der Washington Post (verkörpert von Mamoudou Athie) bleibt unscharf.

Hugh Jackman legt als Hart zwar eine grundsolide Leistung an den Tag – die eher distanzierte, unpräzise Position, die der Film gegenüber der Figur einnimmt, erweist sich jedoch als Schwäche. Eine Szene zwischen Hart und seiner jugendlichen Tochter Andrea (Kaitlyn Dever), die ihre Gefühle für eine Freundin entdeckt, sowie die Passagen, in denen Harts Einsatz für relevante gesellschaftliche Angelegenheiten erfasst wird, lassen den Politiker als Sympathieträger erscheinen; weshalb er sich aber derart uneinsichtig und einseitig als Opfer der Medien sieht, statt auch sein eigenes Tun kritisch zu hinterfragen – diesem Punkt geht Der Spitzenkandidat nicht weiter nach. So bleibt eine souverän gemachte, gut gespielte Chronik der damaligen Ereignisse, bei der man sich insgesamt etwas mehr Tiefe und Genauigkeit gewünscht hätte.

Der Spitzenkandidat (2018)

Im Jahre 1988 scheiterte die Präsidentschaftskandidatur des demokratischen Senators von Colorado Gary Hart, als eine Affäre mit einer jungen Frau bekannt wurde.

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