Der Dolmetscher (2018)

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Peter Simonischek ist wieder auf Reisen, abermals mit familiärem Hintergrund. Diesmal geht es jedoch um Vergangenheitsbewältigung – und er ist nicht allein unterwegs.

Der Dolmetscher (2018)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Auf Reisen

In „Toni Erdmann“ reiste Peter Simonischek als pensionierter Musiklehrer nach Bukarest, um der von ihm entfremdeten Tochter wieder näherzukommen; in „The Interpreter“ reist er indes als pensionierter Englisch- und Französischlehrer durch die Slowakei, um mehr über seinen Vater zu erfahren, der hier als SS-Offizier im Einsatz war – und etliche Menschen tötete.

Zwischen den beiden Figuren, die Simonischek in diesen Filmen spielt, gibt es – was deren Verhalten und deren Humor betrifft – einige Gemeinsamkeiten. Der größte dramaturgische Unterschied zwischen den beiden Werken ist jedoch, dass sich The Interpreter zum buddy movie entwickelt: Der von Simonischek verkörperte, 70-jährige Georg macht sich nicht allein auf den Weg – er lädt den 80-jährigen Übersetzer Ali Ungár (Jiří Menzel) ein, ihn zu begleiten.

Dieser steht zu Beginn der Geschichte vor der Tür von Georgs Apartment in Wien und will mit Georgs Vater reden, da dieser ein Buch geschrieben hat, in welchem er seine Erlebnisse und seine Taten im Krieg schildert. Doch Ali kommt zu spät: „Er ist gestorben“, sagt Georg – und Ali erwidert: „Dr. Graubner hat meine Eltern erschießen lassen.“ Was Georg zunächst nicht weiß: Ali hat eine Waffe in seinem Lederköfferchen. Sobald Graubner senior etwas Arrogantes gesagt hätte, hätte er ihn erschossen, erklärt Ali zu einem späteren Zeitpunkt.

Die erste Begegnung der beiden Männer würde auch perfekt als Kurzfilm funktionieren. „Darf ich vielleicht Ihre Toilette benutzen?“, fragt Ali. Anschließend bittet er um ein Glas Wasser. Die Sequenz zeichnet sich durch absurden Witz aus – und gipfelt in wüsten Beschimpfungen (Ali: „Sie sind ein antisemitisches Schwein!“, Georg: „Und Sie sind ein zionischer Übermensch!“), bis Ali schließlich die Wohnung verlässt, vorher allerdings noch ein Hakenkreuz in Georgs Postfach ritzt.

Wenn die Reise von Georg und Ali dann beginnt, sind die Dialoge oft etwas zu zweckmäßig; jede Zeile will uns etwas über die beiden – über deren Vergangenheit und über die Art und Weise, wie sie mit dieser umgehen, – mitteilen. Auch die für Roadmovies typische Etappendramaturgie wird etwas zu sehr nach Handbuch bedient – und ein stets wiederkehrendes musikalisches Thema verleiht der Inszenierung zuweilen etwas Betuliches. Dennoch gelingt dem Regisseur Martin Sulík, der das Skript gemeinsam mit Marek Lescák verfasste, eine stimmige Kombination tragischer und komischer Momente. Wenn Georg im Archiv mit erschütternden Aufnahmen konfrontiert wird, zeigt sich, dass Georgs nonchalantes Gebaren in erster Linie ein Schutzmechanismus ist.

Spannung gewinnt The Interpreter nicht nur daraus, dass Georg und Ali grundverschieden sind – ersterer hat drei gescheiterte Ehen hinter sich und versteht den Trip (zunächst) eher als Urlaub, letzterer war 52 Jahre verheiratet und möchte die Fahrt als Geschäftsreise verstanden wissen –, sondern auch aus der Tatsache, dass hier der Sohn eines Täters und der Sohn von Opfern zusammen versuchen, in irgendeiner Form Frieden oder doch wenigstens ein paar Antworten zu finden. Die Chemie zwischen Simonischek und Menzel stimmt – obendrein fangen Sulík und sein Kameramann Martin Strba die Reise des ungleichen Duos in souverän gestalteten Bildern ein. Die überzeugende visuelle Ausführung sowie das starke Zusammenspiel der Hauptdarsteller macht aus The Interpreter letztlich trotz einiger Schwachpunkte ein einnehmendes Seherlebnis.

Der Dolmetscher (2018)

Der 80-jährige Übersetzer Ali Ungár stößt auf das Buch eines ehemaligen SS-Offiziers, in dem dieser seine Kriegserlebnisse in der Slowakei beschreibt. Ali erkennt, dass in einem der Kapitel vermutlich von der Hinrichtung seiner Eltern die Rede ist. So macht er sich mit einer Pistole auf den Weg nach Wien, um den SS-Mann zu suchen und Rache zu nehmen. Doch er trifft nur dessen 70-jährigen Sohn Georg an, einen ehemaligen Lehrer, der seinem Vater ein Leben lang aus dem Weg gegangen ist und unter Alkoholproblemen leidet. Der Besuch des Übersetzers weckt Georgs Neugier. Er lädt Ali zu einer Reise durch die Slowakei ein. Während Georg sich dort vor allem amüsieren will, hofft Ali zu erfahren, wie seine Eltern tatsächlich starben. Nach und nach kommen sich die höchst ungleichen Männer näher und entdecken gemeinsam ein Land, das seine Vergangenheit am liebsten vergessen möchte.

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