Dark (2017)

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Mit Dark hat der US-Streamingdienst Netflix  mit dem Konkurrenten Amazon Prime Video gleichgezogen und die erste deutsche Eigenproduktion vorgelegt, die ihre Premiere beim renommierten Fil´mfestival in Toronto feiern konnte, woe sie gleich als Antwort auf Stranger Things gefeiert wurde. Ob solche Vergleiche angebracht sind?

Dark (2017)

Eine Filmkritik von Henriette Rodenwald

Die Zeit ist nur eine Illusion

Winden, Herbst 2019. Die Kleinstadt wurde im Frühsommer vom Selbstmord einer seiner Anwohner, Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph), aufgerüttelt. Niemand weiß warum, er scheint keinen Brief, keine Notiz hinterlassen zu haben. Und während Witwe Hannah (Maja Schöne) ihre Gefühle lieber beim Sex mit Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) verdrängt, seines Zeichens selbst verheiratet mit Schuldirektorin Katharina (Jördis Triebel) und Vater von drei Kindern, schluckt Sohn Jonas (Louis Hofmann) Medikamente und geht auf Waldspaziergänge mit dem ortsansässigen Therapeuten, Peter Doppler (Stephan Kampwirth). Es ist sein erster Schultag nach zwei Monaten Abwesenheit, Aufenthaltsort unbekannt. Sein bester Kumpel Bartosz (Paul Lux) streute das Gerücht, er wäre in Frankreich gewesen, „Baguettes verstecken“.

Doch es dreht sich nicht lange um Jonas’ persönliche Befindlichkeiten, denn vor einigen Wochen verschwand sein Mitschüler Erik Obendorf (Paul Radom). Überall hängen Vermisstenanzeigen, die Eltern flehen die Polizei vergeblich um weitere Hilfe an, in der Schule wird eine Versammlung einberufen, erst für die Schüler, abends dann die Eltern. Jeder hat etwas zu sagen, auch Polizeichefin Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Regina Tiedemann (Deborah Kaufmann), Besitzerin des örtlichen Hotels. Es tun sich Unstimmigkeiten auf, die auf tiefergehende Geschichten unter den Erwachsenen und zwischen den Familien deuten, bis ein verwirrter alter Mann in die Aula tritt. „Es wird wieder geschehen, es wird wieder geschehen“, brabbelt er vor sich hin. Bereits vor 33 Jahren verschwand ein Kind. Spurlos, ohne jemals wieder gesehen zu werden. Währenddessen stehlen sich die Kinder in den anliegenden Forst. Dort sollen sich noch Eriks Drogen in einer der berüchtigten Windener Höhlen befinden, die es sich jetzt unter den Nagel zu reißen gilt. Doch es kommt zu einem Zwischenfall, von den sechs Kindern, die in den Wald gingen, kommen am Ende nur fünf wieder heraus. Das sechste ist wie vom Erdboden verschluckt. Dann wird am nächsten Tag eine Kinderleiche gefunden, mit einem Walkman und Kleidung aus den 1980ern, das Gesicht ins Unkenntliche verbrannt.

Bereits im Vorfeld zur Veröffentlichung von Dark wurde die Serie immer wieder als das „deutsche Stranger Things“ bezeichnet. Und der Vergleich kommt nicht grundlos. Auch hier gibt es auf mysteriöse Weise verschwundene Kinder, deren vermeintliche Entführungen eine ganze Kleinstadt in den Ausnahmezustand versetzen und lang gehütete Geheimnisse zutage fördern. Auch hier scheint die ortsansässige Industrie üble Machenschaften zu vertuschen. Doch Baran bo Odars (Who Am IDas letzte Schweigen) neuestes Produkt ist einige Grade düsterer als die amerikanische Hit-Serie. Wo es bei Stranger Things noch comic reliefs gibt, die Kinder immer wieder mit Nebenkommentaren für Lacher und vor allem Nostalgie beim Publikum sorgen, bekommen die 1980er Jahre mit ihren knalligen Farben und Popmusik in Dark einen bedrohlichen Beigeschmack.

Und diese Bedrohung schwankt in jeder Minute mit. Über Winden und seinen Bewohnern hängt eine bedrückende, geradezu unheilvolle Stimmung. Die Kleinstadt wirkt trostlos, als würde sie nie von der Sonne erreicht werden. Die einsamen Straßen sind regelrecht ausgestorben, wenn Jonas auf seinem Fahrrad durch die Region fährt. Und immer wieder dieser Blick auf das örtliche Atomkraftwerk, welches wie eine ominöse Präsenz am Horizont prangt. Dazu dann noch die mystischen Windener Höhlen, die natürlich auch unter das Kraftwerk führen, und das Setting für die geheimnisvolle Serie ist perfekt.

Baran bo Odar zeichnet sich nicht nur für die Regie von Dark verantwortlich, Idee und Buch stammen ebenfalls aus seiner und Jantje Frieses Feder. Er versteht es, Spannung aufzubauen, Fährten zu säen, die nicht schon im Keim ersticken, sondern deren Früchte später geerntet werden können. Er gibt genug preis, um die Neugier zu wecken, dran bleiben zu wollen, aber hält eben auch zurück, kostet es aus, wenn er wieder einen weiteren Krumen hat fallen lassen, der die Spur weiterführt. Dazu gehört auch, die dritte Folge in die Vergangenheit zu versetzen. Statt 2019 ist es plötzlich wieder 1986, Eltern sind auf einmal selbst Kinder und Winden wird gerade von seinem ersten Verschwinden erschüttert.

Die Kameraarbeit (Nikolaus Summerer) ist klassisch, versucht wenig Experimente, sie dient vor allem der Handlungsfortführung. Konventionell kadriert mit standardmäßigen Schuss-Gegenschuss-Situationen sind ihre Bewegungen eher statisch, Spannung drückt sich primär durch Fahrten in das und aus dem Bild heraus aus. Weite Bildausschnitte dienen der Unterstreichung von Einsamkeit und Verlorenheit. Die Dynamik wird für energiegeladene Momente aufgespart, wie das Rennen durch den nächtlichen Wald, das Erkunden der Höhlen. Wirklich in Erinnerung bleibt nur eine sehr lange, scheinbar schnittlose Plansequenz ganz zu Beginn der ersten Folge, wenn die Kamera einen hektischen Morgen im Haushalt der Nielsens dokumentiert.

Deutlich prägnanter erweisen sich hingegen Farbton und Musikgestaltung. Die Welt Windens ist vorwiegend in dunklen, gedeckten Farben gehalten. Gebäude, Einrichtungen, Kleidung, fahles Licht, alles wirkt, als herrsche in dem Städtchen ständiger Herbst. In dieser Tristesse schafft es nur eine Farbe hervorzustechen: Gelb. Das Gelb in Jonas Regenmantel, das Gelb in der Schule und später auch das Gelb in einem unglaublichen Fund unter dem AKW, der noch mehr Fragen aufwerfen wird. Untermalt vom musikalischen Thema dissonanter Streichinstrumente entwickelt sich schnell ein Gefühl des Unbehagens ob der ewigen Schieflage dieses Ortes und seiner Familien, deren langgehütete Geheimnisse langsam ans Licht kommen.

Zum Zeitpunkt der Sichtung standen vorerst nur die ersten drei Folgen zur Verfügung. Diese sind ausreichend, um dem Sog Windens anheimzufallen. Aber es ist nicht genug, um einen zufriedenstellenden Überblick über das Figureninventar zu erlangen. Noch bevor die vier Hauptfamilien und ihre vielen Mitglieder namentlich vollends verinnerlicht werden können, geht es 33 Jahre zurück in die Vergangenheit. Wieder neue Gesichter, manche vollkommen fremd, andere das junge Pendant zu bereits etablierten Figuren, die wiederum in verzwickten Beziehungen zueinanderstehen. Wer ist mit wem befreundet, wer betrügt wen mit wem und was hat welchen Bezug zu wann? Und wenn man dann zur charakterlichen Aufklärung die imdb-Seite der Serie zu Rate zieht, deutet sich noch ein weiterer Zeitsprung an. Das wird ganz schön viel Personal für solch einen kleinen Ort.

Und doch trägt es zur Spannung bei. Das Bedürfnis, die begonnenen Geschichten fortzuführen, die Beziehungen der Bewohner Windens zueinander zu verstehen, endlich zu erfahren, was in dem mysteriösen Abschiedsbrief von Michael steht, der nämlich in den Händen seiner Mutter ist, und wie eine Höhle zum Portal zu einer anderen Zeit werden konnte, all das macht Dark zu einem gelungenen deutschen Serienformat mit Suchtpotenzial.

Dark (2017)

Nachdem in einer deutschen Kleinstadt ein Junge verschwunden ist, begibt sich der gesamte Ort auf die fieberhafte Suche nach dem Kind. Dabei kommen aber auch Geheimnisse und Unterdrückte Wahrheiten an die Oberfläche, die besser verborgen geblieben wären. Die zehnteilige, für Netflix produzierte Serie „Dark“ ist die erste deutsche Produktion für den Streaming-Giganten. Regie führt der Schweizer Baran Bo Odar („Das letzte Schweigen“, „Who Am I - Kein System ist sicher“, „Sleepless - Eine tödliche Nacht).

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Dark (2017) - Trailer 2 (deutsch)
Dark - Trailer (deutsch)
Dark - Teaser Trailer (deutsch)
Dark (2017) - Trailer (englisch)

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Dark (2017)
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Netflix
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