Cleo (2019)

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Cleo, Film wie Hauptperson, starten mit hoher Energie in die Geschichte und Gegenwart Berlins hinein. Und verirren sich dann ein wenig im Untergrund.

Cleo (2019)

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Schatzkarte Berlin

Hat wirklich jede Stadt eine Seele, ihre ganz eigene – nein, nicht nur Stimmung, sondern – Persönlichkeit? Das Kino sucht jedenfalls immer wieder danach, nach dem genius loci der Städte, und vielleicht kommt es nicht von ungefähr, dass amerikanische Filme diesen Geist ihrer doch noch recht jungen Städte, alle blutige Vorgeschichte ignorierend, eher in der Gegenwart suchen, während Europa schneller den Blick in die Vergangenheit wendet.

Erik Schmitt sucht nun in Cleo die Seele von Berlin, und, so suggeriert es die Art und Weise, wie das Mädchen von einem Erzähler eingeführt wird, eigentlich hat man sie schon gefunden: Denn Cleo, die Titelfigur, ist geboren quasi auf der Mauer, in der Nacht des Mauerfalls; ein Kind der Maueröffnung, Halbwaise zugleich – die werdenden Eltern wollen aus Ostberlin raus als Blutungen einsetzen. Da sind sie in ihrem Auto eingepfercht zwischen lauter johlenden Grenzgängern und kommen zu spät zum Rettungswagen: Es kann nur eine gerettet werden, Kind oder Frau.

Der Erzähler, der das alles einführt und wie eine hypothetische, durch Raum und Zeit flirrende Gestalt wirkt, taucht später noch einmal unvermittelt ganz real auf: als Archivar und Historiker. Als Verwalter von Erinnerungen und Geschichte. Vorher aber geht die kleine Cleo (Gwendolyn Göbel) mit ihrem Vater (Fabian Busch) auf Entdeckungsreisen durch die Stadt, Schatzsuchen, Abenteuer – bis bei einem solchen Ausflug eine (auch das ist Geschichte) alte Fliegerbombe ihren Vater in einem unterirdischen Gang verschüttet.

Bis dahin irrlichtert dieser Film elegant und beglückend durch Raum und Zeit; er spielt mit der Größe der Räume genauso wie mit der Größe der Leinwand; lässt knirschend schwarze Ränder sich wie Tore öffnen, erweckt Tote zum Leben (der greise Jean Pütz darf Albert Einstein spielen, dem er in Nachts im Museum 2 schon einmal indirekt seine Stimme geliehen hatte), ruft Berliner Mythen auf und bricht die vierte Wand nieder. Er würfelt Stadt und Menschen durcheinander, die im besten Sinne an Michel Gondrys Science of Sleep – Anleitung zum Träumen erinnern, und ist ganz in der digitalen Gegenwart darin, wie sichtbar alle Menschen immerzu mit den Möglichkeiten von Bildern und Illusionen hantieren.

Und dann geht ihm nach einer halben Stunde einfach die Luft aus. Das ist in der Handlung der Moment, in dem die nun erwachsene Cleo (Marleen Lohse) durch ihren Alltag geht: Ein Schritt nach dem anderen und bloß keine enge Beziehung zu irgendjemandem eingehen. Der Film visualisiert das noch durch ein schlagendes Herz, um das auf einmal eine Mauer sich schließt – aber dann fällt Schmitt visuell nichts wirklich Aufregendes mehr ein, und auch die Handlung gerät zu einer verhältnismäßig konventionellen Schatzsuche, angeschubst von Paul (Jeremy Mockridge).

Paul sucht nach dem verschwundenen Diebesgut der Gebrüder Sass, die in der Weimarer Republik unter anderem aus den Schließfächern einer Bank am Wittenbergplatz wohl Schätze im Wert von zwei bis zweieinhalb Millionen Reichsmark mitgehen ließen – und an Cleo hat er schon auch Interesse, nicht nur, weil sie so viel über Berliner Geschichte und Geschichten weiß.

Es geht dann noch drunter und drüber, vor allem drunter, in dieser Geschichte; das ist nicht nur schlecht, weil natürlich ein Film, der sich traut, mit Genres und Erwartungen zu brechen, der sich nicht einmal recht auf ein Zielpublikum festnageln lässt, ein Gewinn ist. Die visuelle und narrative Energie, die Cleo durch die ersten dreißig, vierzig Minuten trägt, stammt fast vollständig aus Ideen, die Schmitt bereits für seinen Kurzfilm Nashorn im Galopp (auch schon mit Marleen Lohse) verwendet hat; in Cleo ist das nun besser, schöner, eleganter inszeniert, aber es fehlt eben der letzte Dreh, der aus den betörenden Bildern auch eine schmerzhaft-schöne Geschichte macht, in der nicht nur wir „Irrlichter in einer Stadt voller Erinnerungen“ unsere Gefühle äußern, sondern die Stadt ihre ambivalente Seele offenbart.

Cleo (2019)

Nach den Kurzfilmen Nashorn im Galopp und Berlin Metanoia präsentiert Erik Schmitt seinen ersten Spielfilm in der Generation-Reihe der Berlinale. Erneut spielt Berlin eine Hauptrolle. Es geht um die Seele der Stadt, deren ereignisreiche Geschichte mal eben bis zum Urknall durchgespult wird. Geister von Berliner Legenden versprühen ihr Wissen, während Cleo verzweifelt versucht, die Schicksalsschläge ihrer Kindheit ungeschehen zu machen. Ein sagenumwobener Schatz verspricht Hoffnung. Zusammen mit drei skurrilen, aber liebenswerten Begleitern begibt sie sich auf die Suche, quer durch die Stadt, die Zeit und ihre eigene Gefühlswelt.

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Meinungen
Peter · 18.02.2019

Schwacher Film.

Riccarda Caiati · 11.02.2019

Die Kritik ist leider sehr negativ.
Der Film ist wunderbar, kreativ und vollkommen anders als der übliche deursche Mainstream.
Macht glücklich!

Kommentare

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