Beautiful Boy (2018)

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Steve Carell und Timothée Chalamet durchleben als Vater und Sohn in Felix Van Groeningens "Beautiful Boy" den Teufelskreis der Drogenabhängigkeit und deren Auswirkungen auf die gesamte Familie.

Beautiful Boy (2018)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Wo ist mein Sohn?

Mit „Beautiful Boy“ legt der belgische Filmemacher Felix Van Groeningen (The Broken Circle, 2012) sein englischsprachiges Debüt vor. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit dem Australier Luke Davies, der sich bereits in seinem Roman Candy und bei der (Mit-)Arbeit am Skript zur Leinwand-Adaption „Candy – Reise der Engel“ (2006) mit dem Thema Drogensucht befasste. Hier erzählen die beiden nun auf Basis zweier autobiografischer Werke – David Sheffs Beautiful Boy und Nic Sheffs Tweak – die Geschichte einer Familie, die mit der Crystal-Meth-Abhängigkeit des Teenager-Sohnes umzugehen versucht.

Zu Beginn des Films sehen wir, wie der Freelance-Journalist David (Steve Carell) professionelle Hilfe sucht, um seinen süchtigen Sohn Nic (Timothée Chalamet) zu verstehen. Er frage sich inzwischen, wer Nic – der ihm immer so nahestand – eigentlich sei. Und er will wissen, was die illegalen Substanzen mit beziehungsweise aus Nic machen und wie er sich seinem Sohn gegenüber verhalten soll. Daraufhin springt die Handlung ein Jahr zurück: Der 18-jährige Nic ist seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen – in das idyllische Anwesen, in dem David mit der Künstlerin Karen (Maura Tierney) und den gemeinsamen Kindern Jasper (Christian Convery) und Daisy (Oakley Bull) nach der Trennung von Nics Mutter Vicki (Amy Ryan) ein neues Leben für sich und Nic aufgebaut hat. Als Nic wieder auftaucht, wird rasch klar, dass er Drogen konsumiert hat. David bringt ihn in einer Klinik unter, wo sich der Jugendliche einer 28-Tage-Behandlung unterziehen soll.

Nach deren Abschluss äußert Nic den Wunsch, unabhängig zu sein: Er will in einer offenen Einrichtung wohnen und erst mal jobben, statt aufs College zu gehen. Aber schon bald hat Nic einen Rückfall – und die Pläne ändern sich wieder: Er möchte nun doch studieren. Nach einer hoffnungsvollen Phase, in der Nic seine Begeisterung für Literatur vertieft und eine Kommilitonin (Stefanie Scott) kennenlernt, folgt indes der nächste Rückfall – und es wird noch lange nicht der letzte sein. Immer wieder gibt es Neustarts; immer wieder keimt Zuversicht auf. Doch nach jedem Tiefpunkt geht es stets noch tiefer hinab.

Der Titel Beautiful Boy kann den Verdacht aufkommen lassen, dass hier stark mit Ästhetisierung gearbeitet wird. Und fraglos sieht Timothée Chalamet über weite Strecken besser aus, als ein Crystal-Meth-Süchtiger nach mehrmonatigem Konsum (und einer noch längeren Alkohol- und Drogenvorgeschichte) vermutlich aussehen würde. Auch der Musikeinsatz gibt an einigen Stellen durchaus Anlass zu Kritik: Die Pop-, Grunge-, Trip-Hop- und Shoegazing-Nummern, die zu hören sind, sind eine Art „Soundtrack des Lebens“ von Vater und Sohn, die einst etwa zusammen zu Territorial Pissings von Nirvana im Auto abrockten; als Untermalung heftiger und konfliktreicher Situationen geben die Songs jedoch einigen (Montage-)Sequenzen eine unnötig coole, stylishe Anmutung, während sphärische Choralklänge gegen Ende das Geschehen ebenso unnötig überhöhen. Das Sound Design soll zudem diversen Momenten durch Irritationsgeräusche wohl eine zusätzliche Wucht verleihen – obwohl sämtliche Szenen auch ohne diese Effekte ausgekommen wären.

Insgesamt ist Van Groeningens Werk allerdings kein Film, der an einer audiovisuellen Glorifizierung von Drogensucht interessiert ist. Seine Stärken liegen vor allem in der Dramaturgie und im Schauspiel. Drogensucht – das machten die Buchvorlagen bereits deutlich und das zeigt auch die Adaption sehr eindrücklich – folgt keiner überschaubaren Drei-Akt-Struktur. In banalen Bearbeitungen des Themas kommt es irgendwann zu einem kathartischen Augenblick, der alle (inneren) Dämonen besiegt – und das Leben aller Beteiligten kann endlich weitergehen. Beautiful Boy bricht mit dieser Simplifizierung: Wenn hier Sätze wie „Das wird gut!“ oder „Heute ist ein guter Tag!“ gesagt werden, wenn der Fahrtwind in den Haaren Freiheit verspricht oder beim Herumalbern im Garten ein kollektives Harmoniegefühl aufkommt, ist das nie von Dauer – kein Happy End, nur eine Station kurz vor der nächsten Katastrophe, vor der nächsten Lüge, dem nächsten Streit, dem nächsten nächtlichen Anruf in purer Verzweiflung. Das ist verdammt anstrengend – und äußerst glaubwürdig.

Gleiches gilt für die Darstellungen. Steve Carell spielt den Vater nicht als Helden, aber er kann vermitteln, dass David seinen Sohn bedingungslos liebt – und er bereit ist, für diesen durch sämtliche Höllenkreise zu gehen. Wenn David an Erlebnisse mit dem jüngeren Nic (verkörpert von Kue Lawrence und Jack Dylan Grazer) denkt, hat das nichts Sentimentales; es entsteht vielmehr das stimmige Bild einer komplexen Vater-Sohn-Beziehung. Und Timothée Chalamet (Call Me by Your Name) beweist an Carells Seite erneut, wie facettenreich er agieren kann: Wenn er in seiner Rolle von „einmaligen Ausrutschern“ spricht, wenn Nic lügt und um Verzeihung, um eine zweite, dritte, vierte Chance bittet, wenn er Psycho-Terror verübt, indem er seinem Vater Schuldgefühle einredet, und sich letztlich immer wieder schrecklich für seine Taten schämt, ist das oft kaum zu ertragen. „Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte“, ruft Nic seinem Vater entgegen, als er an einem weiteren Tiefpunkt angekommen ist – und die Art und Weise, wie Chalamet diese nicht enden wollende Folge von Scheitern und Flehen, von Versprechungen, Vertrauensbrüchen und Verletzungen interpretiert, ist schlichtweg großartig.

Beautiful Boy (2018)

Basierend auf den Büchern Beautiful Boy von David Sheff und Tweak”  von seinem Sohn Nic Sheff, erzählt Beautiful Boy von einer Familie, die lange Jahre gegen eine schwere Suchterkrankung anzukämpfen hatte.

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