Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein unterschätztes Juwel chinesischer Filmkunst

In ein kleines, abgelegenes Bergdorf mit bäuerlicher Bevölkerung verschlägt es die beiden jugendlichen Freunde Ma (Liu Ye) und Luo (Chen Kun) Anfang der 1970er Jahre, die hier im Sinne der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ Chinas durch harte körperliche Arbeit ihre bürgerliche Bildung abstreifen oder doch zumindest kräftig relativieren sollen. Nach anfänglicher Scheu scharen sich die Dorfbewohner nur allzu gern um die belesenen Städter, die es ganz zauberhaft verstehen, die analphabetischen Bauern mit Geschichten aus dem verbotenen Fundus der Weltliteratur zu unterhalten.
Als Ma und Luo die Bekanntschaft der Enkelin des alten Dorfschneiders (Cong Zhijun) machen, die schlichtweg „die kleine Schneiderin“ (Zhou Xun) genannt wird, entwickelt sich eine intensive Freundschaft zwischen den drei jungen Leuten, die für das Mädchen und Luo in eine Liebesbeziehung mündet. Gemeinsam streifen die Freunde in ihrer freien Zeit durch die unwegsame, doch wunderschöne Landschaft, und es ist nicht zuletzt die heimliche Liebe zur Literatur, die sie in ihren Gesprächen pflegen. Als sie herausfinden, dass „Vierauge“ (Wang Hongwei), der ebenfalls zur Umerziehung im Dorfe weilt, in einem Koffer eine Sammlung wertvoller, verbotener Bücher versteckt, rauben sie ihm kurzerhand diesen Schatz europäischer Schriften und finden unter anderem ein Werk des französischen Schriftstellers Honoré de Balzac, das besonders auf die kleine Schneiderin eine folgenreiche Faszination ausüben wird ...

Balzac und die kleine chinesische Schneiderin nach dem gleichnamigen, autobiographisch geprägten Roman des Regisseurs Dai Sijie erzählt vor dem Hintergrund der repressiven gesellschaftspolitischen Verhältnisse im China der frühen 1970er Jahre die Geschichte einer Freundschaft zu dritt, einer ersten Liebe zu zweit und einer Emanzipation ganz allein, die letztlich die anfänglichen Konstellationen hinter sich lassen wird. Es ist die kleine Schneiderin, die nach den Schwierigkeiten einer ungewollten Schwangerschaft und durch die Inspirationen der Literatur beflügelt schließlich als Erste das kleine Bergdorf verlässt, um ihren ganz eigenen Weg zu verfolgen – allein. Auch Ma und Luo werden wieder in die große Welt entlassen und Jahre später zurückkehren, um ihre einstige Gefährtin zu suchen, die sie beide liebten und deren ungebändigte, eigenwillige Persönlichkeit sich tief in ihren Herzen als unstillbare Sehnsucht verankert hat.

Innerhalb der Sektion "Un Certain Regard" bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2002 uraufgeführt wurde Balzac und die kleine chinesische Schneiderin seinerzeit weltweit auf einer Handvoll Filmfestivals gezeigt, und es ist erstaunlich, dass dieser poetische, emotional zutiefst berührende Film mit seinem sanften Humor, seinen kraftvollen Bildern und seiner bewegenden Botschaft hinsichtlich der Macht literarischer Universen den Auszeichnungen entgehen konnte. Wenn Ma und Luo Balzac schlichtweg als Autoren eines albanischen Films ausgeben, um die Quelle ihrer Erzählungen als politisch korrekt auszuweisen, oder Mozart in die Nähe von Mao Zedong gerückt wird, pocht hier der lebendige Puls einfallsreicher Schelmerei angesichts eines repressiven Systems, das schleichend an den eigenen defizitären Strukturen scheitert – und sei es zunächst für das magische Moment einer Geschichte oder eines Musikstückes. Wenn Ma bei seiner Rückkehr ins Bergdorf auf der Suche nach der namenlosen kleinen Schneiderin in der Dämmerung im See schwimmt und sich bemüht, die Namen auf den zahlreich dort treibenden Papierschiffchen zu entziffern, entfaltet sich einmal mehr die Atmosphäre von wehmütiger wie wunderschöner Melancholie, die ein tragendes Element des gesamten Films darstellt, der den Wert der persönlichen Freiheit letztlich über jenen von Liebe und Freundschaft erhebt.

Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

In ein kleines, abgelegenes Bergdorf mit bäuerlicher Bevölkerung verschlägt es die beiden jugendlichen Freunde Ma (Liu Ye) und Luo (Chen Kun) Anfang der 1970er Jahre, die hier im Sinne der "Großen Proletarischen Kulturrevolution" Chinas durch harte körperliche Arbeit ihre bürgerliche Bildung abstreifen oder doch zumindest kräftig relativieren sollen.
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