Wir wollten alle Fiesen killen (2020)

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In deutschen Erzählungen, so behauptet Dr. King Schultz in „Django Unchained“, komme immer irgendwo ein Berg vor. In „Wir wollten all Fiesen killen“ ist der Berg aber nicht nur Schauplatz, sondern zugleich Protagonist und Zeuge von 100 Jahren deutscher Geschichte.

Wir wollten alle Fiesen killen (2020)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Über den Berg

Wer kann schon von sich behaupten, einen Berg zu besitzen? Keinen metaphorischen aus Schulden oder finanziellen Mitteln, sondern eine waschechte physische Erderhebung? Nicht viele, vermutlich. Zwei dieser Glücklichen heißen Bettina Ellerkamp und Jörg Heitmann. Allerdings sind die beiden mit ihrem Besitz des Trompeterfelsens nahe Rothenstein, südlich vom thüringischen Jena gelegen, alles andere als glücklich. So zumindest der Eindruck, der sich nach ihrem zweiten gemeinsamen Langfilm „Wir wollten alle Fiesen killen“ aufdrängt.

Falls den Lesenden das Regie- und Autorenduo unbekannt sein sollte, ist das kaum verwunderlich: Ihr gemeinsames Erstlingswerk Killer.berlin.doc über zehn Menschen, die an einem tödlichen Spiel teilnehmen, erschien 1999, war eine experimentelle Mischung aus Dokumentarfilm und Fiktion, lief aber weitestgehend unter dem Radar. Ellerkamp und Heitmann hatten jedoch Feuer gefangen, wollten weiter Filme drehen und planten wenig später, Boris Vians Roman Wir wollen alle Fiesen killen zu adaptieren: Ein Science-Fiction-Werk über einen Wissenschaftler, der im Untergrund Klone herstellt und mit deren Hilfe alle „Fiesen“ („nasty ones“) von der Welt tilgen will. Eine Parodie auf den US-amerikanischen Kriminalroman, eher unterhaltsamer Camp denn eine ernstzunehmende Angelegenheit.

Gerade deshalb wohl aber auch eine ideale Vorlage für einen Film. 2003 hatten Ellerkamp und Heitmann die Rechte für die Adaption erworben und eine kleinere Summe angespart – letztlich machte ihnen aber die Filmförderung einen Strich durch die Rechnung. Science-Fiction mit öffentlichen Geldern? Sie sollten doch besser im Bereich des „künstlerischen Dokumentarfilms“ bleiben, sei ihnen angeraten worden, berichtet Heitmann zu Beginn des Films und fährt fort: „Und dann wurde uns auf einmal dieser Berg angeboten.“ Zu einem Spottpreis. Doch eben jener Berg habe seine Biografie und Filmkarriere völlig aus der Bahn geworfen. Denn der Wunsch von einem lukrativen Weiterverkauf erfüllte sich nicht.

Aus der Romanadaption wurde also nichts. Dafür entstand ein Dokumentarfilm, für den der Buchtitel elegant ins Präteritum verschoben wurde: Wir wollten alle Fiesen killen. Neben dem Berg selbst sind es in diesem 90-Minüter insbesondere die unterirdischen Stollen mit ihrer Gesamtlänge von 5,5 Kilometern, die im Fokus wirtschaftlicher Interessen standen und stehen. Und auch in dem des Films: Eine gefühlte Ewigkeit erkundet die Kamera anfänglich die sinistren, schier endlosen kalt-weißen Gesteinsgänge. Fünf Minuten dauert es, bis endlich das erste menschliche Gesicht auftaucht – das einer Anhängerin der „Geomantie“. Die Frau berichtet fasziniert von den energetischen Strömen innerhalb der Stollen, schwärmt von „Ley Linien“ und „Drachenlinien“, ertastet das Gestein, so als wäre es ein fühlendes und sprechendes Wesen.

Dieser skurrile Kurzausflug in Richtung Esoterik ist nur ein Vorgeschmack auf das, was da noch kommen mag. Könnte der Trompeterfelsen aber tatsächlich sprechen, er hätte einiges zu erzählen. Stellvertretend dafür lassen Ellerkamp und Heitmann diverse Zeitzeugen zu Wort kommen, die von der Geschichte des Berges berichten: Zur Nazi-Zeit ein Kaolinbergwerk, in dem sich Zwangsarbeiter zu Tode schufteten, nutzte die NVA die Stollen später als Bunkeranlage und Munitionsdepot, seinerzeit das größte Europas. Auch der ehemalige Bürgermeister von Rothenstein hat einen Auftritt, sucht gemeinsam mit dem Regieduo auf dem Berg nach Kreuzen, die davon zeugen sollen, dass sich sowjetische Soldaten dort einst das Leben genommen hätten.

Der Trompeterfelsen, dieser Eindruck drängt sich im Verlaufe des Films auf, scheint so etwas wie die Verkörperung der letzten 100 Jahre deutscher Geschichte zu sein. Wie das Land um ihn herum machte auch er den Wechsel von der Diktatur zum Sozialismus und schließlich zum Kapitalismus mit. Von letzterem zeugen die weiteren Gesprächspartner, die Ellerkamp und Heitmann aufgetrieben haben: Ein Immobilieninvestor sieht in den Stollen finanzielles Potential im neunstelligen Bereich. Ein Energieexperte ein zukünftiges Atommüllendlager. Die Telekom ein Hochsicherheits-Rechenzentrum. Ein gewisser Henry Lewy prahlt im übergroßen Anzug davon, dort Thorium einlagern zu wollen. Ein einsamer Wanderer sucht in den Stollen nach dem Bernsteinzimmer. Und ein US-Amerikaner möchte aus der Anlage einen Luxusbunker für die Apokalypse machen – online lassen sich Appartements zwischen 35.000 und zwei Millionen Dollar anmieten.

Es habe in den vergangenen Jahren zahllose Angebote gegeben – jedes von ihnen sei entweder an der Gemeindeverwaltung oder an anderen obskuren Problemen gescheitert, erläutert Heitmann. Sein Resümee: „Der Berg hat viele merkwürdige Menschen angezogen – und immer dieses Gier-frisst-Hirn-Prinzip ausgelöst.“

Ellerkamp und Heitmann haben in Wir wollten alle Fiesen killen ein Kaleidoskop der Kuriositäten zusammengetragen. Manches davon klingt fast zu verrückt, um wahr (oder nicht zumindest ein wenig überspitzt) zu sein. Die Illusion des rein objektiven Beobachtens brechen beide regelmäßig auf, etwa durch visuelle Einschübe von Menschen mit grotesken Tiermasken, die durch die Tunnel laufen. Vor allem aber mit Interview-Passagen, die üblicherweise dem Schnitt anheimfallen würden: Gesprächsvorbereitungen, Versprecher oder ein älterer Herr, der bei seiner Suche nach einer ganz speziellen Linde auf dem Trompeterfelsen ins Gebüsch stolpert, verleihen dem Film einerseits eine erfrischende Authentizität. Andererseits lassen die Filmemacher*innen mit diesen Szenen ganz unaufdringlich ihre eigene, subjektive und von jahrelangem Frust geprägte Perspektive einfließen. Ob es das ist, was hierzulande unter „künstlerischem Dokumentarfilm“ verstanden wird? Ein Schelm, wer in diesem Film zugleich einen (real)satirischen Seitenhieb in Richtung Filmförderung sieht…

Wir wollten alle Fiesen killen (2020)

Eine Realsatire über den unglaublichen Erwerb und den unmöglichen Verkauf eines Bunkerbergs – eine Mischung aus ernsthafter Dokumentation und trocken-humorvoller Science-Fiction.

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Meinungen
Ralf-Friedrich Voiß · 31.10.2020

Hallo,
ich kann leider nicht zum Dokfilm Festival fahren. Wie kann ich anderweitig an den Film heran kommen?
Mit freundlichen Grüßen
Ralf-Friedrich Voß

Christian · 02.11.2020

Hallo! Fast alle DOK-Filme sind dieses Jahr online verfügbar für 5 Euro zur Leihe. Hier alle Infos, wie das geht: https://www.kino-zeit.de/news-features/aktuelles/dok-leipzig-2020-alle-infos-zum-hybrid-festival

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