Eine einsame Stadt (2020)

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Anhand von Interviews mit einem guten Dutzend Protagonist*innen erkundet Nicola Graef, was Einsamkeit in einer Metropole bedeutet. Ein Mosaik der Empfindungen, das jedoch auf rein subjektiver Ebene verweilt.

Eine einsame Stadt (2020)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Das andere Berlin

Eigentlich dürfte in einer Weltmetropole wie Berlin niemand einsam sein. Eigentlich. Dass trotz einer Bevölkerungsdichte von mehr als 4000 Menschen pro Quadratkilometer aber nicht jede/r Anschluss zu anderen findet, was für Auswirkungen das auf das eigene (Selbst-)Bewusstsein hat und welche Bewältigungsstrategien manche dagegen entwickelt haben, das versucht Nicola Graef in ihrem neuen Dokumentarfilm zu ergründen.

Dafür bedient sich die Regisseurin von Ich, Immendorff (2012), Neo Rauch – Gefährten und Begleiter (2016) und zahlreichen dokumentarischen Porträts für das deutsche Fernseher einer bewährten Strategie: Eine einsame Stadt ist ein klassischer Talking-Heads-Dokumentarfilm, der ohne Off-Kommentar, ohne kreativ-künstlerische Füllmasse, ohne Schnörkel daherkommt und – mit Ausnahme einiger Schnittbilder – vollständig aus Interviews mit einem knappen Dutzend Protagonist*innen besteht.

Deren Zusammenstellung ist überaus divers. Da ist eine junge Studentin, die in Berlin eine Stadt für extrovertierte Menschen sieht, sich selbst aber als introvertiert begreift, weshalb sie ihre Freizeit zu Hause allein verbringt und sie mit Videospielen und Mangas füllt. Da ist ein 85 Jahre alter Fotograf, der Zeit seines Lebens Junggeselle blieb, weil er nie lange bei einer Frau verweilen konnte. Ein ehemaliger Gewichtheber, der nun im gehobenen Alter die Nähe einer Partnerin vermisst. Eine alleinerziehende Mutter, deren größte Sorge es ist, was aus ihrem Kind wird, sollte ihr einmal etwas zustoßen. Oder ein Maler, der nach langer Beziehung als Ü-50-Jähriger wieder auf dem Single-Markt landete und erst einmal lernen musste, wieder mit Komplimenten und Flirts umzugehen. Die Porträtierten umfassen sämtliche Altersklassen und unterschiedlichste Lebensentwürfe – bilden jedoch ausschließlich die Mittelschicht ab.

Dennoch: Die Erfahrungen und Eindrücke, die die Protagonist*innen hier so offenherzig vor der Kamera äußern, sind vielfältig und erstaunlich reflektiert. Einsamkeit, das wird in Eine einsame Stadt einmal mehr deutlich, ist allem voran ein Gefühl. Entsprechend subjektiv wird sie von den Porträtierten empfunden, bewertet und bewältigt. Die einen haben bereits den wichtigen Schritt getan, mit ihr leben zu lernen und sich mit der eigenen Gesellschaft zu begnügen, um daraus genug Selbstbewusstsein für einen Schritt nach vorn zu schöpfen. Einige stecken noch inmitten dieses Prozesses, anderen steht er noch bevor: Aus den Hauptakteur*innen sticht insbesondere eine Physiotherapeutin heraus, deren Gatte zunehmend verwirrter und vergesslicher wird. Ein körperlich anwesender, doch mental immer stärker abwesender Partner – auch das kann Einsamkeit bedeuten.

Nicola Graef hat für dieses Projekt eine vortreffliche Bildsprache gefunden: Sie hält die Kamera auf Distanz, fängt ihre Gesprächspartner*innen in großen, offenen Räumen ein, inszeniert sie als kleine menschliche Punkte in der Umgebung. U-Bahnen, Fitnessstudios, Cafés, Parks: Überall dort, wo sich Menschen begegnen und zusammenkommen, grenzen sich die Protagonist*innen selbst aus – oder werden ausgegrenzt. Trotz des ein oder anderen Plausches wirken sie stets mehr oder minder isoliert. Wo die visuelle Ebene überzeugt, beraubt die auditive den Film aber seiner eigentlich so nüchtern-authentischen Anmutung: Melancholische Streicher und zartes Klaviergeklimper dominieren die Szenenübergänge und verleihen Eine einsame Stadt eine beinahe aufdringliche emotionale Note.

Auch konzentriert sich Graef derart auf die subjektiven Empfindungen ihrer Gesprächspartner*innen, dass ein systematischer Blick ausbleibt. Wie wirken sich etwa Soziale Medien, wirtschaftliche Strukturen, Geschlechter- und Rollenbilder oder gängige Moral- und Wertvorstellungen auf eine möglicherweise zunehmende emotionale und körperliche Vereinsamung von Teilen der Gesellschaft aus? Einige Protagonist*innen reißen diese Fragen zwar an – die Chance, sie (wenn auch nur in Ansätzen) zu beantworten, bleibt in Summe aber ungenutzt. Eine einsame Stadt ist ein Mosaik der Gefühle. Ehrliche Gefühle zwar, deren reine Subjektivität und fragmentarische Zusammenstellung einem größeren Erkenntnisgewinn allerdings entgegenstehen.

Eine einsame Stadt (2020)

„Eine einsame Stadt“ portraitiert ein Gefühl, das vor keiner Generation, keiner Gesellschaftsgruppe und keiner Berufssparte Halt macht. Ein Gefühl, das symptomatisch zu sein scheint in einer Zeit, in der mehr und mehr Begegnungen digital stattfinden, in der lange, verbindliche Partnerschaften immer ungewöhnlicher erscheinen, in der man sich nicht mehr heimisch fühlt in einer großen Familie, einem verlässlichen Freundeskreis oder einfach nur, weil man sich durch Jobwechsel oder Arbeitsbelastung nicht gekümmert hat um seine sozialen Beziehungen. Statistiken belegen: immer mehr Menschen fühlen sich einsam, sind einsam, leben einsam. Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Die Individualisierungsschleife, einst als Befreiung gefeiert, macht erst heute mehr und mehr sichtbar, was auf der Strecke geblieben ist: Verbindlichkeit, Loyalität, Hinwendung. In den Großstädten werden immer mehr Single Wohnungen gebaut, weil sie gebraucht werden. Berlin dient in diesem Film als Realkulisse für Erfahrungen von Einsamkeit. Der Film lässt sich episodenhaft mit den Protagonisten durch die Stadt treiben. Alle Menschen in diesem Film leben ihre ganz eigene Einsamkeit: verlassen, verwitwet, Single, überfordert, gehetzt, auf der ewigen Suche. Alle eint das Gefühl in dieser Stadt nirgends so richtig dazuzugehören. (Quelle: Verleih)

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