Atomkraft Forever (2020)

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Das Atomzeitalter neigt sich dem Ende zu, die Utopie vom sauberen Strom aus dem Atomkern längst passé. Der Film Atomkraft Forever“ zeigt, was davon übriggeblieben ist: hochgiftiger Müll und die Mammutaufgabe, ihn zu beseitigen.

Atomkraft Forever (2020)

Eine Filmkritik von Kais Harrabi

Strahlende Zukunft

Zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass es in Fukushima in einem Atomreaktor zu einer Kernschmelze kam. Das Unglück führte dazu, dass nur wenige Tage später hierzulande der Atomausstieg beschlossen wurde. Bis 2022 soll Deutschland aus der Kernenergie raus sein. Aber Themen wie Rückbau der Kraftwerke und Endlagerung werden uns trotzdem noch auf Jahre beschäftigen, wie der Dokumentarfilm Atomkraft Forever“ zeigt.

Der Film beginnt in Greifswald. Das Atomkraftwerk dort ist seit 1995 stillgelegt. Bis 2028 soll der Rückbau abgeschlossen sein. Hier wird der Atomausstieg zum aufwändigen Verwaltungsakt, denn neben den tatsächlichen Arbeiten wird dort in Akten und Ordnern protokolliert, welche Räume schon dekontaminiert sind, in Lagerhallen liegt der strahlende Schutt in fein säuberlich übereinandergestapelten blauen Containern. Wohin dieser Schutt mal kommen wird, weiß noch keiner so recht. Der Plan für ein Endlager im niedersächsischen Gorleben ist gescheitert.

Kurz vor der Premiere des Films auf dem Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig im Herbst 2020 stellte eine Kommission zur Standortsuche ihren Bericht vor. Immerhin gebe es in Deutschland ganze 90 Orte, die infrage kämen. Welcher es letztlich wird, ist aber noch offen. Die Endlagersuche ist ein eigenes Kapitel im Film. Wir sehen die Bundesgesellschaft für Endlagerung bei der Arbeit in einem Gebäude, das den Charme eines Arbeitsamts hat. Und wir lernen Vertreter von Umweltschutzorganisationen und Bürgerinitiativen kennen, die sich Mitbestimmung bei der Endlagersuche sichern möchten.

Atomkraft Forever portraitiert aber auch Menschen, die von der Atomkraft profitiert haben: Im bayerischen Grundremmingen spricht Regisseur Carsten Rau mit einer Hotelbetreiberin und dem ehemaligen Bürgermeister. Für beide ist der Atomausstieg ein harter Schlag. Für die Grundremminger war der Atomstrom identitätsstiftend. Mit der Abschaltung des Kraftwerks gleicht die Gemeinde auf einmal einem verschlafenen Nest, über dem noch die Kühltürme des stillgelegten Meilers thronen. Ein nagelneues, hochmodernes Sportzentrum ist verwaist, genauso wie die Gaststätte, die sonst einmal im Halbjahr von Wartungsarbeiter*innen überrannt wurde.

Atomkraft Forever ist nicht der erste Film, den Rau über die Energiewende gemacht hat. Zusammen mit seinem Kollegen Hauke Wendler hat er für das öffentlich-rechtliche Fernsehen mehrere Fernsehdokus zu dem Themenkomplex gedreht, er kennt sich in der deutschen Energiepolitik bestens aus. Dass Rau viel als  Fernsehregisseur gearbeitet hat, merkt man Atomkraft Forever aber leider an. Zwar gibt es immer mal wieder schöne Bilder vom Rückbau der Anlagen in Greifswald zu sehen, generell sind die Bilder von Kameramann Andrzej Król aber eher welche, die man aus jeder x-beliebigen öffentlich-rechtlichen TV-Doku kennt. Gleiches gilt auch für die wenig raffinierte Erzählweise. Atomkraft Forever ist eben eher eine journalistische Dokumentation als eine poetische Auseinandersetzung mit dem, was das Atomzeitalter uns hinterlässt. Für letzteres gibt es dann zum Beispiel Michael Madsens grandiosen Film Into Eternity (2010) über das finnische Endlager Onkalo.

Madsen gibt einem in seinem Film ein besseres Gespür für die unfassbaren Zeiträume, in denen beim Umgang mit dem Atommüll gedacht werden muss, etwa wenn er erzählt, dass die Arbeit an Onkalo begann, als er selbst klein war und erst im 22. Jahrhundert fertiggestellt sein wird. In Atomkraft Forever heißt es zum Schluss, dass Jörg Meyer, einer der Protagonisten aus Greifswald, im Jahr 2028 in Rente gehen wird. Der letzte Atommüll werde aber nicht vor 2080 in einem Endlager verschwunden sein. Auch die Erklärung einer Geologin, dass ein Endlager ja eine Million Jahre halten und dann unter anderem zehn Eiszeiten überstehen muss, wirkt eher lapidar. Das „Forever“ aus dem Titel des Films bleibt nebulös, dabei würde es dem Film guttun, ein besseres Gespür für die irren Zeiträume zu vermitteln, in denen hier gedacht werden muss.

Die Sachlichkeit ist dabei aus journalistischer Perspektive absolut sinnvoll und tadellos, aber dadurch wirkt Atomkraft Forever an vielen Stellen eben auch so aufregend, wie ein Regalmeter Aktenordner im Finanzamt. Dazu kommt, dass der Film ästhetisch etwas holprig geraten ist. Die Versuche, ihn etwas aufzupeppen – zum Beispiel, dass in jedem Interview an einer Stelle zwei Arme ins Bild ragen und die „Klappe“ machen – wirken als wären sie aus tiefgründigeren Dokumentarfilmen abgeschaut. An anderer Stelle unterbricht einer der Protagonisten das Interview kurz, um eine Zahl nachzuschlagen. Solche Momente erinnern an eher essayistische Filme wie Peter Mettlers The End of Time. In Atomkraft Forever sind sie aber nicht viel mehr als ästhetischer Firlefanz, der nicht wirklich zum Film beiträgt. So ist Carsten Raus Film eine inhaltlich spannende Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften des Atomzeitalters, formal kommt Atomkraft Forever aber leider nie über Fernsehniveau hinaus.

Atomkraft Forever (2020)

2022 steigt Deutschland endgültig aus der Atomkraft aus. Weil das Risiko zu hoch ist, die Technik nicht beherrschbar. Doch der nukleare Albtraum geht weiter: Mit Zigtausenden Tonnen radioaktiven Mülls, mit dem gefährlichen Rückbau der Kraftwerke und mit Nachbarn, die am Menschheitstraum Kernenergie festhalten. Der Kino-Dokumentarfilm „Atomkraft Forever“ von Carsten Rau wirft einen ebenso profunden wie beunruhigenden Blick auf den nuklearen Alptraum, der kein Ende hat.

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